Forschungsquartett | Wie Fernsehen unser Glücksempfinden beeinflusst

23.05.2013

Fernsehen unterhält und informiert uns nicht nur – es beeinflusst auch, wie zufrieden wir mit unserem Lebensstandard sind. Um das zu beweisen, haben Forscher alte Umfragen aus der DDR herangezogen.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Saale)Walter HyllWissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Saale) 

Fernsehen macht dumm, Fernsehen ist schlecht für Kinder und Jugendliche – diese und ähnliche Vorurteile sind zwar weit verbreitet, aber sie sind wissenschaftlich meist schwer zu beweisen.

Eine andere Wirkung des Fernsehens wollen Walter Hyll und Lutz Schneider vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (Saale) jetzt aber eindeutig belegt haben: Unser Fernsehkonsum soll mit dafür verantwortlich sein, wie glücklich oder unglücklich wir sind.

Um diesen Zusammenhang zu untersuchen, haben die Forscher sich die Fernsehlandschaft der DDR genauer angesehen: Während in weiten Teilen des Landes auch Westfernsehen zu empfangen war, konnten die Menschen im so genannten „Tal der Ahnungslosen“ in und um Dresden nur Ostfernsehen empfangen. Wieso das die Lebenszufriedenheit beeinflusst hat, hat uns Walter Hyll vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Saale) erklärt.

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Der Beitrag zum Mitlesen:

Zu einem glücklichen Leben gehört ein gewisser materieller Wohlstand. Doch entscheidend sind nicht Besitztümer an sich – wichtiger ist die Differenz zwischen dem, was wir haben, und dem, was wir gern noch alles hätten. Wie aber entstehen diese Wünsche oder „Aspirationen“, wie Wissenschaftler sagen? Warum wünschen sich manche Menschen immer mehr, während andere mit dem Wenigen glücklich sind, was sie haben? Ein Grund ist, dass durch regelmäßigen Konsum, durch häufiges Kaufen neuer Produkte die Ansprüche steigen, sagt Walter Hyll vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (Saale):

Man kann leicht sehen, dass sich die Menschen sehr schnell an einen gewissen Konsumstandard gewöhnen und nachher auch quasi diese Konsumwünsche oder auch Einkommenswünsche anpassen. Man kann zum Beispiel sagen, was irgendwann vor Kurzem noch als Luxus gegolten hat, und man hat nachher diese Güter, dann werden diese auch sehr schnell zum Normalmaß und man würde in Zukunft noch bessere Güter bevorzugen und auch wie gesagt seine Wünsche oder Aspirationsniveaus anpassen. – Walter Hyll

Außerdem entstehen Aspirationen, also Konsumwünsche, weil wir uns und unseren Besitz ständig mit anderen Menschen vergleichen, wenn auch oft unbewusst. Salopp gesagt: Kauft sich der Nachbar ein neues Auto, dann möchte ich bald auch ein neues haben. Diese Mechanismen funktionieren nicht nur in der realen Welt, so die These von Wirtschaftswissenschaftler Hyll. Sie funktionieren auch über das Fernsehen:

Wenn man die ganzen Promis und sehr reichen Personen oder Charaktere im Fernsehen verfolgen kann, denen es sehr gut geht, da haben wir uns auch gedacht, das müsste doch vielleicht auch gerade unsere Konsumwünsche oder auch unsere Einkommenswünsche beeinflussen. – Walter Hyll

Außerdem wecke auch die Werbung im Fernsehen ständig neue Konsumwünsche in uns, glaubt Hyll. Um diesen Einfluss des Fernsehens zu beweisen, haben sich die Hallenser Wissenschaftler eine einzigartige mediale Situation zunutze gemacht: die Fernsehlandschaft in der DDR. Das DDR-Programm unterschied sich grundlegend vom Westfernsehen. Zum Beispiel gab es im Osten ab 1975 keine Werbung mehr. Auch inhaltlich waren die Programme stark auf die sozialistische, konsumkritische Ideologie ausgerichtet, meint Walter Hyll, und stützt sich dabei auf Untersuchungen von Medienwissenschaftlern:

Die meisten Charaktere, die im Ostfernsehen gezeigt worden sind, die haben keine individualistischen Präferenzen geäußert. Das heißt, eigentlich in Summe wurden die ganzen Programme derart abgestimmt, dass Konsumwünsche oder Luxusgüter nicht gezeigt worden sind. – Walter Hyll

Und was im Fernsehen nicht zu sehen ist, kann bei den Zuschauern auch keine Konsumwünsche wecken. Zwar guckte die Mehrheit der DDR-Bürger auch Westfernsehen. Es gab aber einige Bezirke, in denen das nicht zu empfangen war – vor allem in und um Dresden, im berühmten „Tal der Ahnungslosen“. Deshalb nahmen die Forscher an, dass die Menschen dort weniger Sehnsucht nach Luxus und Wohlstand hatten. Um das zu überprüfen, werteten sie eine alte DDR-Umfrage aus, durchgeführt vom Zentralinstitut für Jugendforschung im Jahr 1989. Damals wurden gut 3500 Menschen im Alter von durchschnittlich 23 Jahren befragt.

Wir haben in dieser Studie Informationen zum Westfernseh-Konsum. Also wir wissen, wie oft die einzelnen Individuen Westfernsehen gesehen haben. Wir haben Informationen zu verschiedenen Aspirationsniveaus. Hier wurde beispielsweise die Frage gestellt, wie groß die Bedeutung im Leben eines Individuums ist, einen möglichst großen persönlichen Besitz zu erwerben. Wobei hier auch ausgeführt worden ist, dass hier gemeint ist, ein größeres Haus oder ein teures Auto. – Walter Hyll

Andere Fragen zielten etwa darauf ab, wie wichtig es ist, möglichst viel Geld zu verdienen. Und tatsächlich zeigt die Umfrage, dass die Menschen in Dresden damals deutlich weniger Konsumwünsche hatten als anderswo. Walter Hyll führt das auf das fehlende Westfernsehen im „Tal der Ahnungslosen“ zurück. Denn in den anderen Regionen der DDR waren die Menschen Ende der 80er bereits seit mindestens 15 Jahren dem Einfluss des Westfernsehens ausgesetzt.

Wenn man die Ergebnisse betrachtet, dann würde man herausbekommen, dass jetzt beispielsweise, wenn kein Fernsehkonsum stattfinden würde, 9 Prozent der Personen sehr hohe Konsumansprüche äußern würden. Im Vergleich dazu würde sich diese Anzahl auf 14 Prozent erhöhen, wenn diese Personen täglich Westfernsehprogramme konsumieren könnten. – Walter Hyll

Das heißt, die Gruppe mit sehr hohen Konsumansprüchen wuchs bei täglichem Westfernsehen um etwa 50 Prozent. Um zu zeigen, dass dafür wirklich das Fernsehen verantwortlich ist, haben die Wissenschaftler eine noch ältere Umfrage aus dem Jahr 1973 ausgewertet. Damals hatten viel weniger Haushalte überhaupt einen Fernseher, und wer Westfernsehen guckte, musste noch mit Sanktionen rechnen. Anders als Ende der 80er konnte das Fernsehen die Konsumwünsche 1973 also noch nicht beeinflussen. Die Daten bestätigen das:

Mit dem Datensatz von 1973 finden wir heraus, dass es kaum Unterschiede gegeben hat in den Konsumwünschen zwischen den Einwohnern aus dem Tal der Ahnungslosen und aus den restlichen Regionen der DDR. – Walter Hyll

Das Fernsehen ist aus Sicht von Walter Hyll also eine von vielen Einflussgrößen auf die persönliche Lebenszufriedenheit, denn es vergrößert ständig die Lücke zwischen unserem Besitz und unseren Besitzwünschen. Nimmt man an, dass der Medienkonsum in Zeiten des mobilen Internets weiter steigt, verheißt das für unsere zukünftige Lebenszufriedenheit nicht unbedingt nur Gutes.