Ein Jahr Bündnis für nachhaltige Textilien

"Wir bräuchten wesentlich mehr Anstand, sonst nichts!"

20.10.2015

Vor einem Jahr hat sich das "Bündnis für nachhaltige Textilien" zum Ziel gesetzt, die Arbeitsbedingungen bei der Textilproduktion zu verbessern. Was hat sich geändert? Wenig – sagt Sina Trinkwalder. Ein Plädoyer fürs Umdenken.

Verbesserung auf allen Ebenen?

Als im Mai 2013 eine Textilfabrik in Bangladesch eingestürzt ist und dabei über 1.000 Menschen starben, rüttelte das viele wach – auch den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Ein Jahr später rief er das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ ins Leben.

Im Aktionsplan schrieb sich das Bündnis als Hauptziel fest, maßgeblich zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen wie Arbeitssicherheit und Unfallschutz sowie existenzsichernden Löhnen beizutragen. Außerdem sollten beteiligte Konzerne nachhaltiges, ökonomisches und ökologisches Produzieren fördern und einfordern.

Gebremste Euphorie

Auf eine euphorische Idee folgte viel Gegenwind – allen voran vom Handelsverband Deutschland (HDE) und vom Gesamtverband für Mode und Textilindustrie, die dem Bündnis zunächst nicht beitreten wollten. Auch viele Größen der deutschen Textilbranche, beispielsweise H&M, Adidas und Kik, verweigerten dem Entwicklungsminister die Folgschaft. Grund: Die deutschen Standards könnten nicht ohne Weiteres auf Entwicklungsländer übertragen werden.

Mehr Theorie als Praxis

Inzwischen sind zwar auch Konzerne wie H&M und Kik dem Bündnis beigetreten, jedoch nur unter der Bedingung, den im Aktionsplan angestrebten Existenzlohn nicht auf das Jahr 2020 festzulegen. Zum Existenzlohn bekennen sich die 150 Konzerne des Bündnisses für nachhaltige Textilien zwar, aber bislang nur theoretisch. In Bangladesch und auch in Asien hat sich seither nicht viel getan in den Punkten Arbeitssicherheit, Unfallschutz oder sozialeren Löhnen.

Wir brauchen ganz andere Maßnahmen, als dass ein paar motivierte Politiker und ein paar Unternehmen sagen: ‚Ja, irgendwann werden wir schon mal was tun‘. Irgendwann heißt nie. – Sina Trinkwalder von der öko-sozialen Textilfirma manomama

An einer Veränderung der derzeitigen Lage müssten allen voran auch die Kunden mitwirken. Ein Appell an ethische Grundsätze und mehr Bewusstsein für die Kleidung, die gekauft wird, und wo sie herkommt, könne letzten Endes mehr bringen als große politische Reden, sagt Trinkwalder. Die gleichen Grundsätze gelten auch für beteiligte Unternehmen.

Das Unternehmen muss sich engagieren und sagen ‚Nein, ich möchte nicht meinen monetären Gewinn und meinen wirtschaftlichen Erfolg auf Kosten der Armen machen.‘ – Sina Trinkwalder

Was bleibt, ist, dass die theoretischen Grundsätze des Bündnisses für nachhaltige Textilien weitaus vielversprechender klingen, als sie in der Praxis tatsächlich seien.

Über die Bilanz ein Jahr nach der Gründung des Textilbündnisses und was getan werden kann, um die jetzige Situation nachhaltig zu verbessern, hat detektor.fm-Moderator Thibaud Schremser mit Sina Trinkwalder von der öko-sozialen Textilfirma monomama gesprochen.

Sina Trinkwalder_Fotografmichael_schrenkEs passiert nichts. Außer dass Gerd Müller wahnsinnig oft nach Bangladesch reisen darf.Sina Trinkwalderglaubt, dass es der Branche an Anstand mangelt. Foto: Michael Schrenk.  

Redaktion: Mirjam Ratmann