Bayern vorm Champions League Finale: ein Blick in die Kaderschmiede im eigenen Haus

19.05.2012

Lahm, Müller, Schweinsteiger: Die Nachwuchsarbeit des FC Bayern München überzeugt durch Namen: allein heute abend kommen sieben Spieler im Kader aus dem eigenen Juniorteam. Etliche sind anderswo Profis geworden. Doch nun ziehen Fragezeichen über der Münchner Nachwuchsarbeit auf.

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Entstammt ebenfalls der eigenen Nachwuchsarbeit und ist heute eine tragende Säule der Bayern-Mannschaft: Bastian Schweinsteiger. / Foto: Oliver Lang (dapd)

Am Abend spielt der FC Bayern München sein „Finale dahoam“ in der Champions League. Im Kader von Trainer Jupp Heynckes stehen dabei gleich sieben Spieler, die das Juniorteam des FC Bayern durchlaufen haben, also aus der eigenen Jugend kommen. Eine beachtliche Quote, zumal zahlreiche ehemalige Jugendspieler auch in anderen Profivereinen untergekommen sind. Doch im Sommer kommt es zum großen Umbruch in der Nachwuchsarbeit der Münchner. Die ist zuletzt – auch intern – in die Kritik geraten. Man setzt wieder vermehrt auf Verstärkung von außerhalb, selbst vom Lokalrivalen 1860. John Hennig ist nach München gefahren und hat nachgefragt.

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Seit vierzehn Jahren personifiziert Werner Kern die Nachwuchsarbeit des FC Bayern München. Rund 500 Talente hat er in dieser Zeit im Juniorteam spielen sehen. Aktuell stehen mehr als fünfzig dieser Spieler bei Profivereinen unter Vertrag, davon gleich sieben bei Bayern München, auf die Kern besonders stolz ist:

Weil das einfach unsere besten Spieler sind, unsere Vorzeigeobjekte und ich mein, unser Vorstand schaut natürlich drauf, ob da was raus kommt bei der ganzen Geschichte. Das muss sich ja rentieren. Das ist ja ein Investment, Jugendarbeit, so wie wir das betrieben haben, die ganze Zeit.

Im Juni geht der 66 Jahre alte Kern in den Ruhestand. Von den beiden Ex-Bayern-Profis Hans-Jörg Butt und Michael Tarnat wird er dann abgelöst. In erster Linie soll das Duo die Abteilung Nachwuchs verjüngen und modernisieren. Anregungen dafür will Tarnat auch bei der zurzeit erfolgreicheren Konkurrenz holen.

Wir sind ja nicht vermessen, dass wir sagen, wir sind diejenigen, die alles können und alles wissen, sondern der Fußball entwickelt sich weiter, auch im Jugendbereich, natürlich schaut man da auch über die Grenzen von Bayern München hinaus, und guckt, was sich verändert.

Werner Kern hat mit den aktuellen Personalentscheidungen nichts mehr zu tun. Er war eher ein Förderer des bayerischen „Mia san mia“. Sein verdienter Ruhestand wird nun als Initialzündung für einen kompletten Generations­wechsel im Juniorteam genutzt. Hermann Hummels, Vater des nach Dortmund gewechselten Mats, wurde geschasst. Hermann Gerland ist bereits seit einiger Zeit Assistent bei den Profis. Und auch Kurt Niedermayer, bisher U19-Trainer, hört auf.

Der Umbruch geschieht zu einer Zeit, in der es mit den Nachwuchsteams des FC Bayern München nicht wie gewünscht läuft. Titel mit den wichtigsten Jugend-Mannschaften sind selten, drei Deutsche Meisterschaften mit der U19, vier mit der U17 – in 24 Jahren. Zudem dümpelt die zweite Mannschaft in der Regionalliga Süd im unteren Tabellen-Mittelfeld. Auch Kern sieht die vergangenen Jahre trotz der vielen ausgebildeten Profis kritisch.

Wir haben in den letzten zwei Jahren nicht gut abgeschnitten und du hast keine Chance mit der zweiten Mannschaft zu überleben, weil das ja eine U23 ist, wenn du keine sehr guten Nachwuchsspieler haben, beziehungsweise wenn die guten gleich nach oben weiter rücken. Das ist ein großes Problem und da sind wir ein bisschen ausgeblutet.

Kern hat die Nachwuchsarbeit in Deutschland geprägt. Gerade in den Jahren 2001 bis 2004 war die Bayern-Jugend die beste des Landes. Doch die Konkurrenz hat aufgeholt: Nachwuchsleistungszentren wurden nach der verkorksten Europameisterschaft 2000 zum Standard in Deutschland. Als herausragende Ausbildungsstandorte gelten mittlerweile Freiburg oder Stuttgart. Nun sollen gerade Leute aus diesen Vereinen Aufbauhilfe in München leisten.

Marcus Sorg, jahrelang Nachwuchs- und kurzzeitig sogar Bundesliga-Trainer in Freiburg, sowie Marc Kienle, zuletzt Nachwuchsleiter in Stuttgart, werden in Zukunft die U17 und U19 der Bayern trainieren. Michael Tarnat:

Also wir saßen in einem Team zusammen und haben diskutiert, was wir vielleicht machen können, was wir verändern können und so sind wir auf die Namen gekommen, natürlich auch weil sie sehr sehr gute Arbeit gemacht haben in Freiburg und Stuttgart, das wir natürlich auch das Knowhow, was sie haben mit hier hinein bringen können und dann neue Wege zu gehen.

Zum Team gehören neben den ehemaligen Bayern-Spielern Tarnat und Butt noch Sportdirektor Christian Nerlinger, der den Umbruch entscheidend begleitet – und Jürgen Jung, der bis Januar Nachwuchsleiter beim Stadtrivalen 1860 war. Sein Wechsel hat in München hohe Wellen geschlagen. Jung soll die gute Nachwuchsarbeit seines ehemaligen Arbeitgebers nun bei Bayern fortsetzen:

Bei 1860 war die Philosophie und die denk ich ist bei Bayern zukünftig ähnlich, dass man sich auf den bayerischen und süddeutschen Raum konzentriert, weil die einfach sich stärker identifizieren mit dem Verein und dadurch diese Mentalitäten reinbringen, die man letztlich auch braucht um nach oben zu kommen.

Mit Philipp Lahm, Thomas Müller oder Bastian Schwein­steiger haben gerade auch bayerische Spieler den Durch­bruch direkt in München geschafft. Etwa fünf Millionen Euro soll der Etat für den Nachwuchsbereich bei Bayern München jährlich betragen. Höher als der Gesamtetat von vielen Drittligisten oder Spitzenmannschaften aus anderen Sportarten. Das Team um Butt und Tarnat soll nun dafür sorgen, dass sich diese Investition wieder lohnt.