Ist die NATO Schnee von gestern?

Europa hat Angst vor Russland

16.01.2017

Der kalte Krieg? Längst vorbei! Warschauer Pakt? War gestern! Die vermeintlichen militärischen Gegner sind heute Terroristen. Wozu dann überhaupt noch ein Verteidigungsbündnis namens NATO?

In einem Interview mit zwei europäischen Tageszeitungen bezeichnet der künftige US-Präsident Donald Trump die NATO als obsolet. Damit sorgt der frisch gewählte Präsident der Vereinigten Staaten bei der NATO und ihren Mitgliedern gleichermaßen für Verwunderung und Besorgnis. Zum einen hat der designierte US-Verteidigungsminister James Mattis zuletzt gerade die Verbundenheit zwischen den USA und dem Militärbündnis betont. Zum anderen tragen die Vereinigten Staaten schließlich das Bündnis zu einem großen Teil mit.

Was ist die NATO?

Die tragende Rolle der USA in der NATO hat ihre Gründe. Die liegen jedoch in einer längst vergangenen Zeit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründeten Nordamerika und Westeuropa die North Atlantic Treaty Organisation. Dabei sicherten sie sich vertraglich zu, einander im Falle eines gegnerischen Angriffs zu verteidigen und zu unterstützen. Der klare und einzige Gegner des Bündnisses war die Sowjetunion, welche mit anderen osteuropäischen Staaten den Warschauer Pakt gründete.

Den USA diente Europa als Pufferzone und die NATO als Staatengemeinschaft während des großen Wettrüstens im Kalten Krieg. Für die westlichen Europäer war sie eine Art Schutzschild und Lebensversicherung gegenüber Russland.

Ist die NATO wirklich obsolet?

Der Kalte Krieg ist mittlerweile seit fast drei Jahrzehnten vorbei, der Warschauer Pakt mit dem Fall des Eisernen Vorhangs Geschichte und der größte Teil Osteuropas bereits Mitglied der Europäischen Union und der NATO. Man könnte also meinen, was als Begründung für die Existenz des Verteidigungsbündnisses angeführt wird, hat sich in Luft aufgelöst. Viele Staaten in Osteuropa sehen das allerdings anders.

Noch hängt die militärische Sicherheit der Europäer von den USA und der NATO ab. – Dr. Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Nicht wenige osteuropäische Staaten fühlen sich von Russland immer noch bedroht. Die Annexion der ehemals ukrainischen Krim 2014 bestärkt sie darin. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Krim besetzen lassen und zum russischen Territorium erklärt. Die USA und Europa schauten zu. Da sie befürchten, dass sich ein ähnliches Szenario wiederholen könnte, werden die Rufe nach NATO-Truppen immer lauter. Dies liegt auch daran, dass Europa bisher keine Alternativen zum traditionellen Bündnis hat.

Dr. Claudia Major ist sich sicher, dass sich an der Rolle und Notwendigkeit der NATO nichts verändert hat. Sie forscht für die Stiftung Wissenschaft und Politik zur europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Alexander Hertel erklärt sie, warum die für Europa unverändert wichtig ist und es an Alternativen mangelt.

csm_Major_Claudia_a31afc6ea9Die EU bietet kurfristig keine Alternative.Dr. Claudia Majormeint, dass derzeit kein Weg an der NATO vorbeiführt – und forscht für die Stiftung Wissenschaft und Politik zur europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.