vox:publica 12/2012 – Ist Innovation immer auch kreative Zerstörung?

17.12.2012

Die Kreativwirtschaft gilt als besonders innovative Wirtschaftsbranche. Aber was steckt eigentlich dahinter? Wo sind die Innovationen? Gibt es neue Geschäftsmodelle? Verändert die Kreativwirtschaft die gesamte Wirtschaft? Hören Sie hier die gesamte Sendung mit Katrin Bauerfeind und Christian Bollert nach.

Ein Blick in den Saal der Jahreskonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft. Auf der Bühne: Christian Bollert, Katrin Bauerfeind, Maximilian Senges. Foto: © detektor.fm

Die Dezember-Ausgabe der interaktiven Sendung vox:publica beschäftigt sich mit der Kreativwirtschaft in Deutschland. Wir haben die aktuelle Ausgabe während der Jahreskonferenz der Initiative der Kultur- und Kreativwirtschaft aufgezeichnet. Durch die Sendung führen Katrin Bauerfeind und Christian Bollert. Dabei diskutieren die beiden mit Maximilian Senges (Google Deutschland), Dr. Guido Sandler (Bergfürst) und Burkhard Kutschenreuter (Medienversorgung e.V.) über Innovationen, Geschäftsmodelle und die Arbeitswelt der Zukunft.


In der Sendung tauchen auch immer wieder Statements und Kommentare von Nutzern der detektor.fm Smartphone-App (iphone / Android) auf. Nutzer konnten so Videos, Audios, Bilder und Texte einsenden oder sich an Umfragen beteiligen.

Doch was steckt eigentlich hinter dem abstrakten Begriff “Kultur- und Kreativwirtschaft”? Die detektor.fm-Reporter Victoria Kau und Hendrik Kirchhof haben diese Frage Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin gestellt:

Kreativität ist keine exklusive Kompetenz der Kultur- und Kreativwirtschaft. – Joachim via App

Was ist Kreativwirtschaft?

Offenbar ist vielen gar nicht klar, was hinter dem noch recht jungen Begriff steckt. Experten haben sich in den letzten Jahren mit dem Bereich „Kultur- und Kreativwirtschaft“ auseinandergesetzt und versucht, den Begriff zu definieren. Einer davon ist Michael Söndermann, er ist Kulturwirtschaftsforscher und erklärt den Begriff folgendermaßen:

Unter Kultur- und Kreativwirtschaft werden diejenigen Kultur- und Kreativunternehmen erfasst, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen/ kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen.


Thema 1: Innovation in der Kultur- und Kreativwirtschaft

sorgt für Widerspruch.Dr. Maximilian Sengessorgt für Widerspruch. 

Die Sendung zur Kreativwirtschaft hat drei Blickwinkel: Innovation, neue Geschäftsmodelle und moderne Formen von Arbeit.

Wie spielen Internet, Kreativwirtschaft und Gesellschaft zusammen? Was ist eigentlich Innovation?

Maximilian Senges arbeitet für Google Deutschland und vertritt die Ansichten des Konzerns nach außen. Senges gehört unter anderem zu den Förderern des CoLab in Berlin.

Für ihn ist Innovation immer auch eine Form von kreativer Zerstörung alter Strukturen.

Musikindustrie als Vorreiter?

In der Diskussion hat Maximilian Senges von Google unter anderem die Musikindustrie für ihre Anpassung an den digitalen Wandel gelobt. Hat sie doch nach einem langen Anpassungsprozess letztendlich legale Angebote für das Netz geschaffen.

Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie, hat sich per App an der Sendung beteiligt:

Am Hasso Plattner Institut in Potsdam, versucht man mit „Design Thinking“ Probleme zu lösen. Professor Ulrich Weinberg hat uns erklärt, was das Besondere am Ansatz in Potsdam ist.


Ein Blick in das Berliner Büro. Eingeschickt per App.Generationdesign Office.Ein Blick in das Berliner Büro. Eingeschickt per App. 

 

„bottom up“, Schlagwort für Initiativen, die ohne äusseren Anreiz von unten gewachsen sind, heißt wörtlich übersetzt auch „hintern hoch!“. Nämlich nur durch Initiative einzelner, kleiner Unternehmer, die durch die Vision eines fruchtbaren Netzwerks große Konstrukte auf die Beine stellen. Das ist das Gegenteil der großen Player wie Riesenunternehmen und Verwaltungsapparate, die durch Förderung Anreize für Innovation erreichen wollen. „bottom up“ ist von Anfang an innovativ und auch markttauglich – die bottom ups selbst sind ja der lebende Beweis. – Florian via App

Reporterin Katja Schmidt hat Andreas Milles von Spreadshirt dazu gefragt, welche Rolle die Kreativwirtschaft für Spreadshirt hat.


Thema 2: Neue Geschäftsmodelle

macht Crowdinvestment zu seiner Geschäftsidee.Dr. Guido Sandlermacht Crowdinvestment zu seiner Geschäftsidee. 

Crowdfunding ist eines der beliebtesten Themen im Netz der letzten Jahre. Das Finanzierungsmodell hat sich vor allem für Einzelprojekte etabliert. Die Geschäftsidee von „Bergfürst“ geht jedoch noch einen Schritt weiter: Die Handelsplattform will privaten Investoren die Chance geben, sich an innovativen Unternehmen in der Wachstumsphase zu beteiligen. Aus Crowd-Funding wird also Crowd-Investing.

Investoren erwerben Aktien der Unternehmen und können diese bei Bergfürst handeln. Dr. Guido Sandler ist einer der beiden Gründer von Bergfürst und sieht für die kommenden Jahre nicht nur Crowdinvesting im Netz. Er prophezeit einen Wandel vieler Bankgeschäfte.:


Kultur und Kreativpiloten

Bei der Jahreskonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft sind 32 junge Unternehmen als „Kultur- und Kreativpiloten“ ausgezeichnet worden. Vier von ihnen haben uns etwas über ihr Geschäftsmodell erzählt: Die Comiczeichner von 123comics fertigen Comics auf Tagungen, für Firmen und Privatleute. Das Atelier Korinsky bringt Fassaden zum Klingen. Die Harfenistin Silke Aichhorn beweist ihrem Publikum, dass Harfen mehr können als Engelsgesänge zu begleiten. Und das Theaterkollektiv What You See Is What You Get bringt Sprechtheater und Hörspiele mit Clubkultur zusammen.


Thema 3: Arbeitsformen der Zukunft

widmet sich der sozialen Absicherung von Kreativen und Medienschaffenden.Burkhard Kutschenreuterwidmet sich der sozialen Absicherung von Kreativen und Medienschaffenden. 

Burkhard Kutschenreuter gehört zu den Gründern des Vereins Medienversorgung e.V.

Der Verein will Unternehmer aus der Kultur- und Kreativwirtschaft und die Versicherungsbranche zusammenbringen. In der Sendung erklärt er, dass die Versicherungsbranche oft nicht auf die Bedürfnisse von Kreativen eingestellt ist.

Kutschenreuter kritisiert die oft veralteten Modelle, die häufig noch aus der Nachkriegszeit stammen, und setzt sich für neue Versicherungs-Konzepte ein. Ein Beispiel dafür ist aus seiner Sicht die Berufsunfähigkeitsversicherung, die heutigen Berufen oft nicht gerecht wird und sich nur an Gliedmaßen orientiert. Dabei sei es beispielsweise für Radiosprecher wesentlich wichtiger, dass die Stimme funktioniert.

Madeleine von Mohl arbeitet im BETA-Haus in Berlin, einem der bekanntesten Co-Working-Orte in Deutschland. Sie spricht über ihre persönliche Arbeitsumgebung.


angestellt vs. selbstständig

Ist man Angestellter, braucht man sich um soziale Absicherungen wie Rente oder Krankenkasse kaum zu kümmern. Als Selbstständiger hingegen muss man sich um alles selbst kümmern. Für den Podcaster und Medienkünstler Tim Pritlove ist das längst nicht mehr zeitgemäß:

Das Konzept von kreativer Arbeit sollte aus der Sicht vieler Experten auch im Bezug auf ihre Akteure überdacht werden. Strukturen, die unflexible Teams und starre Hierarchien fördern, unterdrücken nach ihrer Ansicht eine produktive Atmosphäre. Victoria Ringleb von der „Allianz Deutscher Designer“ spricht sich via App für die zeitlich begrenzte Kollaborationen von Spezialisten aus:


Ein Konzept, dem Maximilian Senges von Google Deutschland zustimmt. Er betont jedoch, dass es wichtig ist, dass die temporären, kollektiven Initiativen eine gemeinsame Marke („collective branding“) entwickeln. Eine weitere Herausforderung sieht Senges in der gleichzeitigen Bearbeitung von Dokumenten und Aufgaben. Hier müssten die Menschen noch dazulernen.

Letztendlich sei es, so ist sich Dr. Guido Sandler sicher, noch immer das persönliche Gespräch, das einen Großteil der Kommunikation ausmache.

In Berlin ist dann auch noch eine lebendige Debatte über das Urheberrecht und das geistige Eigentum zwischen Maximilian Senges und einigen Gästen im Publikum entbrannt.


detektor.fm-Hörer Harald hat uns per App kurz und knapp mitgeteilt, dass er detektor.fm über flattr unterstützt.

 

Volker Breust aus Kiel ist ein Kreativpilot und er stellt uns seine Erfindung vor.