Nuit Debout: Frankreichs neueste Protestbewegung

Aufrecht durch die Nacht

10.05.2016

Seit Ende März zieht es jeden Abend tausende Franzosen auf die Straßen von Paris. Ihre Protestbewegung heißt Nuit Debout, sinngemäß etwa "aufrecht durch die Nacht". Anfangs richtete sie sich lediglich gegen die geplante Arbeitsmarktreform. Inzwischen geht es aber um noch viel mehr: eine komplett andere Politik soll her.

Im Jahr 2005 haben Krawalle die Pariser Vorstädte erschüttert. Die Jugendlichen dort fühlten unbändigen Hass auf den französischen Staat. „Ich hab Hass!“, hieß darum ihr Schlachtruf. Die Pariser dachten nur „Oh là là!“ aber so richtig verstehen konnten sie die Wut der Vorstädter damals nicht. Inzwischen ist die Wut im Zentrum Frankreichs, im Zentrum der Besser- und Topverdiener und der Bildungselite angekommen.

Neu ist die Art und Weise wie demonstriert wird. – Julie Hamann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

Die neue Wut im Herzen der Hauptstadt hat auch einen Namen: Nuit Debout. Die Protestbewegung besitzt nicht nur einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Liberalisierung des französischen Arbeitsmarktes. Mittlerweile fordert sie auch konkrete Veränderungen.

Nuit Debout: Wer steckt dahinter?

In der Protestbewegung toben sich keinen Radikalen aus, hier begehrt ein frustrierter Mittelstand auf. Das sind gepflegte, gut ausgebildete Menschen in schicken Trenchcoats, die sich in ganz Frankreich und vor allem im Zentrum der Bewegung, in Paris, Nacht für Nacht auf dem Place de la République versammeln.

Unter denen, die nur diskutieren wollen, gibt es aber inzwischen auch einige, die ihre Forderungen mit etwas mehr Nachdruck, notfalls mit Gewalt vertreten. Und das wirft zunehmend ein schlechtes Licht auf die Anhänger der Nuit Debout.

So hat auch der Angriff auf den französischen Philosophen Alain Finkielkraut das Image der Bewegung anders gefärbt. Die Bewegung deshalb als „gewaltbereite Linksextremisten“ abzustempeln, wäre aber falsch. Im Mittelpunkt steht weiterhin der landesweite Wunsch nach einer sozialeren Politik.

In den letzten Jahren hat François Hollande einige Entscheidungen getroffen, die vor allem die Linken sehr schockiert haben. – Julie Hamann

Politik ist Sache aller

Auch arrivierte Ökonomen und Soziologen wie Frédéric Lordon oder der ehemalige Umweltspezialist von Le Monde Hervé Kempf und Filmemacher wie François Ruffin zeigen sich solidarisch mit den Ideen, die dort formuliert werden. Ideen, denen der Staat mit Tränengas und Verhaftungen, mit Lärmgranaten und einer schlagkräftigen Polizei begegnet.

Eine der zentralen Formulierungen auf der Webseite lautet: Politik ist nicht Sache einiger Politprofis, Politik ist Sache aller. Und das ist der Punkt. Die Leute, die zu den Protesten der Nuit Debout kommen, haben nicht mehr das Gefühl, dass ihre Interessen von den von ihnen gewählten Politikern repräsentiert werden. Damit sind sie nicht allein. Denn was da in Paris passiert, lässt sich auch in einem gesamteuropäischen Zusammenhang einordnen.

Wie und warum, das hat detektor.fm-Moderatorin Astrid Wulf mit Julie Hamann, Programmmitarbeiterin für Frankreich und deutsch-französische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, besprochen.

Hamann_JH_ENS_1687Ein entscheidender Punkt, der die Gruppe vereint, ist die große Enttäuschung gegenüber der sozialistischen Politik, von der sich viele Wähler nicht repräsentiert fühlen.Julie Hamann Programmmitarbeiterin für Frankreich und deutsch-französische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. 

Redaktion: Kristin Lakva