Mittelstand | Duales Ausbildungssystem in Gefahr

Immer mehr Einser-Abis: Warum das dem Mittelstand schadet

06.07.2015

Mehr Abiturienten, mehr Einser-Abis und immer bessere Durchschnittsnoten: Deutschland will mehr Jugendliche an die Unis bringen. Das Problem: Die fehlen dem Mittelstand. Dabei galt das Duale Ausbildungssystem hierzulande jahrzehntelang als Garant einer erfolgreichen Wirtschaft. Und nun?

Mittelstand präsentiert von Deutschland – made by Mittelstand. Eine Initiative der Genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken.


Immer mehr Abiturzeugnisse tragen ein „sehr gut“. Bildungspolitiker, Landesregierungen, Elternvertretungen und die OECD finden, so soll es sein. Doch für die Unis, Fachhochschulen und vor allem für die Wirtschaft in Deutschland wird das zunehmend zum Problem.

In über 100 Jahren ist hierzulande ein System gewachsen, das international mit einer Mischung aus Respekt und Neid gesehen wird: das Duale Ausbildungssystem. Dabei werden Ausbildungen gleichzeitig im Betrieb und an einer Ausbildungseinrichtung wie zum Beispiel den Berufsschulen absolviert – ein System, das sich auch international Anerkennung verschafft hat:

Those German kids, they’re ready for a job when they graduate high school. They’ve been trained for the jobs that are there. – Barack Obama

Bildungskatastrophe? Oder Ausbildungskatastrophe?

Vor ca. 50 Jahren entstand die sog. „Humankapitaltheorie„. Hierzulande ging damals das Schlagwort der „Bildungskatastrophe“ um: Deutschland müsse mehr junge Menschen ins Studium bringen, wolle man den Anschluss nicht verlieren.

Mehr Abiturienten müssten her – das sichere höhere durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen und weniger Arbeitslosigkeit.

Doch heute zeigt sich immer öfter, dieses Versprechen geht nicht mehr auf. Und es fordert seinen Preis. Überfüllte und überforderte Universitäten sind das eine.

Gefahr für den Erfolg der deutschen Wirtschaft?

Ein Mittelstand, dem die Bewerber für offene Ausbildungsstellen ausgehen, sind das andere Problem. Allein im Handwerk sind derzeit 29.000 Lehrstellen offen, erklärt der Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Julian Nida-Rümelin, ehemals Kulturstaatsminister und Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD, warnt bereits deutlich:

Wir gefährden den Kern des deutschen Wirtschaftsmodells, die auf exzellenten Qualifikationen begründeten mittelständischen Unternehmen, die auf dem Weltmarkt mitspielen können. – Julian Nida-Rümelin

Badet der Mittelstand die Noteninflation aus?

Für den Bildungsforscher Rainer Bölling beginnt ein großer Teil des Problems mit den Noten. Die werden im Durchschnitt immer „besser“ – drei Prozent Steigerung jedes Jahr hat Bölling ausgerechnet.

Noch drastischer sieht man es beim Blick auf Abiturzeugnisse mit einer 1,0 unterm Strich: denn die explodieren Bölling zufolge geradezu. Zwischen 2006 und 2013 kommt er auf Zuwachsraten von:

  • +50% in der Bundesrepublik
  • +100% Verdopplung in NRW
  • und sogar +400% in Berlin.

All das ist gefährlich.  Zu diesem Schluss kommt der Bildungsforscher mit Blick auf die Abiturientenzahlen und deren Durchschnittsnoten. Die Akademisierung sorge dafür, dass unser weltweit beneidetes Duales Ausbildungssystem den Bach runter gehe.

Warum das so ist und ob bzw. wie man das noch stoppen kann, hat uns Rainer Bölling erklärt.

bölling 2008_Einser-Abitur gefährdet MittelstandDie südeuropäischen Länder, die Abiturienten-Quoten von 70 bis 80 Prozent haben, haben eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit, auch gerade Jugendarbeitslosigkeit. [...] Und sie haben auch ein geringeres Pro-Kopf-Einkommen.Rainer Böllingwarnt vor den Folgen der zunehmenden Akademisierung. 

 

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