Stadtgespräch | Profitiert Frankfurt am Main vom Brexit?

Londons Erbe am Main

05.07.2016

Alle fürchten den Brexit, nur Frankfurt am Main hofft: Sollte das Bankenzentrum von Großbritannien, die City of London, durch den eventuellen Ausschluss aus dem europäischen Finanzmarkt geschwächt werden, könnte die Mainmetropole der Gewinner sein.

Time to say Goodbye

Seit dem Brexit-Votum vermuten Experten, dass große Teile der Finanzwirtschaft Londons in Städte abwandern könnten, die auch künftig Teil der EU sind. Im Gespräch sind Frankfurt, aber auch Paris oder Dublin. Die Stadt am Main ist mitten im Zentrum der europäischen Union und wirbt mit englischsprachigen Schulen, guten Verkehrs- und Dateninfrastrukturen. Außerdem sind im Verhältnis zu London die Mieten günstiger.

Laut der Finanzplatzinitiative „Frankfurt Main Finance“ könnten in den nächsten fünf Jahren 10.000 Bänker nach Frankfurt am Main ziehen. In Anbetracht der Folgeindustrien ein beachtlicher Wachstumsfaktor für die Stadt.

Wir werden in Zukunft eine ringförmige Struktur der Banken haben, mit Frankfurt als besonders leuchtendem Stern. – Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V.

Äppelwoi in Mainhatten

In Frankfurt arbeiten bereits jetzt 70.000 Menschen in der Finanzbranche. Seit 1998 sitzt dort die Europäische Zentralbank und gleichzeitig schlägt hier das Herz der größten Volkswirtschaft der EU. Im Februar 2016 fusionierten zudem die deutsche Börse und die Londoner Stock Exchange (LSE). Die erste Annäherung ist also bereits geschehen.

Doch die 717.000-Einwohner-Stadt ist noch nicht einmal Landeshauptstadt. Man spricht deutsch und zugleich sind die Ansprüche an Arbeitsrecht und die Steuersätze deutlich höher als beispielsweise in Irland. Viel realistischer ist laut Hubertus Väth eine Verteilung der Finanzkraft auf mehrere Städte. Zusätzlich tauchen auch Luxemburg, Mailand und Madrid in den Planungen auf.

London wird leiden. Aber am Ende des Anpassungsungsprozesses wird London ein deutlich größerer Finanzplatz bleiben als Frankfurt. – Hubertus Väth

Großbritannien als neues Norwegen?

Die Hoffnung der City liegen derweil bei der britischen Regierung und ihren Verhandlungen mit der EU über die Art und Weise, wie das Königreich den Brexit gestalten wird. Eine Vorlage könnte am anderen Ufer der Nordsee liegen.

Norwegen ist Teil des Europäischen Wirtschaftsraumes. Die Skandinavier zahlen lediglich eine Verbrauchsteuer, sind jedoch in Finanzmarktgeschäften eigenständig. Desweiteren würden immer noch 80 Prozent der Binnenmarktvorschriften aus Brüssel kommen. Wohl ein Brexit ,,light“ zum Wohle der Banken.

Welche Rolle die Stadt in der künftigen Bankenwelt spielen wird, prognostiziert Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V. im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg.

Hubertus Väth Portrait, Main FinanceWir Deutschen sind Realisten und das ist auch gesund so.Hubertus Väthsieht Frankfurt als einen von mehreren Finanzzentren nach dem Brexit.