Israel | Ex-Botschafter Avi Primor im langen Interview

"Ich habe große Schwierigkeiten gehabt, Netanyahus Politik zu rechtfertigen"

16.03.2015

Avi Primor ist einer der profiliertesten Vertreter des Staates Israel - und dazu einer, der gerne bei der eigenen Regierung aneckt. Jetzt hat er seine Autobiographie "Nichts ist jemals vollendet" veröffentlicht. Wir haben mit ihm über das Unvollendete gesprochen: die Diplomatie der Zwischenmenschlichkeit, die deutsch-israelischen Beziehungen - und den von Angst bestimmten Wahlkampf in Israel.

Ein Diplomat, der aneckt

Er gehört zu der Generation, die seit 2.000 Jahren zum ersten Mal wieder in einem jüdischen Staat aufgewachsen ist. Und er ist eines DER Gesichter des Staates Israel geworden – mindestens in Deutschland, aber eigentlich auch in der Welt. Sein Chef im Auswärtigen Amt hat einmal gesagt: Er müsse überall, wo es nötig sein wird, Israel vertreten. Man könnte also auch sagen: Auf seine Schultern hat der Staat Israel viel Verantwortung gelegt.

Avi Primor war unter anderem von 1993 bis 1999 Botschafter in Deutschland – ein Diplomat, der Kritik an der eigenen Regierung nicht gescheut hat: Nachdem er der WELT ein Interview gegeben hatte, in dem er der damaligen Regierung Netanyahus unterstellte, nicht nach demokratischen, sondern religiösen Prinzipien zu handeln, wurde er aus Deutschland zurückbeordert.

Aktuell ist Primor nicht nur als Publizist tätig, sondern auch Präsident des Zentrums für Europäische Studien an der Universität Tel Aviv und Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Außerdem hat er gerade seine Autobiographie „Nichts ist jemals vollendet“ im Quadriga-Verlag veröffentlicht.

Israel wählt ein neues Parlament

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung fällt mit einem wichtigen politischen Ereignis in Israel zusammen. Am Dienstag finden dort Parlamentswahlen statt. Das Besondere: Nach den letzten Umfragen müssen der amtierende Premier Benjamin Netanyahu und seine Likud-Partei mit einer Niederlage rechnen. Nachdem die israelischen Bürger sich schon lange mit ihrer konservativen Regierung unzufrieden zeigen, gibt es nun die Chance auf die politische Wende durch Netanyahus Herausforderer vom „Zionistischen Bündnis“, das sich aus Mitte-Links-Parteien zusammensetzt.

Warum diese Wende bislang ausblieb, erklärt Avi Primor im detektor.fm-Interview mit den Besonderheiten der israelischen Geschichte und Mentalität:

Israel ist, trotz der mächtigen Situation, ein ängstliches Volk (…), und die Regierung schürt diese Angst, weil das gut für die Wahlen ist. Wenn die Leute Angst haben, wenn sie meinen, überall lauert die Gefahr (…) und überall wird ein neuer Holocaust vorbereitet, wie Netanjahu das immer wiederholt, dann wollen die Israelis eine starke Regierung haben und meinen, eine starke Regierung sei eine rechte Regierung (…) Diese Psychologie der Angst ist eine echte Psychologie des Volkes. Das hat mit der israelischen Psyche zu tun (…), mit der Tatsache, dass Israel im Krieg geboren ist und seit 1948 immernoch im Kriegszustand lebt.

Im Gespräch mit unserer Moderatorin Doris Hellpoldt erklärt Avi Primor nicht nur die Mentalität seiner Landsleute, sondern schildert unter anderem, wie sich Mensch und Politiker Netanyahu unterscheiden, und warum den deutsch-israelischen Beziehungen eine schwierige Zeit bevorsteht.

Avi Primor _ Interview"Wenn unsere Politik sich ändern sollte, wenn wir einen Friedensprozess anstreben sollten, glaube ich, dass auch die Kritik in Deutschland gegenüber Israel verschwinden wird und wir die Sympathien wieder zurückgewinnen können."Avi Primorsorgt sich um die deutsch-israelischen Beziehungen. Foto: detektor.fm