Neue Studie „Deutschland postmigrantisch“: Deutschland als Einwanderungsland

Wie aus Wir-Gefühl Ausgrenzung wird

09.12.2014

"Ich liebe Deutschland" - dieser Aussage stimmen immerhin 85 Prozent der deutschen Bevölkerung zu. Was das für Auswirkungen auf Deutschland als Einwanderungsland hat, zeigt eine neue Studie.

Mit dem Titel „Deutschland postmigrantisch“ sorgt eine repräsentative Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und der Humboldt-Universität für Aufsehen. Die veröffentlichten Ergebnisse von 8.200 Befragten zeichnen ein neues Bild über ein identifikationsstarkes Selbstbild deutscher Bürger.

Bisher herrschte der Eindruck vor, dass sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus tief im Gedächtnis eingebrannt hat und bei großen Teilen der Bevölkerung bis heute keine positive Identifikation zulässt. Diesen Eindruck widerlegt die Studie.

Ein Schwerpunkt der Studie war das Verhältnis von eingewanderten Muslimen zu Deutschen. Und sie konnte zeigen: Je stärker die Identifikation, desto höher ist das Potential, andere Mitbürger aus der Gemeinschaft auszuschließen.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Insgesamt 85% der Bevölkerung sagt: „Ich liebe Deutschland“ – und zumindest 77% geben an, sich „deutsch“ zu fühlen. Diese nationale Identität ist unabhängig von der politischen Gesinnung festzustellen. Bei Wählern der LINKE und den Grünen ist jedoch eine geringere Zustimmung zu beobachten.

Dieses positive „Wir-Gefühl“ bezeichnet zwar eine wichtige innerdeutsche Entwicklung, geht aber auch mit einer auscchließenden Wirkung einher. Exakt 30% der Befragten halten Muslime für weniger bildungsorientiert und 27% sind der Auffassung, Muslime seien aggressiver, als sie selbst. Die Gruppe der „Deutschen“ oder der „deutschen Bevölkerung“ wird eher als Gegenkategorie in Abgrenzung zu muslimischen Mitbürgern gesehen – und so werden Muslime aus dem „deutschen Wir“ herausdefiniert.

Als „Deutscher“ oder „Deutsche“ sollte man die Sprache beherrschen oder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Immerhin 37% halten deutsche Vorfahren für wichtig, um dazuzugehören. Ausgeschlossen werden der Erhebung zufolge viele, die nicht aktzentfrei Deutsch sprechen – was die Vielfältigkeit der deutschen Sprache eingrenzt.

Bedrohungsgefühl ohne Grundlage

Der größte Teil der Bevölkerung gibt zu, wenig über Muslime zu wissen und bestätigt, dass mehr Kontakt stereotypische Einstellungen abbauen kann. Dass Lehrerinnen im Unterricht kein Kopftuch tragen sollten befürwortet knapp die Hälfte aller Deutschen. Allerding sprechen sich 69% für islamischen Religionsunterricht aus.

Interessant ist hierbei auch die Überschätzung des Anteils muslimischer Deutscher im Land. Der Anteil wird auf mindestens 10% geschätzt, bei manchen sogar auf gute 20%. Tatsächlich stellen Muslime in Deutschland aber lediglich 5% der Bevölkerung.

Je stärker ihr Anteil überschätzt wird, desto stärker ist auch das Bedrohungsgefühl

…, erklärt die BIM-Vizedirektorin Naika Foroutan.

Die Macher der Studie stellen ein Erstarken nationaler und exklusivistischer Denkweisen heraus. Sie fordern eine politische Debatte, um einen positiven Narrativ zu entwickeln.

Ein weiterer Appell ist an die Medien gerichtet: Ein Unterschied zwischen Islam und Islamismus muss deutlicher gemacht werden. Um den Migrationshintergrund nicht wie ein Vorstrafenregister herumzutragen, plädieren die Studienmacher für einen weiter gefassten Begriff: „Migrationsgeschichte“.

Über die Studie hat detektor.fm-Moderatorin Maj Schweigler mit Dorina Kalkum von der Forschungsgruppe Junited gesprochen.

Dorina KalkumJe stärker sich die Leute mit Deutschland identifizieren, desto eher neigen sie dazu, andere abzuwerten - weil das ein positives Licht auf die eigene Gruppe wirft.Dorina Kalkumaus dem Forschungsteam der Studie "Deutschland postmigrantisch"