Kann der Mittelstand Flüchtlinge integrieren?

"Man darf nicht zu blauäugig sein"

08.02.2016

Flüchtlinge suchen Arbeit, der Mittelstand sucht Arbeitskräfte – finden beide zusammen? Die Gewerkschaft IG Metall hat vorgeschlagen, Flüchtlinge über ein betriebliches Integrationsjahr in die deutsche Arbeitswelt einzuführen. Kann der Mittelstand die Integration leisten und damit seinen Personalmangel decken?

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Allein im Jahr 2016 werden dem deutschen Arbeitsmarkt zusätzlich 385.000 Flüchtlinge zur Verfügung stehen, so die Rechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass die Zahl in den nächsten Jahren sogar auf 600.000 zusätzliche Arbeitskräfte steigen wird.

Zeitgleich können die mittelständischen Unternehmen laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Earnest & Young über 360.000 Stellen nicht besetzen, weil ihnen geeignete Bewerber fehlen.

Betriebliches Integrationsjahr für Flüchtlinge

Auf dem Papier funktioniert die Rechnung: In den nächsten Jahren würden genügend Flüchtlinge nach einem Arbeitsplatz suchen, um den Personalbedarf im Mittelstand zu decken. Auch die Mittelständler selbst können sich genau das vorstellen: Gut jeder zweite Unternehmer in der Befragung geht davon aus, dass der Personalmangel mittelfristig durch die Flüchtlinge in Deutschland gemildert wird.

Kurzfristig gibt es noch gesetzliche Hürden: Für Asylsuchende ist die Arbeit in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts ganz verboten. Danach gilt die Vorrangregelung: nur, wenn es für einen Job keine Bewerber aus Deutschland oder EU-Nachbarländern gibt, bekommt ein Asylbewerber eine Arbeitserlaubnis. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland fällt diese Regelung weg.

Die große Gefahr, die ich sehe, ist: Die Flüchtlinge verlieren ihr Arbeitsvermögen, da sie lange Zeit abwarten und gar nicht auf dem Arbeitsmarkt tätig sind – beziehungsweise nicht die Chance haben, ihre schulischen und beruflichen Fähigkeiten dem deutschen Arbeitsmarkt anzupassen. – Karl Brenke, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Einen Vorschlag für den konkreten Einstieg in die deutsche Arbeitswelt hat die Gewerkschaft IG Metall eingebracht: ein betriebliches Integrationsjahr für Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose. Dadurch sollen die Neuankömmlinge an die deutsche Arbeitswelt herangeführt werden, während sie Integrations- und Sprachkurse sowie Tariflohn bekommen. Die Kosten sollen zur Hälfte von der Bundesagentur für Arbeit getragen werden.

Ob der Mittelstand die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt leisten kann, darüber hat detektor.fm-Moderator Thibaud Schremser mit Karl Brenke gesprochen. Er ist Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.Ein großes Unternehmen kann bestimmte Leute abstellen, die etwa jugendliche Flüchtlinge mit Ausbildungsplatz begleiten. Diese Möglichkeiten haben kleine Unternehmen nicht. Karl Brenkeist skeptisch, ob der Einstieg in die Arbeitswelt für Flüchtlinge schnell gelingen kann. | Foto: Anna Blancke, DIW Berlin 
Mittelstand | Kann der Mittelstand zeitgleich Fluechtlinge integrieren und Personalmangel decken

Redaktion: Sandro Schroeder


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