Machen statt Quatschen | Enrico Pallazzo

"Wir finanzieren uns durch Pfandflaschensammeln!"

01.02.2016

Viele unserer Hörer kennen sicher die Sendung "Walulis sieht fern". Hinter dem erfolgreichen Format und anderen Sendungen steckt die Produktionsfirma Enrico Pallazzo aus München. Wir stellen die Gründer in unserer Kreativwirtschaftsserie "Machen statt Quatschen" vor.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft steht bei uns in dieser Woche im Mittelpunkt. Wir sprechen über Ideen und Ansätze, welche die klassische Wirtschaft ein wenig aufmischen. Den Anfang macht eine kleine, aber sehr agile und erfolgreiche Fernsehproduktionsfirma aus München. „Enrico Pallazzo“ klingt vielleicht wie das Kind eines ostdeutschen Problempapas und einer Münchener Schickeria-Mama ist aber tatsächlich die Heimat von innovativen und ausgezeichneten Sendungen wie „Walulis sieht fern„, „WTF – Wissen – Testen – Forschen“ oder „Startup Bavaria„.

Christian Bollert hat die Gründer in München besucht, mit ihnen über gutes Fernsehen gesprochen und dafür sehr viele Onlinevideos gesehen.

IMAG0884-zugeschnitten-750 x 453 pxVom Pfandgeld wurde viel wieder von der Steuer gefressen und die Süßigkeiten von unseren Mitarbeitern. Es ist ein schwieriges Geschäft mit den Pfandflaschen.Tobias Klose und Philipp Walulis.Hier in ihrem Büro in München. 

Enrico Pallazzo gehört zu den Kultur- und Kreativpiloten des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Team ist Teil des aktuellen Jahrgangs der Auszeichnung.


Der Beitrag zu Enrico Pallazzo zum Mitlesen

„Der typische Tatort in 123 Sekunden“ ist einer der ersten großen viralen Erfolge für die Macher von „Walulis sieht fern“ gewesen. In der Sendung spricht Moderator Philipp Walulis über deutsche Fernsehphänomene und parodiert diese in kurzweiligen Einspielfilmen. Produziert wurde die Reihe von der „Enrico Pallazzo Medienmanufaktur“ in München. Die Firma arbeitet für verschiedene deutsche Sender und die Gründung ist aus Sicht von Geschäftsführer Tobias Klose ein logischer Schritt gewesen.

Die Sendungen, die wir jetzt hier produzieren sind eben Dinge, die haben wir vor unserer eigentlichen Berufstätigkeit schon gemacht und dann eben auch währenddessen. Das ist natürlich ein totaler Luxus, wenn man dann irgendwann sagen kann, nachdem man irgendwie mehrere Jahre mit 20-Stunden-Tagen hinter sich hat, jetzt verdient man damit halt so viel, dass man damit ein stückweit über die Runden kommt.

Für Phlipp Walulis ist die eigene kleine und wendige Produktionsfirma ein Vorteil in der sich momentan so schnell ändernden Medienwelt.

Gerade, wenn du jetzt dann einfach siehst, was halt im Internet passiert und wie sich dann doch eben das Zuschauerverhalten, das Rezeptionsverhalten und dann eben auch die Formate eigentlich verändern, sind wir dann relativ schnell von vornherein einfach schon in der Sache drin, weil alle Mitarbeiter hier damit aufgewachsen sind. Als kleines Unternehmen finde ich, kann man da schneller reagieren und die Sachen frei von so krass vorgegebenen Standardentwicklungen machen.

Große Angst vor dem bürokratischen Teil einer eigenen Firma haben die beiden nach eigener Aussage nicht gehabt. Die für manche Kreative typische Angst vor Steuerberater, doppelter Buchführung oder Gesellschaftsrecht hatten zumindest Philipp Walulis und Tobias Klose nicht. Erste Gehversuche mit Firmen zu Studienzeiten und familiäre Kontakte zu Buchhaltern haben offenbar frühzeitig potentielle Ängste genommen. Als Fernsehproduktionsfirma gehört Enrico Pallazzo laut Definition zur Branche der Kreativwirtschaft. Auch wenn beide mit dem Begriff etwas fremdeln, erhoffen sie sich von dem Label mehr Wertschätzung für ihre Arbeit. Denn ihre tägliche Arbeit ist ohne Frage kreativ, aber auch Wirtschaft, meint Tobias Klose:

Das darüber vielleicht ein Bewusstsein dafür geschaffen werden kann, dass das was wir machen Geld kostet. Also, dass hier nicht nur Idealisten sitzen, die irgendwo Spaß daran haben. Also gerade wenn du Mitarbeiter hast, wenn du davon dein Leben gestalten möchtest. Und ich möchte nicht mein Leben lang mit einem zehn Jahre alten Fahrrad rumlaufen. Das sage ich ganz ehrlich. Ich mach das hier auch mit dem Gedanken heraus, der wirtschaftlich ist, ich möchte damit Geld verdienen und ich möchte ein gutes Leben damit haben.

Ziel der Macher von Enrico Pallazzo ist eine langfristige Perspektive. Das betrifft die Zusammenarbeit mit Auftraggebern, aber auch mit ihren Mitarbeitern. Aus Sicht von Tobias Klose kann gutes Arbeiten nur kontinuierlich und langfristig funktionieren.

Das funktioniert nicht in dem man nur sagt, so jetzt produzieren wir sechs Monate auf einen Peak hin. Dann brechen wir alle erst einmal zusammen und dann fangen wir wieder von vorne an. Es braucht das Geld, es braucht das Commitment über einen Zeitraum und dann musst du die richtigen Leute finden und die musst du auch vernünftig bezahlen können. In einer gewissen Art und Weise sehe ich das irgendwo in der Medien- und Unterhaltungsindustrie sträflich vernachlässigt in den letzten zehn Jahren. Wir haben einen Haufen von Leuten, die unglaublich guten Trash produzieren können. Aber gehst du zu denen hin und sagst: ‚Mach mir jetzt mal was wirklich Tolles, was wirklich Cooles, etwas was Bestand hat.‘ Die stehen da, gucken dich mit großen Augen an, schreiben was und du sagst denen: ‚Scheiße, Sorry!‘

Hoffnung macht beiden das geplante ARD- und ZDF-Jugendangebot im Internet. Während viele Skeptiker den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum Chancen einräumen, die junge, onlineaffine Zielgruppe zu erreichen, ist der geplante Start für die Produktionsfirma natürlich auch eine wirtschaftliche Chance. Aber Tobias Klose und Philipp Walulis verbinden mit dem Neustart auch inhaltliche Wünsche.

Wenn es mal so ein Jugendangebot von ARD und ZDF gibt, das nur im Internet stattfindet, dass das einfach so aus den Standardmustern und -prozessen von ARD und ZDF rausfällt, das da ein völlig neuer Raum entstanden ist. Es ist vielleicht in dem Fall ganz gut, wenn da 100 Leute sind, die eigentlich noch keine wirkliche Ahnung haben, wie es funktioniert, aber die zumindest eine Vision, eine Idee haben und die die Möglichkeiten und die wissen, wie die Möglichkeiten auszunutzen sind. Und die eben sagen können: ‚Okay, ihr könnt das, ihr könnt das, ihr könnt das und das werfen wir jetzt zusammen, weil wir können das.

Ganz unberechtigt erscheinen die Hoffnungen auf einen Platz im neuen ARD-ZDF-Jugendangebot jedenfalls nicht. Das hat auch mit dem Erfolg von „Walulis sieht fern“ bei Einsplus und im Internet zu tun.

Klar, wir sind ja beim SWR beheimatet. Das waren wir schon bei Einsplus und ich da vorher mit DasDingTV und nachdem ja der federführende Sender ist, läuft man den verantwortlichen Menschen schonmal über den Weg beziehungsweise die Ehemaligen von Einsplus sind ja auch dann in dem Jugendangebot involvier. Und da trifft man Leute und überlegt man mal, was man da am schlauesten machen kann und mal schauen, ne.

Für den Fall der Fälle setzt man bei Enrico Pallazzo auf eine altbewährte Geschäftsidee. Nur scheinen sich hier Tobias Klose und Philipp Walulis in der Bewertung erstmals etwas uneins.

Wir finanzieren uns durch Pfandflaschensammeln. Ich habe erst vor kurzem hier aus der Redaktion und aus dem Schnitt Flaschen im Wert von 17,50 Euro zurückgebracht und das war schon ein großes Erfolgserlebnis. Davon wurden dann 500 Gramm Haribo-Süßigkeiten und Kaffee gekauft. Viel wurde dann wieder von der Steuer gefressen und die Süßigkeiten von unseren Mitarbeitern. Es ist ein schwieriges Geschäft, das Geschäft mit den Pfandflaschen und den lustigen Ideen, die einem auch selber irgendwie Spaß machen.


Enrico Pallazzo gehört zu den Kultur- und Kreativpiloten des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Team ist Teil des aktuellen Jahrgangs der Auszeichnung.