Planspiel oder echte Option? Helikoptergeld zur Ankurbelung der Konjunktur

It's raining cash: Kommt der EZB-Geldsegen von oben?

21.04.2016

Die Länder der Europäischen Union sind immer noch mit immensen Schuldenbergen belastet, während die Wirtschaft stagniert. Da die bisherigen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank nicht gegriffen haben, rückt nun eine neue Idee in die Diskussion: das Helikoptergeld. Regnet's bald Geld direkt von der Notenbank auf jeden Bürger Europas?

Auf den ersten Blick wirkt die Vorstellung etwas absurd: Die Europäische Zentralbank verteilt Geldgeschenke an jeden Bürger der Europäischen Union. Schaut man jedoch auch auf die wirtschaftliche Situation, in der sich Europa momentan befindet, ergibt das Planspiel durchaus Sinn.

Die EU-Länder haben die Euro-Krise noch immer nicht vollständig verdaut und der Schuldenberg der einzelnen Länder wächst immer weiter an, schneller als die eigene Wirtschaft. Daraus resultiert eine zunehmende Deflation, die es noch schwerer macht, die Schulden zu reduzieren.

Geld der EZB kommt nicht beim Bürger an

Die EZB hat den Geldhahn ja schon geöffnet – doch nur für Banken. Viele Geldhäuser sitzen noch immer auf einem Berg von faulen Krediten und sind deswegen nur wenig risikofreudig. Die Folge: Besonders kleine und mittlere Unternehmen haben es mitunter schwer, Kredite zu erhalten. Somit kommt das billige Geld, das die EZB dank ihrer aktuellen Nullzinspolitik anbietet, kaum bei den Arbeitnehmern an, die in der Mehrzahl bei eben solchen Unternehmen tätig sind.

Die Idee des Helikoptergelds ist es, den Mittelmann rauszunehmen, nämlich die Banken, und das Geld direkt an die Unternehmen und die privaten Haushalte zu übergeben. – Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Unverhoffter Geldregen …

Abhilfe soll nun also das Helikoptergeld schaffen. In welcher Höhe das ausfallen könnte, ist noch unklar. Manche Ökonomen plädieren auf 5.000 Euro, andere hingegen sogar auf 10.000 Euro.

Auch wenn das Helikoptergeld sehr aus dem Rahmen gewohnter Finanzpolitik fällt, findet die Idee immer mehr Zuspruch. Selbst der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi bezeichnete das Konzept jüngst auf einer Pressekonferenz als „sehr interessant„.

Man kann sich das vorstellen wie eine Wiederbelebung, einen Nachfrageschock. – Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

… mit ungewissen Folgen: Was ist das Helikoptergeld?

Doch nicht alle sind so überzeugt. Viele Experten fürchten die unabschätzbaren Folgen eines solchen Geldregens. Ob die beschenkten Bürger das Geld wie beabsichtigt direkt ausgeben und somit die Konjunktur anheizen, ist ungewiss. Kritiker mahnen zudem an, dass die EZB gar nicht berechtigt ist, auf diese Weise in die Wirtschaft einzugreifen, da sie dabei demokratische Hürden umgeht und quasi über die Parlamente hinweg Geld ausschüttet.

Ist das Helikoptergeld also wirklich ein Mittel, um die Konjunktur in Europa wieder auf Trab zu bringen? Jemand, der das nicht ausschließt, ist Marcel Fratzscher. Er leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, ist einer der sogenannten „fünf Wirtschaftsweisen“ und hat detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg erklärt, wie das funktionieren soll.

Foto: DIW BerlinDas Helikoptergeld ist eine Option, die ich nur dann sehe, wenn es wirklich weiter bergab geht in der Eurozone, wenn sich die Wirtschaftskrise weiter verschärft, wenn die Preisentwicklung sich nochmal verschlechtert. […] Ich halte es wirklich für eine allerletzte Option. Aber in der Krise muss man offen sein für alle Vorschläge.Marcel Fratzscherleitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. 

Redaktion: Markus Vorreyer