Green Radio | Offshore-Windparks als neue Heimat für Hummer?

29.08.2013

Hummer sind selten geworden in der Deutschen Bucht. Doch vielleicht steigen die Chancen bald, dass sich die Bestände erholen: Die Fundamente großer Windräder könnten sich gut als Lebensraum für Hummer eignen.

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Windkraftanlagen auf offenem Meer sollen einmal einen großen Teil unseres erneuerbaren Stroms liefern – aus Sicht von Klimaschützern sind sie also eine gute Sache. Trotzdem werden solche Offshore-Windparks immer wieder kontrovers diskutiert, weil sie ein großer Eingriff in die Natur sind – Vögel könnten sich von den riesigen Rotoren gestört fühlen und der Lärm während der Bauphase verschreckt womöglich auch unter Wasser manche Tiere.

Hummerbestände erholen sich nicht von allein

Meeresbiologe der Biologischen Anstalt Helgoland. Foto: KirchhofHeinz-Dieter FrankeMeeresbiologe der Biologischen Anstalt Helgoland. Foto: Kirchhof 

Für andere Meeresbewohner dagegen könnten Windparks aber auch Vorteile bieten. Zum Beispiel für Hummer: Deren Bestände sind in der Nordsee stark zurückgegangen. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es im Gebiet um Helgoland sehr große Bestände, für die Fischer waren Hummer ein einträgliches Geschäft. Heute fangen sie nur noch durch Zufall hin und wieder ein Tier.

Wissenschaftler der Biologischen Anstalt Helgoland suchen nach Wegen, wie sich die Bestände wieder erholen könnten. Das hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile – Hummer spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem. Die Forscher wollen den Hummern deshalb jetzt in Windparks eine neue Heimat schaffen. Warum sich die Tiere dort womöglich besonders wohlfühlen, erklärt im Beitrag Heinz-Dieter Franke, Meeresbiologe an der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts.

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Der Beitrag zum Mitlesen:

Helgoland – Deutschlands einzige Hochseeinsel, etwa 60 Kilometer von der Küste entfernt. Die felsige Unterwasser-Landschaft rund um die Insel bot früher idealen Lebensraum für den Europäischen Hummer. Bis zu 80.000 Tiere jährlich gingen den Helgoländer Fischern noch in den 30er-Jahren in die Netze. Von solchen Zahlen können ihre Nachfolger heute nur noch träumen: Die Bestände sind auf fünf bis zehn Prozent der ursprünglichen Größe geschrumpft, schätzt Heinz-Dieter Franke, Meeresökologe an der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts:

Es gäbe eigentlich keinen Hummerfang mehr auf Helgoland, wenn nicht der Taschenkrebs sich in sehr umfangreichem Maß vermehrt hat. Wir haben heute so viel und auch so große Taschenkrebse wie niemals zuvor, die intensiv gefangen werden. Der Hummer ist ein reines Beifangprodukt mit einigen wenigen hundert Exemplaren, die pro Jahr noch gefangen werden. – Heinz-Dieter Franke

Warum der Hummer-Bestand so stark zurückgegangen ist, lässt sich nicht mehr sicher sagen – der Einbruch geschah schon in den 50er- oder frühen 60er-Jahren. Heute könnte sich der Hummer vor Helgoland eigentlich wieder wohlfühlen, die Wasserqualität ist in Ordnung. Dass sich die Bestände trotzdem nicht einmal ansatzweise erholt haben, liegt allerdings nicht an den Umweltbedingungen, sagt Heinz-Dieter Franke.

Sondern das ist wohl in erster Linie die Tatsache, dass die Situation in den 50er- und 60er-Jahren zu einem so dramatischen Zusammenbruch geführt hat, dass die Population sich unter einer gewissen kritischen Dichte bewegt, von der aus sie es schwer hat oder es unmöglich ist, sich aus eigener Kraft zu erholen. – Heinz-Dieter Franke

Die Wissenschaftler der Biologischen Anstalt Helgoland untersuchen schon seit mehr als einem Jahrzehnt, wie man den Hummern helfen könnte. Denn über größere Hummer-Bestände würden sich nicht nur die Fischer freuen. Die Hummer halten wegen ihres breiten Nahrungsspektrums auch das Ökosystem im Gleichgewicht und schützen die Artenvielfalt:

Wenn der Hummer dauerhaft wegfällt oder auf sehr niedrigem Niveau bleibt, dann kommen einige wenige Glieder aus dem mittleren Bereich des Nahrungssystems nach oben, werden dominant auf Kosten der vielen anderen, weniger auffälligen Arten. – Heinz-Dieter Franke

In einer großen Halle der Biologischen Anstalt Helgoland haben die Forscher über die Jahre etwa 15.000 Hummer aufgezogen und sie später im Meer ausgesetzt. Gerade wachsen hier wieder 3.000 junge Hummer heran. In Hochregalen stehen viele kleine Plastikwannen mit Wasser, das ständig abfließt und nachläuft. In jeder Wanne schwimmt ein wenige Zentimeter kurzes Röhrchen, in dem sich jeweils ein kleiner Hummer versteckt. Heinz-Dieter Franke nimmt eines der Tiere auf die Hand.

Der ist jetzt zwei, drei Monate alt. Und die Hummer sind ja nachtaktiv. Sie verbringen den Tag versteckt in Felsspalten. Mit diesen kleinen Plastikröhren bieten wir ihnen sozusagen einen Ersatz für dieses Versteck im Felsboden. – Heinz-Dieter Franke

In einem Jahr werden die Hummer etwa zehn Zentimeter groß sein – groß genug für ein neues Zuhause: Die Wissenschaftler wollen sie dann erstmals an einem Offshore-Windpark im Meer aussetzen – dem Riffgat-Windpark 15 Kilometer vor der Insel Borkum. Um die Fundamente der Windräder vor der Strömung zu schützen, hat man dort auf dem Meeresgrund Natursteine angehäuft.

Und solche Steinfelder eignen sich nach unserer Meinung durchaus für die Ansiedlung von Hummern, es sind zwar fremde Habitate, die dort in die Sand- und Schlickbodengebiete eingebracht werden, aber da sie nunmal sowieso eingebracht werden, gibt es also die Möglichkeit, die auch für Maßnahmen zur Unterstützung der Hummerpopulation zu nutzen. – Heinz-Dieter Franke

Jeder einzelne Hummer wird vor dem Aussetzen markiert. So können Taucher später sehen, ob die Tiere von einem Windrad zum anderen wandern oder ob ganz fremde Hummer sich dazu gesellen. Außerdem wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich die Hummer mit anderen Lebewesen vertragen, die schon vorher auf den Steinfundamenten der Windräder zuhause waren. Um den Erfolg des Projektes sicher einschätzen zu können, müssen Franke und seine Kollegen die Entwicklung über mehrere Jahre beobachten.

Ich denke mal, endgültig von einem Erfolg kann man sprechen, wenn die Tiere sich dort auch an Ort und Stelle reproduziert haben erfolgreich, und das wird also mindestens fünf bis sechs Jahre dauern. – Heinz-Dieter Franke

Wenn alles klappt, könnten in den nächsten Jahren weitere Offshore-Windparks mit Hummern besiedelt werden. Dann stiegen die Chancen, dass sich der Hummerbestand eines Tages erholt. Doch dazu müssten sich Geldgeber für ein wesentlich größeres Aufzuchtprogramm finden, sagt Meeresökologe Franke:

Das müsste aber so aussehen, dass man nicht über viele Jahre immer wenige Hummer aussetzt, wie wir das bisher getan haben zu reinen Forschungszwecken, sondern müsste durch einen einmaligen, große Bemühungen große Zahlen von Hummer in kurzer Zeit aufsetzen, wir schätzen so etwa 200-, 250.000 Tiere in fünf Jahren, das könnte der Population wieder über diese kritische Dichte helfen. – Heinz-Dieter Franke

Noch ist ein Geldgeber für ein solches Projekt nicht in Sicht. Doch vielleicht hilft ja in Zukunft ein Windpark-Betreiber aus – der hätte dann nicht nur Klimaschützer auf seiner Seite, sondern könnte so auch bei Tierschützern punkten.