Green Radio | Wie ökologisch ernährt sich Deutschland?

13.02.2014

Wir werfen viel zu viel Essen weg und der Sonntagsbraten kommt längst nicht mehr nur sonntags auf den Teller. Dennoch ernähren wir uns heute umweltfreundlicher als vor zwanzig Jahren, sagen Ernährungswissenschaftler aus Halle. Wie kann das sein?

“Fleisch ist mein Gemüse”, sagten die Menschen vor allem in den 80er-Jahren. Foto: GG-Berlin/pixelio.de

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Gute Ernährung – darunter versteht jeder etwas anderes: Gut ist, was gut schmeckt, sagen die einen. Andere wollen sich dabei auch möglichst gesund ernähren. Nimmt man es aber ganz genau, dann gehört zu einer guten Ernährung auch, dass sie die Umwelt nicht übermäßig belastet. Zudem verbraucht die Produktion unseres Essens viele Ressourcen.

Dieser Umweltaspekt wird den Deutschen offenbar immer wichtiger: Denn nach einer neuen Studie der Universität Halle ernähren wir uns mittlerweile umweltverträglicher als noch Ende der 80er-Jahre – und das, obwohl wir inzwischen mehr Lebensmittel wegwerfen.

Aber welches Essen ist umweltfreundlich? Haben Vegetarier prinzipiell einen besseren ökologischen Fußabdruck als Fleischesser? Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen oder zwischen den Bundesländern? Das hat uns Toni Meier erklärt, einer der Autoren der aktuellen Studie. Er forscht als Ernährungs- und Agrarwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Thema Ökologie und Ernährung und ist Autor des Buches “Umweltschutz mit Messer und Gabel. Der ökologische Rucksack der Ernährung in Deutschland“.


Der Beitrag zum Nachlesen:

Die Produktion unseres Essens verbraucht Energie und Trinkwasser, sie beansprucht große Flächen Natur und sie verursacht Treibhausgase. Damit ist die Ernährung verantwortlich für einen beträchtlichen Teil unserer Umweltbelastungen, sagt Toni Meier, Ernährungs- und Agrarwissenschaftler der Universität Halle.

Die Umweltwirkungen der Ernährung machen in Deutschland ungefähr ein Drittel der gesamten Umweltbelastung des Verbrauchs von Produkten, die man sozusagen als Privatverbraucher verursacht, aus. – Toni Meier

Unsere Ernährungsgewohnheiten bieten also noch viel Potential für mehr Umweltschutz. Um herauszufinden, ob wir als Gesellschaft dabei auf dem richtigen Weg sind, hat Toni Meier alte Daten der beiden nationalen Verzehrsstudien neu ausgewertet. Dabei wurden Menschen ausführlich zu ihrer Ernährung befragt – das erste Mal in den späten 80er-Jahren in der BRD, das zweite Mal 2006 in ganz Deutschland. Beim Vergleich der Ergebnisse kam heraus, dass die Ernährung im Jahr 2006 deutlich weniger zulasten der Umwelt ging:

Die Treibhausgas-Emission ist zurückgegangen. Der Flächenbedarf der Ernährung ist zurückgegangen. Der Phosphorbedarf ist zurückgegangen, der Energiebedarf ist zurückgegangen. Und als letztes, wenn es darum geht, inwieweit sind Gewässer zu sehr mit Nitrat und Phosphat belastet, also bei diesen Wirkungen ging alles in die richtige Richtung. – Toni Meier

Und das liegt nicht etwa an neuer, energiesparender Produktionstechnik. Der wichtigste Grund ist, dass die Menschen ihre Ernährung umgestellt haben: So aßen sie 2006 insgesamt deutlich weniger Fleisch als 20 Jahre zuvor.

Gerade in den 80er-Jahren, wenn man sich die Situation innerhalb der letzten 50 Jahre anschaut, war in Deutschland, in beiden deutschen Republiken (BRD und damals noch DDR) tatsächlich beispielsweise der Verzehr von Fleischprodukten am höchsten, mit über 100 Kilo pro Person und Jahr. – Toni Meier

Im Jahr 2006 waren es dann nur noch 86 Kilo. Das besonders umweltbelastende Rindfleisch kam sogar nur halb so oft auf den Teller wie früher. Dabei kommen Männer mit ihrem Fleisch-Appetit schlechter weg als Frauen:

Männer verzehren im Durchschnitt doppelt so viele Fleisch- und Wurstprodukte wie Frauen. Und wenn man das wieder hochrechnet unter Berücksichtigung der generellen Tatsache, dass die Produktion von tierischen Produkten eben deutlich umweltintensiver ist, kommt man eben zu solchen Ergebnissen, dass Männer die Umwelt im Durchschnitt eben stärker belasten als Frauen. – Toni Meier

Auch zwischen den Bundesländern gab es 2006 Unterschiede: Am umweltfreundlichsten ernährten sich laut der Studie die Saarländer. Mitteldeutschland dagegen schnitt eher schlecht ab:

Weil in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt der Verzehr von Fleisch- und Wurstprodukten immer noch relativ hoch ist, aber Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt waren jetzt auch nicht die Schlechtesten. Wenn man das machen möchte, diesen Vergleich, dann schnitt Mecklenburg-Vorpommern eigentlich am schlechtesten ab. – Toni Meier

Bei diesem Länder-Vergleich bleibt allerdings außen vor, wie viel vom Essen am Ende in der Mülltonne landete. Und andere Studien deuten darauf hin, sagt Toni Meier, “dass die Menschen in den neuen Bundesländern achtsamer mit Essen umgehen”. Bundesweit betrachtet wurde 2006 mehr Essen weggeworfen als Ende der 80er-Jahre. Das trübt die insgesamt bessere Bilanz. Und noch etwas hat sich ungünstig entwickelt: Für die Nahrungsproduktion wurde deutlich mehr Trinkwasser verbraucht.

Und das haben wir darauf zurückgeführt, dass der Obstverzehr und der Verzehr von Nüssen und von Samen deutlich nach oben gegangen ist innerhalb der letzten 20 Jahre. Das ist unter gesundheitlichen Aspekten als positiv zu beurteilen, definitiv. Aber eben nicht unter dem Aspekt der Wasserknappheit. – Toni Meier

Denn Nüsse und Obst werden häufig aus warmen und trockenen Ländern importiert. Auch Vegetarier und Veganer müssen also aufpassen: Ihr Fleischverzicht hilft zwar der Umwelt. Andererseits könnten sie dazu beitragen, dass in anderen Ländern Konflikte ums Trinkwasser ausbrechen. Einfache Antworten gibt es also nicht beim Thema umweltbewusste Ernährung.