Forschungsquartett | “Naturkapital Deutschland” – Welchen Wert hat die Natur?

01.11.2012

Was ist uns unsere Natur eigentlich wert? Dieser Frage widmet sich nun eine Studie und versucht den Leistungen unserer Ökosysteme einen Wert zu geben - damit sie in Zukunft mehr Beachtung in politischen Entscheidungen bekommen.

Wo würden Sie lieber wohnen: am Rande eines grünen Parks oder direkt an einer vielbefahrenen Straße? Fast alle würden sich wohl für die Wohnung direkt am Park entscheiden – klar, ist ja auch viel schöner dort.

Wohnungen in einer solchen Lage sind natürlich teurer als andere, denn die Nähe zur Natur ist uns etwas wert. Häufig lässt sich der Wert der Natur und deren Leistungen aber gar nicht so einfach bestimmen, denn vieles nehmen wir einfach als gegeben hin, wie z.B. saubere Luft und reines Wasser.

Das Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“, das unter anderem vom Bundesamt für Naturschutz und aus BMU-Mitteln gefördert wird, widmet sich genau dieser Aufgabe: verschiedenen Ökosystemen und ihren Leistungen einen wirtschaftlichen Wert geben.

Bis 2015 tragen Wissenschaftler ihre Studien unter der Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zusammen. Ihr Ziel: politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern den ökonomischen Wert der Leistungen, die ein funktionierendes Ökosystem erbringt, verdeutlichen. Sie sollen sie künftig stärker in ihren Entscheidungen berücksichtigen und so eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben.

Vergangene Woche startete das Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ und unsere Redakteurin Bettina Dlubek hat sich die Frage gestellt: Was ist uns die Natur eigentlich wert?


Was ist die Natur wert? Der Beitrag zum Nachlesen

Der Natur einen Wert geben – nichts Geringeres hat sich das Projekt „Naturkapital Deutschland“ vorgenommen. Dabei geht es nicht darum, Pflanzen ein Preisschild umzuhängen, sondern viel mehr darum, den Wert der Natur für die Gesellschaft darzustellen. Denn sie ist die Grundlage für unseren Wohlstand und kann durchaus auch als Kapital verstanden werden, erklärt der Projektleiter Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Naturkapital – der Begriff schreckt viele ab und viele denken: Was heißt das eigentlich? Natur kann man doch nicht als Kapital bezeichnen. Aber das ist gerade ein Punkt, wo wir sagen: Natur ist sozusagen ein Kapitalbestand, den man pflegen muss und aus dem Kapital fließt eine Dividende. Das heißt Leistungen, die wir in Anspruch nehmen. (Bernd Hansjürgens)

ist Leiter der Studie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Foto: André Künzelmann (UFZ).Bernd Hansjürgensist Leiter der Studie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Foto: André Künzelmann (UFZ). 

Diese Leistungen sind so verschieden wie die Ökosysteme selbst. Sauberes Wasser, Sauerstoff, Nahrung oder ein Ort der Erholung – all das finden oder bekommen wir in der Natur. Vieles davon nehmen wir als selbstverständlich wahr. Ziel des Projekts „Naturkapital Deutschland“ ist es deshalb, die Leistungen und Werte der Ökosysteme mit wissenschaftlich fundierten Beschreibungen für alle sichtbar zu machen. Um so relevante Argumente für einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt zu schaffen. Aber wie genau misst man zum Beispiel den Wert von Erholung in der Natur?

Das mit dem Messen ist natürlich in der Tat ein Problem. Oftmals wird man Dinge einfach nur qualitativ beschreiben – das ist ja auch ein Wert. Ich meine, wenn wir etwas wertschätzen wie unsere Freunde und die Leute, die wir gerne haben, dann ist das ja eine Wertschätzung, die wir nie in einem Preis ausdrücken würden, sondern das machen wir verbal. Eine zweite Möglichkeit ist: In vielen Bereichen gibt es Indikatoren für Wertschätzung. Nehmen Sie einen Park, da können Sie die Zahl der Parkbesucher nehmen. (Bernd Hansjürgens)

stellv. Vorsitzender der SPD-Fraktion und sitzt im Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.Ulrich Kelberstellv. Vorsitzender der SPD-Fraktion und sitzt im Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. 

Auch Immobilienpreise sind gute Indikatoren für die Wertschätzung der Natur, meint Studienleiter Bernd Hansjürgens. Eine Wohnung, die an einem Park gelegen ist, wird immer höhere Preise erzielen als eine Wohnung, die entfernt von einem Park ist. Oftmals ist der positive Einfluss der Natur aber nicht so einfach zu erkennen, wie im Fall der höheren Mietpreise. Bei der Renaturierung von Mooren wird zum Beispiel damit argumentiert, dass diese große und vor allem natürliche CO2-Speicher sind – ein Faktor, der auch wirtschaftlich sehr interessant ist. Diese Erkenntnisse aus der Studie sollen vor allem Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft helfen. SPD-Politiker Ulrich Kelber, der unter anderem im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sitzt, hält diese Zusatzinformationen ebenfalls für sehr wichtig.

Das hilft auf jeden Fall. Auch gerade weil diejenigen, die nicht aus dem Bereich Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik kommen, zu oft einfach gar keinen Gedanken daran verschwenden, ob die eine oder andere Entscheidung eigentlich am Ende für die Gesellschaft die bessere ist. Es wird oft nur der kurzfristige betriebswirtschaftliche Teil gesehen. Und zu sagen: Hier sind auch andere Güter, andere Abwägungen, wird wichtig sein in solchen Debatten. (Ulrich Kelber)

Begonnen hat alles mit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro. Damals haben sich rund 10.000 Vertreter aus 178 Ländern getroffen, um über Fragen zu Umwelt und Entwicklung im 21. Jahrhundert zu beraten. Das globale Ökosystem sollte vor allem durch nachhaltige Entwicklung entlastet werden. 2007 wurde deshalb die internationale TEEB-Studie gestartet, die sich wörtlich mit der „Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität“ beschäftigt. In der Studie wurde drei Jahre lang untersucht, wie viel die Schäden an den Ökosystemen bereits jetzt kosten und welche Summen noch zu erwarten sind, wenn weiterhin nicht nachhaltig gewirtschaftet wird. Die Ergebnisse der Studie sollten – wie auch beim „Naturkapital Deutschland“ – den politischen Entscheidungsträger vor Augen führen, dass sich der Schutz und die nachhaltige Nutzung der Natur auch wirtschaftlich lohnen. Und das hat sie auch erreicht, meint Bernd Hansjürgens.

Die internationale TEEB-Studie, die hat einen sehr, sehr großen Einfluss gehabt und hat ihn jetzt noch. Bei der Konvention für Biologische Vielfalt, die treffen sich alle 2 Jahre – das sind die Nachfolgeverhandlungen von Rio 1992 – da war beispielsweise TEEB „all over the place“ vor zwei Jahren in Nagoya. Und auch jetzt, letzte Woche ging die Konferenz in Hyderabad, Indien zu Ende, auch dort war TEEB sehr präsent und sehr bewusst bei Entscheidungsträgern. (Bernd Hansjürgens)

Dass die Studie so erfolgreich gewesen ist, begründet Bernd Hansjürgens unter anderem mit der starken Medienpräsenz. Dadurch sei das Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger gewachsen, was sich auch durch die vielen Nachfolgeprojekten in den verschiedenen Ländern zeigt. Das „Naturkapital Deutschland“ ist ebenfalls eine der Folgeaktivitäten der internationalen TEEB-Studie. Bis 2015 werden Wissenschaftler in vier Berichten ihre Ergebnisse zusammentragen, damit diese in Zukunft stärker in unternehmerischen und politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Dass das unbedingt nötig ist, bestätigt auch Ulrich Kelber.

Sehr oft sind diese Gemeinschaftsgüter für eine Generation noch ausbeutbar, allerdings nicht regenerierbar, oder nur sehr langsam regenerierbar. Das heißt, der moralische Aspekt zu sagen: Erstens ich muss heute so handeln, dass jeder auf der Welt die genau gleichen Möglichkeiten hat und dass folgende Generationen noch die Chancen für ein gutes Leben haben, der bleibt. Umweltpolitik, Nachhaltigkeit bleibt eine moralische Frage, nämlich weil wir dann die Spielregeln auf dem Markt so verändern müssen, dass diese in Wert gesetzten Dienstleistungen, dann auch in der Abwägung einen wichtigeren Stellenplatz bekommen. (Ulrich Kelber)

Die Spielregeln zu verändern, hieße langfristig auf nachhaltige Entwicklung zu setzen. Das wird in bestimmten Bereichen zwar schon getan, aber insgesamt noch viel zu wenig. Damit die Natur mit ihrer biologischen Vielfalt und ihren Leistungen des Ökosystems auch in Zukunft noch für unseren Wohlstand sorgen kann, müssen sich die Menschen dieser Leistungen auch bewusst sein. Wenn Natur als wertvoll und schützenswert erkannt wird, dann hat das Projekt „Naturkapital Deutschland“ eines seiner Ziele erreicht, sagt Bernd Hansjürgens.

Meine Traumvorstellung wäre natürlich – und die ist ganz schwer messbar – wenn Entscheidungen anders gefällt werden. Wir möchten eigentlich die adressieren, die über Landnutzung, über Flächenverbräuche entscheiden, die also das Naturkapital nicht ausreichend berücksichtigen, weil es einfach keine Rolle spielt oder weil sie es einfach nicht erkannt haben. Wenn da Entscheidungen besser gefällt würden, was schwer messbar ist, aber das wär letztlich mein Ziel, auf das wir mit diesem Projekt abzielen. (Bernd Hansjürgens)

+++Das Forschungsquartett in Kooperation mit der Helmholtz Gemeinschaft+++

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