detectiv – Die Recherche-Serie | Arbeit auf Abruf

Immer bereit

23.03.2017

Zehn Stunden in der Woche oder vierzig? 1.400 Euro Lohn oder Dispo am Ende des Monats? Für immer mehr Menschen in Deutschland gehört es zum Alltag, weder feste Arbeitszeiten noch Planungssicherheit zu haben. Arbeit auf Abruf – ein attraktives Modell für viele Unternehmen.

Arbeit auf Abruf ist für den einen oder anderen sicher nicht das schlechteste Modell: Ein lockeres Arbeitsverhältnis ohne festen Schichtplan und kurzfristige Einteilung der Arbeitszeit. Daneben die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, an welchen Tagen in der Woche gearbeitet wird. Außerdem die Absicherung, eine Mindestzahl an Stunden zu arbeiten und somit auch ein gewisses Gehalt beziehen zu können. Mitten in der Woche tanzen gehen, ohne am nächsten Tag um neun Uhr hinter der Ladentheke zu stehen. Als Abrufarbeiter kein Problem.

Arbeit auf Abruf – Freiheit mit Grenzen

Aber nicht alle Arbeitnehmer entscheiden sich freiwillig für ein solches Modell. Fehlende Planungsmöglichkeiten bei Lohn und Freizeitgestaltung bedeutet für viele Menschen ein Leben in Unsicherheit. Und davon gibt es in Deutschland immer mehr. 1,5 Millionen Menschen sind laut Schätzungen von Arbeitsmarktforschern auf Abruf beschäftigt. Tendenz steigend. Ein Grund dafür ist unter anderem die fehlende Lobby für Personen, die in diesen Verhältnissen beschäftigt sind.

Besonders „beliebt“ ist Arbeit auf Abruf bei Bekleidungsunternehmen oder Zustellungsdienstleistern. Also Branchen, in denen das Arbeitspensum eigentlich gut einschätzbar ist.

Doch Arbeitgeber wollen einen möglichst flexiblen Spielraum haben. – Jonathan Sachse, correctiv.org

Weder feste Arbeitszeiten noch festes Gehalt, das kennen auch Freiberufler. Doch im Gegensatz zu Abrufarbeitern haben die immerhin die Möglichkeit, sich ihren Alltag frei zu gestalten. Ganz ohne Abhängigkeit eines Arbeitgebers. Oder den Druck, ständig in Bereitschaft sein zu müssen.

Kurzfristige Bereitschaft, am besten ständig

Der Gesetzgeber sieht vor, dass Arbeitnehmer spätestens vier Tage im Voraus über einen möglichen Arbeitsbedarf informiert werden müssen. Damit würde es zumindest einen kleinen Planungsspielraum geben. Doch nur knapp jedes dritte Unternehmen hält sich daran, ergeben die Recherchen von correctiv.org. Arbeitgebervertreter fordern sogar, diese Vier-Tage-Frist zu verkürzen.

Über die Recherchen zum Thema Arbeit auf Abruf hat detektor.fm-Moderator Thibaud Schremser mit Jonathan Sachse vom gemeinnützigen Recherche-Zentrum correctiv.org gesprochen.

Jonathan SachseIch wäre dafür, das Abruf-Modell rückgängig zu machen.Jonathan Sachseist Journalist beim gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org. 


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