Green Radio | Wasserkraft

Strom aus der Boje

02.10.2014

Viele kleine, in Flüssen schwimmende Wasserkraftwerke sollen bald zur Energiewende beitragen. In Österreich entstehen gerade die ersten Anlagen mit solchen Strom-Bojen. Deutschland könnte bald folgen.

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Die Energie von Flüssen wird schon seit Jahrhunderten genutzt – zum Beispiel, um Getreide zu mahlen. Auch Wasserkraftwerke für elektrischen Strom gibt es an Flüssen schon lange. Meist wird das Wasser dafür aufwändig gestaut, der Fluss kann also nicht mehr natürlich fließen.

Eine Boje versorgt Dutzende Haushalte

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt

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Das österreichische Unternehmen Aqualibre will jetzt eine einfachere und flexiblere Methode gefunden haben, um Strom aus Wasserkraft zu erzeugen: schwimmende Strom-Bojen. Europaweit gibt es dem Unternehmen zufolge genug Standorte für 50.000 solcher schwimmenden Kleinkraftwerke. Eine einzelne Boje könnte bis zu 90 Haushalte versorgen. In Deutschland käme zum Beispiel der Rhein dafür in Frage. In Niederösterreich werden gerade die ersten Bojen-Parks gebaut.

In Green Radio erklärt der Erfinder und Geschäftsführer von Aqualibre, Fritz Mondl, welche Technik in den Bojen steckt und warum sie effizienter sind als beispielsweise Windräder.

Fritz-Mondl by Peter Hermann kleinIch rudere und paddele in meiner Freizeit. Auf die Art ist mir diese Schnapsidee eingefallen.Fritz Mondl, Geschäftsführer von Aqualibre und Erfinder der Strom-BojeFoto: Peter Hermann 

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Der Beitrag zum Nachlesen:

Die Strom-Bojen sehen aus wie schwimmende Düsentriebwerke aus Stahl: 11 Meter lang, fünf Meter breit, drei Meter hoch. Drinnen ist ein Rotor mit zwei Flügeln, zweieinhalb Meter im Durchmesser. Das Wasser fließt durch die Boje hindurch und treibt den Rotor an. Der wiederum erzeugt über einen Generator den Strom. Die Boje ist am Grund mit einem Seil befestigt. Der größte Teil bleibt unter Wasser. Heraus ragt nur eine gelbe Finne, sagt ihr Erfinder Fritz Mondl:

Das ist ein, so ein fahnenartiges Ding. Die Schifffahrt verlangt, das also in gelb zu machen, um nicht verwechselt zu werden mit den roten und grünen Begrenzungsbojen. Man sieht jedenfalls von dem, was über Wasser ist, erheblich weniger als von dem, was zum Beispiel eine Schifffahrtsboje ausmacht. – Fritz Mondl

Mehr als zweieinhalb Jahre haben Mondl und seine Geschäftspartner auf die behördliche Genehmigung gewartet. Im August konnten sie dann endlich ihre ersten beiden öffentlichen Strom-Bojen-Parks in Angriff nehmen. Sie entstehen in der Wachau in Niederösterreich, westlich von Wien. Denn hier fließt die Donau schnell genug für die Strom-Bojen, sagt Mondl.

Es ist ein eigentlich als Gebirgsfluss klassifiziertes Gewässer, das heißt also, es hat entsprechendes Gefälle und auch Strömung. Das ist wichtig, wir brauchen mindestens zwei Meter pro Sekunde im Jahresschnitt, um wirtschaftlich sein zu können. – Fritz Mondl

Auch am Rhein kommen längere Abschnitte für die Bojen in Frage. Flüsse wie Elbe oder Weser dagegen eignen sich nicht. Sie sind an zu vielen Stellen aufgestaut und verlangsamt, etwa für klassische Wasserkraftwerke oder Schleusen. Insgesamt sieht Mondl europaweit ein Potential von bis zu 50.000 Strom-Bojen, auf anderen Kontinenten sogar noch mehr.

Entlang des Äquators selbstverständlich oder auch in Nordamerika und in Asien gibt es jede Menge herrliche große Flüsse, wo man uns sogar noch dringender brauchen wird wahrscheinlich als hier in Europa. – Fritz Mondl

Die Idee zu den Strom-Bojen hatte der Grafiker und Industriedesigner Mondl beim Paddeln. Heute, zehn Jahre später, hat sein Unternehmen Aqualibre die Bojen bis zur Marktreife entwickelt. Der große Vorteil etwa gegenüber Windrädern ist, dass die Bojen rund um die Uhr Strom erzeugen. Das größte Modell soll pro Jahr bis zu 350.000 Kilowattstunden liefern. Damit ließen sich bis zu 90 Haushalte versorgen. Allerdings rechnen sich die Strom-Bojen nur, wenn an einem Ort gleich vier oder fünf Stück installiert werden. Das hängt mit den Kosten zusammen, die beim Aufbau entstehen.

Zum Beispiel die Ankerbohrung, der Anker selbst, Kabel, das Vergraben der Kabel, die Netzeinspeisung, der Transformator wahrscheinlich, alle diese Sachen sind für eine einzige Stromboje für die Wirtschaftlichkeit eindeutig zu viel. Also versucht man, mehrere zusammenzuhängen. Damit lässt sich also auf jeden Fall schon Strom erzeugen, der jedenfalls wettbewerbsfähig ist. – Fritz Mondl

Im Gegensatz zu anderen Wasserkraftwerken greifen die Strom-Bojen viel weniger in die Landschaft ein: Man braucht keine Staudämme, Schleusen oder Fischaufstiege. Fritz Mondl ist sich sicher: Fische stören sich überhaupt nicht an den Bojen.

Die einzige Einwirkung, die bis jetzt nachzuweisen war, ist, dass wir den Fischen ungefähr 15 Quadratmeter von der Flussgrundfläche wegnehmen. Die Fische könnten theoretisch durchschwimmen. Selbst wenn Fische mit dem Rotor in Kontakt kommen würden, würde ihnen absolut nichts passieren. Tatsache ist aber, dass kein Fisch bisher in den Untersuchungen durch den Rotor durchgeschwommen ist. – Fritz Mondl

Vielleicht weichen die Fische den Geräuschen der Boje aus. Die sollen allerdings leiser sein als das Grundrauschen des Flusses, vom Ufer höre man nichts, sagt Mondl. Dass Tiere, größere Gegenstände oder menschliche Schwimmer in die Rotoren geraten, soll zusätzlich eine Art Gitter verhindern. Gleichzeitig soll es das Innere der Boje bei Hochwasser vor Schäden schützen.

Wir haben also Fließgeschwindigkeiten bis zu sechs Meter in der Sekunde bei Hochwasser, und da treten Kräfte von gigantischem Ausmaß auf. Es könnte sein, dass irgendwas tatsächlich an die Stromboje anschwimmt, ein großer schwerer Gegenstand wie zum Beispiel ein Baum oder ein Baucontainer, ist alles schon da gewesen. – Fritz Mondl

Die Bojen und ihre Befestigung hielten so etwas aus, sagt Mondl. Müssen sie auch, denn insgesamt erwartet seine Firma Aqualibre für die Bojen eine Lebensdauer von 25 Jahren. Nach etwa 13 Jahren sollen sich die Investitionen für einen Park rechnen. Wie lange die schwimmenden Kraftwerke tatsächlich halten werden, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber mehrere Jahre Testbetrieb haben sie immerhin schon schadlos überstanden.