Schengen aussetzen? Das könnte teuer werden

Langfristige Chancen nicht verbauen

03.03.2016

Immer mehr Staaten der Europäischen Union setzen das Schengen-Abkommen außer Kraft, um Geflüchtete schon an der Grenze aufhalten zu können. Doch diese Maßnahmen könnten fatale Auswirkungen für die europäische Wirtschaft haben.

Die europäische Wirtschaft in einem Takt

Der moderne Wirtschaftsbetrieb hat seine Lagerhallen auf der Straße. Jeden Tag rollen LKWs durch ganz Europa, um im richtigen Moment das richtige Teil an die richtige Stelle zu liefern. Lange Lagerzeiten sind teuer und ineffizient.

„Just-In-Time“ produzieren geht aber nur, wenn man weiß, wie lange zum Beispiel ein Teil aus Polen zu einer Fabrik in Frankreich braucht. Unkalkulierbare Wartezeiten an den Grenzen können dieses System kaputtmachen. Durch das Schengen-Abkommen wird deswegen seit 20 Jahren ein fast reibungsloser Warenverkehr durch Europa gewährleistet.

Schengen auf der Kippe

Dieser freie Warenverkehr innerhalb Europas beginnt nun zu bröckeln. Österreich hat seine Grenzen schon geschlossen. Weitere Staaten überdenken eine Aussetzung von Schengen. Möglich ist das erst seit 2013, als das Schengen-Abkommen mit Blick auf die steigende Migrationszahl reformiert wurde. Dies könnte aber fatale Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft haben, die sich die letzten 20 Jahre auf den freien Warenverkehr eingerichtet hat.

Würde es längerfristig zu Grenzschließungen kommen, dann würden natürlich Jobs, die auf der anderen Seite der Grenze im Grenzgebiet liegen, weniger attraktiv werden. Die Mobilität würde sinken und insgesamt würde die Integration und Flexibilität im europäischen Arbeitsmarkt, besonders in diesen Grenzregionen, natürlich leiden. – Franziska Bremus, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Die Europäische Kommission hat nun den Verlust durch geschlossene Grenzen auf 18 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung geht sogar von einem Verlust von 77 bis 235 Milliarden Euro bis 2025 allein für Deutschland aus.

Geflüchtete als Chance

Doch nicht nur für den freien Warenverkehr wünschen sich Wirtschaftsverbände und -forscher ein offenes Europa. Auch Arbeitskräfte lassen sich so deutlich besser mobilisieren: Geflüchtete können so gesehen nämlich durchaus eine Chance für Unternehmen sein. Erste Pilotprojekte gibt es schon. Langfristig könnten Geflüchtete den Arbeitsmarkt bereichern, nicht nur im Niedriglohnsektor, sondern – eine gute und schnelle Integration vorausgesetzt – auch in hochqualifizierten Arbeitsbereichen. Schon jetzt sind Asylbewerber ein Wirtschaftsfaktor, denn die staatlichen Transferleistungen an Geflüchtete kommen auch der Konsumwirtschaft zu Gute.

Wie stark die Wirtschaft auch in Deutschland von offenen Grenzen abhängt und welche Chancen ein offenes Europa für die Wirtschaft haben kann, darüber hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Franziska Bremus vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gesprochen.

Franziska_BremusWenn die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert, also wenn man für Ausbildung und Sprachkenntnisse schnell sorgen kann, dann steht der Wirtschaft natürlich ein größerer Pool an Arbeitskräften zu Verfügung. Und das kann für bestimmte Unternehmen von Vorteil sein.Franziska Bremusist Makroökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. 

Redaktion: Christopher van der Meyden