Im Libanon gärt nicht nur der Müll

"Es geht eigentlich um den politischen Stillstand"

24.08.2015

Beirut hat ein Müll-Problem. Seit Juli steht die Müllabfuhr still. Ist das ein weiteres Symptom der tiefen innenpolitischen Krise? Jedenfalls scheint es den Libanesen zu reichen. Am Wochenende gingen Tausende auf die Straße. Die Proteste nahmen ein gewaltsames Ende.

Müll ohne Ende

Es stinkt gewaltig in Beirut. Seit Wochen türmt sich der Müll in den Straßen der libanesischen Hauptstadt. Der Grund für die Müllkrise ist die Schließung der wichtigsten Mülldeponie des Landes. Die Müllhalde wurde Ende der 1990er Jahre als Notlösung errichtet. Sie musste von der Regierung geschlossen werden, weil die Anwohnerproteste gegend die überfüllte Deponie zu groß geworden sind. Die Anwohner klagten über den Gestank und beschwerten sich über gesundheitliche Probleme.  Der private Betreiber der Anlage setzte seitdem den Abtransport des Mülls aus. Die libanesische Regierung versprach vor Wochen eine langfristige Lösung des Problems zu finden. Die Einwohner Beiruts haben aufgrund der wachsenden Müllberge begonnen, die Abfälle eigenständig in den Straßen der Hauptstadt zu verbrennen, oder sie in den Flüssen und im Meer zu verklappen. Die Gefahr eine Gesundheitskatastrophe wächst.

Die Gemüter sind wirklich sehr erhitzt […].  Es scheint ein Punkt erreicht worden zu sein, wo gesagt wird, so gehts nicht weiter. – Livia Gerster Islamwissenschaftlerin und Libanonexpertin.

Das Maß ist voll

Nun eskalierte die Situation in Beirut. Seit Tagen erschüttern heftige Ausschreitungen die Hauptstadt. Die Polizei setzte schwere Geräte wie Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten ein. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Eine baldige Lösung zeichnet sich nicht ab. Es könnten noch Monate vergehen bis die Krise wirklich endet. Die Demonstranten fordern aber nicht nur eine Lösung des Müllproblems. Die Ursachen der derzeitgen Krise liegen viel tiefer. Unter dem Motto „Ihr stinkt“ fordern die Demonstranten auch den Rückzug der Regierung. Es gärt nicht also nur der Müll im Libanon.

Müllkrise als Symptom

Der Libanon befindet sich seit Monaten in einer innenpolitischen Krise und scheint wie gelähmt. Das Parlament hätte bereits vor Monaten neu gewählt werden sollen. Zudem hat das Land seit etwa einem Jahr kein Staatsschef mehr. Die Menschen kritiseren lautstark die Vetternwirtschaft und Korruption im Lande und schimpfen über die andauernde Unfähigkeit der Regierung die grundlegende öffentliche Versorgung zu sichern. Die wochenlange Müllkrise ist nun der Trofpen, der das Fass im krisengeplagte Land zum überlaufen bringt.

 Wirtschaftlich und Politisch steht das Land am Abgrund. – sagt Gerster.

Wie die Proteste weitergehen bleibt zurzeit offen. Doch wurde nicht nur nur in Beirut, sondern auch im nördlichen Tripoli viele Menschen mobilisiert. Menschen die nicht nur die üblichen Aktivisten, sondern auch Leute die sich – laut der Journalistin Livia Gersters –  ansonsten selbst als eher unpolitsch bezeichnen. Gersters glaubt nicht, dass sich die Proteste vom Wochenende nun erledigt haben.

Die Libanesen sind eigentlich dafür berühmt mit all den vielen Krisen um sich herum eher mit viel Humor und Gelassenheit zu reagieren, aber jetzt scheinen die Leute es sich nicht mehr bieten lassen zu wollen gehen auf die Straße.

Die Stimmung bleibt angespannt. Den Libanesen stinkt es gewaltig. Über das krisengeschüttelte Land hat detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg mit Livia Gerster gesprochen. Sie ist Islamwissenschaftlerin und Journalistin. Sie lebte bis Mai 2015 in Beirut und kennt Land und Leute.

_MG_5301 - Arbeitskopie 3Worum es eigentlich geht, ist der politische Stillstand im Land. Es geht um die korrupte und völlig unfähige Regierung, um die syrischen Flüchtlinge unter deren Last das Land fast kollabiert, oder auch um die stark angeschlagene Wirtschaft. Livia GersterUnd das alles zu einer Zeit in der ein heftiger Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien tobt.  

Redaktion: Carsten Jänicke