Green Radio | Bioenergie: Eine überschätzte Ressource?

18.10.2012

Die Bundesregierung möchte den Anteil der Bioenergie am Gesamtverbrauch stark ausbauen. Ob das möglich und sinnvoll ist, bezweifeln viele Wissenschaftler. Muss die Regierung ihre Energiewende-Pläne überarbeiten?

Ein Traktor transportiert Silage zur Biogasanlage. Foto: © David Hecker/dapd

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt.In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt. 

Bioenergie ist ein wichtiger Teil im Energiemix der Zukunft. Bis 2050 soll ein knappes Viertel der gesamten verbrauchten Energie in Deutschland aus heimischer Biomasse kommen, weitere Bioenergie soll importiert werden – so sehen es die Pläne der Bundesregierung vor. Doch schon heute nehmen Energiepflanzen einen großen Teil der Felder ein. Umweltschützer kritisieren vor allem die Produktion von Sprit auf der Basis von Nahrungsmittelpflanzen, wie beim E10. Darauf hat die EU-Kommission jetzt reagiert, in Zukunft sollen Bio-Kraftstoffe stärker aus Algen und Abfällen erzeugt werden statt aus Nahrung.

Professor für mikrobielle Ökologie an der Universität KonstanzBernhard SchinkProfessor für mikrobielle Ökologie an der Universität Konstanz 

Doch die Bundesregierung hält bislang an ihren generellen Bioenergie-Zielen fest. Um sie zu erreichen, würden Ertragssteigerungen auf den bestehenden Flächen kaum genügen – es müssten viele weitere Äcker zum Beispiel mit Mais bepflanzt werden, um daraus Energie zu erzeugen. Nicht nur deshalb sehen viele Wissenschaftler die Ausbaupläne kritisch.

Bernhard Schink ist einer von drei Koordinatoren einer Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zum Thema.

Geschäftsführer des Bundesverbands BioenergieBernd GeisenGeschäftsführer des Bundesverbands Bioenergie 

Er empfiehlt sogar, die Produktion von Bioenergie zurückzufahren. Zur Gewinnung von Biogas eigens Pflanzen anzubauen, hält er nicht für sinnvoll.

Dem widerspricht Bernd Geisen, der Geschäftsführer des Bundesverbands Bioenergie. Er hält einen deutlichen Ausbau von Bioenergie für problemlos möglich. Neben positiven wirtschaftlichen Effekten sieht er für die Bioenergie gegenüber Wind- und Sonnenenergie auch technologische Vorteile.

+++Green Radio: Umwelt und Nachhaltigkeit – eine Kooperation mit dem Umweltbundesamt. Jeden Donnerstag bei detektor.fm+++

Green Radio als Podcast? Dann hier abonnieren.

 

Der Beitrag zum Mitlesen:

Bioenergie entsteht aus nachwachsenden Rohstoffen. Aus Pflanzen wird Gas, das wird verbrannt, um Wärme und Strom zu erzeugen. Oder man macht aus der Biomasse Kraftstoff, wie beim E10. Alle Verwertungsformen zusammengenommen, übertraf Biomasse 2011 die Atomkraft, vergleicht man den Anteil am gesamten Energieverbrauch in Deutschland. Bioenergie lag bei gut acht Prozent, sagt Bernd Geisen, der Geschäftsführer des Bundesverbands Bioenergie.

Wenn man es auf die Endenergie mal umrechnet, hat die Atomenergie einen Anteil von 6,5 Prozent. Das heißt, wir haben mit der Bioenergie bereits heute einen deutlich höheren Anteil als der Endenergieanteil von Atomstrom.

Die Bundesregierung will erreichen, dass im Jahr 2050 sogar etwa ein Viertel des Energieverbrauchs mit heimischer Biomasse gedeckt wird, darüber hinaus soll noch Bioenergie aus dem Ausland zu uns kommen. Auch Bernd Geisen hält eine erhebliche Steigerung der Produktion für möglich. Er glaubt, dass der Anteil der heimischen Biomasse am Gesamtenergieverbrauch sich bis 2030 verdoppelt, auf dann etwa 15 Prozent.

Und die wichtige Botschaft hierbei ist, dass diese 15 Prozent erreicht werden können, ohne dass hier eine Konkurrenz zu einer gesicherten heimischen Nahrungsversorgung eintritt, und auch Konkurrenzsituationen und Wettbewerbssituationen zur stofflichen Nutzung sind in diesen Szenarien auch schon mit berücksichtigt.

Nach Ansicht des Bundesverbandes Bioenergie gibt es genug Flächen in Deutschland, um in Zukunft noch weit mehr Energiepflanzen anzubauen als heute – so, wie es auch die Bundesregierung und die Europäische Kommission wünschen. Eine Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Die Wissenschaftler haben verschiedene Studien der vergangenen Jahre ausgewertet. Sie halten die Szenarien der Politik für unrealistisch, erklärt Bernhard Schink, Koordinator des Projekts:

Wir glauben eher, dass man reduzieren müsste, und dass sich die Nutzung der Bioenergie in erster Linie auf Abfallverwertung aus der Landwirtschaft und auch aus den kommunalen Quellen konzentrieren sollte, und nicht Biomasse produzieren sollte, um sie letztlich dann doch nur in Energieträger umzusetzen.

Energie sollte demnach hauptsächlich aus Biomasse erzeugt werden, die ohnehin anfällt. Die Wissenschaftler halten einen Anteil von nur etwa fünf Prozent am Gesamtenergieverbrauch für angemessen – damit würden die Ziele der Politik meilenweit verfehlt. Bioenergienutzung sei zu ineffizient, um eigens dafür im großen Stil Energiepflanzen anzubauen. Denn die Pflanzen speichern von der Sonnenenergie, die sie aufnehmen, nur etwa ein Prozent in Form ihrer Biomasse, so Schink weiter.

Wenn man dann ohnehin meist nur einen Teil dieser Pflanzen für die Energienutzung verwendet, dann ist unterm Strich nachher nur noch etwa 0,3 Prozent oder so etwas der ursprünglich eingestrahlten Energie zur Verfügung. Jede bessere Photovoltaikplatte liefert Ihnen heute über 10 Prozent Energieeffizienz.

Das heißt, Energiepflanzen verbrauchen zu viel Fläche für den Ertrag, den sie am Ende liefern. Selbst wenn wir alle unsere Felder mit Mais bepflanzten, um daraus Bioenergie zu erzeugen – auch dann könnten wir damit nur 20 Prozent unseres Energiebedarfes decken, so Bernhard Schink. Und er betont, es gehe bei der Empfehlung der Leopoldina um eine möglichst sachliche Bewertung der Situation.

Denn auf diesem Markt gibt es sehr viel Einzelinteressen. Immerhin fließt ja da sehr viel Subventionsgeld hinein. Und vor dem Hintergrund muss man sehr genau aufpassen, dass man wirklich sachlich bei der wissenschaftlichen Basis bleibt und sich nicht zu sehr von Interessen leiten lässt. Aber dafür gibt es eine wissenschaftliche Akademie.

Ein unbestreitbarer Vorteil der Bioenergie ist aber, dass sie sich speichern lässt – im Gegensatz zu Wind- und Sonnenstrom, sagt Bernd Geisen vom Bundesverband Bioenergie.

Einfach wenn kein Wind weht oder wenn keine Sonne scheint, dann kann die Bioenergie als speicherbare Energieform dann eingesetzt werden und dann dafür sorgen, dass auch wirklich dann die Lastgänge der Nachfrage auch wirklich zu jeden Tageszeiten bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt werden können.

Auch die Wissenschaftler der Leopoldina-Studie gestehen der Bioenergie eine solche Rolle als Lückentechnologie zu. Nur eben in sehr viel kleinerer Größenordnung als von der Bundesregierung bislang angenommen. Ihre Pläne für die Energiewende müsse die Regierung überarbeiten, glaubt Bernhard Schink. Statt in einen Ausbau der Bioenergie solle man lieber in die Entwicklung anderer Stromspeicher investieren.