Serie “China im 21. Jahrhundert” – Die große Wirtschaftsmacht: Bedrohung oder Chance?

02.01.2012

China: Kein Land ist derart präsent in unserem Alltag, und gleichzeitig derart unverstanden. In der ersten Ausgabe unserer Serie geht es heute um die Wirtschaft der Volksrepublik. Ist China der Retter Europas?

Die Rollenzuschreibung vom „Retter Europas“ wäre vor 50 Jahren noch undenkbar gewesen. Doch das Reich der Mitte ist längst im 21. Jahrhundert angekommen. In weniger als vier Jahrzehnten hat sich China zum Wirtschaftsgiganten gemausert – damit auch zum Zugpferd für die Weltwirtschaft? Einen kurzen Überblick darüber, wie mächtig Chinas Wirtschaft wirklich ist, hören Sie hier:

 


Doch wie stabil ist die chinesische Wirtschaft tatsächlich? Bedeutet der Aufstieg der Volksrepublik zwangsläufig einen Abstieg der USA und Europas?
Franziska Hendreschke ist diesen Fragen auf den Grund gegangen. Heute im Teil 1 unserer Serie zu China: ein Blick auf die Wirtschaft der Volksrepublik.

Der komplette Audio-Beitrag zum Nachlesen:

Zwiespältig ist wohl das richtige Wort, wenn es darum geht das westliche Verhältnis zur Volksrepublik China zu beschreiben. Der Westen bewundert China und fürchtet es zugleich. Den asiatischen Giganten, der sich innerhalb weniger Jahre zum Exportweltmeister, zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht und zum größten Gläubiger der USA aufgeschwungen hat. Doch genauer betrachtet, ist diese Entwicklung gar nicht mal so überraschend, wie Ulrich Volz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik erklärt:

Ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern sollte mehr produzieren, mehr erwirtschaften, als ein Land wie die USA, das viel viel kleiner ist. Insofern ist die Situation, die wir im 20. Jahrhundert hatten, eigentlich eine Anomalie.

Bereits 1820 machte China fast ein Drittel der Weltwirtschaft aus. Doch nur 20 Jahre später verlor es seine Vorreiterposition. Denn durch die Industrialisierung hatte Chinas Konkurrenz im Westen deutlich an Macht gewonnen. Chinas Versuch, sich gegen die ausländische Freihandelspolitik zu wehren, schlug fehl. Schlimmer noch: in Folge der Opiumkriege musste die Volksrepublik zahlreiche Handelsregionen an die Briten abtreten und weitgehende Zugeständnisse nicht nur an Großbritannien, sondern auch an Frankreich, Russland und die USA machen. Das sogenannte „Jahrhundert der Demütigungen“ prägte das Denken ganzer Generationen – und tut es bis heute.

Über hundert Jahre musste sich das einst so stolze China immer wieder fremden Mächten beugen. Große Teile der Ökonomie brachen zusammen, Massenarmut war die unmittelbare Folge. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte China komplett den Anschluss verloren. Erst Deng Xiaoping, Führer der Kommunistischen Partei Chinas, führte das Land durch seine Reformprozesse zurück zu alter Stärke. Unter Deng wurde Ende der 1970er Jahre eine Wirtschaftsform geboren, die Experten als marktliberalen Staatskapitalismus bezeichnen. Das Konzept: Planwirtschaft trifft Kapitalismus.

Ein Erfolgsrezept? Nicht wirklich, zumindest nicht langfristig. Denn was in der Vergangenheit für gigantische Wachstumsraten gesorgt hat, wird nun zunehmend zum Problem, wie Gunter Schnabl vom Institut für Wirtschaftspolitik in Leipzig weiß:

Das war jetzt, insbesondere für die letzten zehn Jahre, besonders erfolgreich. Grundsätzlich würde ich aber sagen – aus ordnungspolitischen Gesichtspunkten – dass das nicht nachhaltig sein kann. Also wenn die Regierung Wachstum zentral in gewisse Richtungen lenkt, dann kann das zu strukturellen Verzerrungen führen, die am Ende korrigiert werden müssen und das würde zu einem Einbruch des Wachstums führen.

Die Folgen spürt die chinesische Bevölkerung schon heute. Denn bereits 2008 reagierte China mit einem sagenhaften Konjunkturprogramm auf die weltweite Finanzkrise. Umgerechnet 460 Milliarden Euro nahm die Regierung in die Hand, um die Nachfrage im eigenen Land anzukurbeln und das Wirtschaftswachstum stabil zu halten. Auch der chinesische Bausektor und Immobilienmarkt profitierten davon – zumindest kurzfristig. Denn die langfristigen Folgen sind verheerend – es bildete sich eine Immobilienblase.

Millionen neu geschaffener Wohnungen stehen leer. Sie wurden gebaut, weil Anleger auf steigende Preise spekulierten, obwohl es derzeit gar keine Nachfrage nach diesen Immobilien gibt. Ganze Städte, Hotelkomplexe, Verwaltungsgebäude, sogar Rennstrecken wurden aus dem Boden gestampft, nur damit die Wirtschaft brummt. Jetzt da die Preise sinken, wächst die Wut – vor allem die derjenigen Anleger, die all ihr Erspartes investiert haben. Diese Wut kann die Regierung aber vorerst im Zaum halten, erklärt Gunter Schnabl:

Die Zustimmung der Bevölkerung zum politischen System wird dadurch erkauft, dass man gewissen Wachstumsraten generiert, die Lohnerhöhungen erlauben. Die Frage ist nur, wenn das Wachstum jetzt unter acht Prozent fällt, beziehungsweise wenn es zu einer starken Korrektur in der Exportindustrie kommen sollte, ob dann die Zustimmung zum politischen System noch bestehen bleibt – und da sehe ich deutliche Gefahren für das politische System in China.

Es ist nicht die einzige Herausforderung die China zukünftig meistern muss. Die Industrie im Land muss sich weiterentwickeln. Weg von der reinen Produktion, hin zur Entwicklung. China muss den Sprung von der Werkbank der Welt zu deren Innovationsmotor schaffen. Karsten Mau vom GIGA-Institute of Asian Studies glaubt, dass die chinesische Führung das längst begriffen hat.

Chinesische Unternehmen oder die chinesische Regierung drängt darauf, dass ein Technologietransfer stattfindet, dass nicht nur das ausländische Unternehmen in China produziert, um dort irgendwelche Kosten einzusparen, sondern es geht darum das auch chinesische Unternehmen an diese „Technologie-Rezepte“ – nenne ich sie mal – herankommen, woraus sie dann wieder lernen können. Also im Prinzip ist es ein Unterschied eine gewisse Technologie nutzen zu können und eine neue Technologie zu entwickeln – und das ist im Grunde die Herausforderung, der sich China gegenüber sieht.

{info_1} Durch mehr Innovation im eigenen Land könnte China auch seine starke Exportorientierung verringern. Denn der Exportweltmeister kann nur dann wachsen, wenn auch seine größten Abnehmer in Europa und den USA in einem gewissen Maße wachsen. Die Konsequenzen dieser Kausalkette sind derzeit zu beobachten. Der abgeschwächte Konsum in den USA und Europa sorgt für leere Auftragsbücher in chinesischen Unternehmen. Chinas Konjunktur schwächelt. Fragt sich nur: wieso wehren sich die Chinesen immer noch so vehement dagegen, die Rolle des Euro-Retters einzunehmen?

Das Problem steckt tiefer, erklärt Ulrich Volz. Einerseits habe China ein starkes Interesse, die Krise zu überwinden. Und somit seinen wichtigsten Exportmarkt zu stärken und den Euro als stabile Währung zu etablieren. Denn nur ein multipolares Währungssystem könnte Chinas starke Abhängigkeit vom Dollar beheben. Andererseits wolle man sich nicht in politische Streitigkeiten einmischen, die die europäischen Regierungen auch allein lösen könnten.

Ulrich Volz: Ich denke es sind zwei Punkte: zum einen kann China zurecht sagen, bringt eure eigenen Probleme unter Kontrolle, es ist eure Währungsunion, ihr habt genug Ressourcen – Europa ist ein sehr reicher Kontinent, aber gleichzeitig sieht sich die chinesische Regierung natürlich auch der eigenen Öffentlichkeit ausgesetzt, die zurecht sagt, es gibt in China so viele Probleme, wir haben so viel Armut, so viele soziale Probleme, warum soll China den reichen Europäern Geld leihen?

Einen kleinen Rettungsanker hat China immerhin geworfen. So hat die chinesische Notenbank Ende 2010 nach drei Jahren erstmals die Mindestreserve-Anforderungen für große Geschäftsbanken gesenkt. Weil die Banken weniger Geld als Sicherheit bei der Zentralbank parken müssen, können sie nun mehr Kredite vergeben. Der Weg für eine expansivere Geldpolitik wäre damit frei.

Doch in Zukunft muss die Wirtschaftsmacht noch mehr Verantwortung übernehmen und konkrete Vorschläge liefern, wie globale Fragen angegangen werden müssen.

China ist wirtschaftlich gesehen kein kleines Entwicklungsland mehr, sondern eine von zwei Supermächten. Doch wie muss sich der Westen zukünftig zu diesem Aufstieg positionieren? Ist Chinas rasende Entwicklung eine Chance oder vielmehr eine Bedrohung? Wirtschaftswissenschaftler Gunter Schnabl fordert zum Umdenken auf:

Größe an sich würde ich persönlich nicht als Bedrohung verstehen. Die Wirtschaftstheorie sagt ja: Handel ist zum gegenseitigen Nutzen. Und wenn China stark wächst dürfte es auch zu steigendem Wohlstand bei uns beitragen.

Die Ansicht, dass man Chinas Erfolgsgeschichte nicht mit Angst gegenübertreten sollte, teilt auch Karsten Mau. Der chinesische Aufstieg ist für ihn nicht gleichbedeutend mit dem Abstieg des Westens:

Im Prinzip ist es ja eine relative Betrachtungsweise. Also es ist ja nicht so, dass Europa ärmer wird, die USA ärmer werden. Es ist einfach so, dass ein weiteres Land aus der Armut heraus gekommen ist und das ist in China eben besonders bemerkenswert, weil dort so viele Leute leben.

Viele Leute, die vor allem genügsam sind. Denn auch hierin liegt der chinesische Boom begründet. Den fulminanten Erfolg auf den Weltmärkten verdankt China in erster Linie Niedriglöhnen. Auch weil der Westen die Preise bislang diktiert hat. So märchenhaft sich das chinesische Wirtschaftswunder auch anhört – es wurde nicht zuletzt durch hohe Ausbeutungsraten und extreme Ungleichheit erkauft.