Fachkräftemangel: Warum verlässt so viel Know-How das Land?

26.08.2010

Deutschland fehlen Fachkräfte: 70% der deutschen Unternehmen haben Probleme, offene Stellen zu besetzen. Woran liegt das - und was kann dagegen getan werden?

Vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen fehlen hochqualifizierte Fachkräfte. / © Norbert Millauer (ddp)

Das Land hat die Finanzkrise noch immer nicht ausgestanden, trotzdem fehlen deutschen Unternehmen schon wieder mehrere tausend Fachkräfte. Diese Woche präsentierte der Deutsche Industrie und Handelskammertag, DIHK, einen aktuellen Bericht zum Fachkräftemangel in Deutschland. Demnach haben mehr als zwei Drittel der deutschen Unternehmen Schwierigkeiten, ausreichend qualifizierte Bewerber zu finden. Gleichzeitig sind noch immer mehr als 3 Millionen Deutsche arbeitslos und tausende Jugendliche finden keine Ausbildungsplätze. Die Gründe für diese offensichtliche Schere sind vielfältig und schwer zu lösen. Ayke Süthoff hat bei Experten nachgefragt, was man dagegen tun kann.

 

Im Oktober 2009 hält Jan Heller sein Abschlusszeugnis in der Hand, endlich. Sechs Jahre hat er an der Universität Leipzig darauf hingearbeitet und das Resultat kann sich sehen lassen: Topnoten im Psychologiestudium, Praktika bei angesehenen Unternehmen, Diplomarbeit bei Daimler in Stuttgart. Jan ist hochqualifiziert. Und trotzdem findet er keinen Job: „Seit Oktober habe ich insgesamt noch mal einundzwanzig oder zweiundzwanzig Bewerbungen abgeschickt, das Gros eigentlich erst ab Januar, zum Jahresende hin 2009 war ganz wenig ausgeschrieben. Ich hab mich sowohl bei Institutionen beworben als auch bei Unternehmen, die eher im Dax gelistet sind. Und nicht nur die Vollzeitstellen, sondern auch Doktorandenstellen. Ich bin also auch regional überhaupt nicht festgelegt.

Jan Heller war der perfekte Absolvent: Hochqualifiziert, räumlich und örtlich flexibel, motiviert. Trotzdem wird er nicht eingestellt und dass, obwohl ständig vom Fachkräftemangel die Rede ist. Schicksale wie das von Jan Heller sind aber bei weitem keine Ausnahme, im Schnitt suchen deutsche Hochschulabsolventen mehr als sechs Monate, bis sie eine passende Stelle gefunden haben. Wie passt das mit der ständigen Forderung der Wirtschaftsverbände nach Fachkräften zusammen? Die neusten Zahlen des Industrie und Handelskammer, IHK, sind alarmierend: 70% der deutschen Unternehmen haben Probleme, offene Stellen zu besetzen. Ines Starke, Leiterin der Bildungsabteilung der IHK Leipzig, sieht hauptsächlich zwei Ursachen für das Problem: „Der eine Grund ist die demographische Entwicklung hier in Deutschland und der andere Grund ist, dass sich der Arbeitsmarkt wieder – erfreulich – langsam, aber er erholt sich. Zudem kommt, es sind weniger Bewerber, weil es weniger Schulabgänger gibt, und die Bewerber, die es gibt, haben auch zum Teil eine mangelnde Ausbildungsreife, konkret jedes fünfte Unternehmen beklagt die Ausbildungsreife. Hier sind mehrere Akteure beteiligt, wenn ich von Akteuren spreche, dann meine ich den Schüler selbst, dann meine ich die Eltern, ein ganz wichtigen Part, dann meine ich die Lehrer, hier meine ich auch die Politik und nicht zuletzt auch die Wirtschaft.“

Ines Starke fordert, dass schon in der Schule der mögliche Berufsweg diskutiert wird und zwar früh. Deshalb unterstützt die IHK ein Schülerpraktikum schon in der siebten Klasse. Außerdem wird Aufklärung über Berufsgruppen angeboten, die unter ihrem schlechten Image leiden. Solche Berufe gibt es vor allem in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften, dort fehlen tausende qualifizierte Arbeitnehmer. Zugleich sind in Deutschland noch immer mehr als drei Millionen Menschen ohne Arbeit, tausende Jugendliche suchen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Während auf der einen Seite zunehmend Fachkräfte fehlen, gibt es auf der anderen Seite immer mehr Geringqualifizierte. Eine gefährliche Schere, die es zu schließen gilt. Denn die Situation wird in absehbarer Zeit nicht besser: Hält der aktuelle Trend an, fehlen einer Studie des Statistischen Bundesamtes zufolge, in 20 Jahren bis zu sechs Millionen qualifizierte Arbeitskräfte. Eine bessere Ausbildung allein kann diese Lücke nicht füllen. Ein Dauerthema ist in der Debatte deshalb die Zuwanderung.

„Hier gilt es in erster Linie, dass wir gemeinsam, hier spreche ich wieder von den gesamten Akteuren in der Berufsbildung, die Wirtschaft sensibilisieren, sich anderen Zielgruppen zu widmen. Andere Zielgruppen, auch ältere, qualifizierte, erfahrene Leute. Ich denke hier aber auch an Migranten.“ Was Ines Starke hier fordert, weiß auch der Personalberater und Headhunter Bernd Hänsch. Er vermittelt Fachkräfte aus der IT-Branche und dem medizinischen Bereich, auch in diesen Wirtschaftszweigen ist der Fachkräftemangel aktuell gravierend. Das liegt aber nicht nur an der schlechten Ausbildung oder fehlenden Absolventen, sondern auch an den Arbeitsbedingungen. Weil die in Ländern wie der Schweiz oder Norwegen weitaus besser sind, fehlen derzeit in Deutschland mehr als 3.600 Ärzte. „Man hört das immer wieder, dieses Manko: Ein Arzt ist fertig, ein Assistenzarzt, hat den deutschen Staat viel  Geld gekostet und dann geht er über ein gutes Angebot in die Schweiz. Die deutschen Steuerzahler haben die Ausbildung bezahlt und die Schweiz profitiert zum Beispiel davon. Ich denke einfach, es liegt an den Konditionen, es liegt an den Arbeitsbedingungen hier in Deutschland, dass die für die Ärzte besser gemacht werden und wenn das der Fall ist und wenn wirklich Leistung fair entlohnt wird, dann werden die Leute auch hier bleiben.“

Bernd Hänsch hört immer wieder, dass viele Ärzte gerne in Deutschland bleiben würden, die Argumente für Arbeit im Ausland aber überwiegen. Die Lücke, die durch Abwanderung in Deutschland entsteht, muss jedoch gefüllt werden. Oft greifen deutsche Kliniken auf Ärzte aus osteuropäischen Staaten zurück: „Einige Kliniken arbeiten mit osteuropäischen Staaten schon zusammen, also mit Agenturen, die speziell osteuropäische Ärzte hier hervermitteln. Die kommen aus Rumänien oder aus Polen. Und dadurch lässt sich auf alle Fälle die Abwanderung ein bisschen stoppen. Aber ob damit die Patientenzufriedenheit und die Qualität gleich bleibt, ist natürlich die andere Frage. Da sehe ich eher einen Schwachpunkt.“

Der Mangel an Fachkräften birgt aber auch Chancen. Besonders für ältere Arbeitslose, die derzeit nur sehr schwer Fuß auf dem Arbeitsmarkt fassen, könnte sich die Situation in Zukunft verbessern. Weiterbildung ist ein extrem wichtiger Faktor, wenn ältere Arbeitslose sich um Jobs bewerben. Für Firmen, denen Fachkräfte fehlen ist die innerbetriebliche Weiterbildung der wichtigste Weg. Und die Bildung darf nicht bei Eintritt in das Berufsleben aufhören. Auch Jan Heller versucht, das nicht zu vergessen. Er hat inzwischen eine Stelle gefunden. Im Oktober, ein Jahr nachdem er sein Abschlusszeugnis erhalten hat, beginnt er eine Trainee-Stelle bei der Deutschen Post AG.