Green Radio | Die Gefahren der Baumwolle

1 Million Vergiftungsfälle - pro Jahr

26.11.2015

Dass die Massenfertigung in der Textilindustrie soziale und ökologische Probleme verursacht, ist längst bekannt. Dabei beginnen die Auswirkungen der boomenden Textilwirtschaft schon weit vor den Textilfabriken in Fernost – auf den Baumwollfeldern.

detektor.fm sammelt für eine neue Sendung


Green Radio: Umwelt und Nachhaltigkeit – eine Kooperation mit dem Umweltbundesamt.


40 Prozent unserer Kleidung wird nach dem Kauf gar nicht erst getragen, zeigten jüngst Studien von Green Peace. Niedrige Preise in den Modeläden suggerieren, dass Kleidung nahezu wertlos ist. Dass die Rohstoffe, aus denen die Textilien sind, irgendwo gewonnen und verarbeitet werden müssen, vergessen wir scheinbar. 30 Prozent der Textilien werden aus Baumwollfasern hergestellt. Sie ist die beliebteste Naturfaser der Branche: robust, knitterfrei, weich, atmungsaktiv. Die Masse aber, in der Baumwolle mittlerweile angebaut wird, hinterlässt Spuren in der Umwelt.

Aralsee fast ausgetrocknet

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt

Der Aralsee war einst der viertgrößte Salzwassersee der Welt – bis die Baumwolle kam. Heute ist nur noch ein Bruchteil des einstigen Sees übrig. Die Baumwollbauern haben über Jahre das Wasser aus dem See auf ihre Plantagen geleitet – so viel, dass der See heute nur noch zu 10 Prozent besteht.

Das Wasser dort hat heute einen Salzgehalt, so hoch wie im Toten Meer. Zudem wirke sich die Bewässerung der Baumwollplantagen auch auf die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung in der Region aus, sagt Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt.

Hunderttausende Tote durch Düngemittel und Pestizide

Der Baumwollanbau belegt 2,5 Prozent der weltweiten Ackerflächen. Zugleich landen aber ein Viertel der weltweit eingesetzten Pestizide und Düngemittel auf den Baumwollplantagen. Sie sollen Schädlinge und Unkraut von der Baumwollpflanze fernhalten. Das bringt erhebliche Probleme für die Umwelt und die Menschen mit sich.

Rund eine Million Vergiftungsfälle gebe es jährlich beim konventionellen Baumwollanbau, von denen knapp 200.000 tödlich enden, erklärt Brigitte Zietlow. Und es gibt weitere Probleme:

Das Problem in vielen unterentwickelten oder nicht entwickelten Ländern ist, dass die Menschen oftmals gar nicht lesen und schreiben können – geschweige denn, dass sie wissen, wie sie diese Mittel sachgemäß anwenden, hinsichtlich der Menge die ausgebracht wird, der Mischung und hinsichtlich des Rückstandsverhaltens. Hinzu kommt, (…) dass auch Beeinträchtigungen beim Spritzen von benachbart liegenden Häusern auftreten können, wenn die also zu nah an diesen Feldern dran liegen. – Helmut Eißner, Universität Halle

Außerdem könnten dadurch die Pflanzenreste, die nach der Ernte übrig bleiben, nicht weiter verwendet werden, beispielsweise als Futter für Tiere oder um gesundes Baumwollsamenöl zu gewinnen.

Kurzlebiges Gen-Baumwoll-Wunder

Um weniger Pestizide einsetzen zu müssen hat man eine Baumwollpflanze entwickelt, an der Schädlinge kein Interesse mehr haben. Die so genannte „BT Baumwolle“. Eine genveränderte Pflanze, die eine Art Schädlingsbekämpfungsmittel in sich trägt. Mittlerweile werden rund 80 Prozent der Baumwolle aus genveränderten Pflanzen gewonnen. Und tatsächlich hat die Verbreitung der BT Baumwolle weltweit für bessere Ernten gesorgt und den Bauern gute Einnahmen beschert.

Allerdings ist der Erfolg der BT Baumwolle endlich, denn längst bevölkern andere Insekten wie Weichwanzen die Pflanzen. Vorher hielten die natürlichen Schädlinge der Baumwollpflanze sie fern. Jetzt brauchen die Bauern hierfür wiederum andere Pestizide.

Mehr Umweltschutz dank weniger Kleidung

Weder Genbaumwolle noch umweltgefährdende Pestizide pder mangelhafte Bewässerungssysteme sind beim Anbau von Biobaumwolle erlaubt. Wer sich also für den Kauf eines T-Shirts aus Biobaumwolle entscheidet, macht es aus Sicht von Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt richtig. Noch besser wäre es aber, man würde einfach viel seltener etwas Neues kaufen.

Eine andere gute Alternative ist natürlich der Kauf von Second-Hand-Kleidung oder der Tausch von Bekleidung. Das ist ja aus Sicht der Ressourcennutzung die bessere Variante. Ich finde das besonders wichtig, dass man bedenkt, dass eben jedes Kleidungsstück, was man kauft und dann gar nicht nutzt oder nur kurze Zeit, die Umwelt unnütz belastet. Also es werden auch dafür Ressourcen verbraucht, ob es nun ein besonders Öko-GOTS-zertifiziertes T-Shirt ist oder eben ein Billigprodukt, was konventionell produziert wurde. – Brigitte Zietlow, Umweltbundesamt

Die Infos zum Baumwollanbau hat Juliane Neubauer zusammengetragen:


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