Erster Weltkrieg | Der Untergang der Lusitania

"Entgrenzung der Gewalt"

06.05.2015

Luftblasen ziehen sich durchs Wasser. Dann folgt eine Torpedo-Explosion, die das Schicksal der "Lusitania" besiegelt. Am 7. Mai vor 100 Jahren hat ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff versenkt. Was war geschehen?

Frühjahr 1915. Seit fast einem Jahr tobt der Erste Weltkrieg. Aber nicht nur an Land, auch auf dem Meer wird gekämpft. Mithilfe seiner U-Boot-Flotte hatte das deutsche Kaiserreich die Gewässer um Großbritannien und Irland zum Kriegsgebiet erklärt. Auch zivile Schiffe sollten die U-Boote nicht schonen, was zum Verhängnis der Lusitania wurde. Am 7. Mai kreuzt das Passagierschiff vor der Küste Irlands, wo es von einem deutschen U-Boot aufgespürt wird. Das U-Boot feuert einen Torpedo auf die Lusitania ab und trifft. Binnen weniger Minuten sinkt das Schiff und mit ihm 1198 Menschen.

Damit war eine Grenze überschritten worden. Denn die Versenkung eines zivilen Passagierschiffes ohne jegliche Vorwarnung und die bewusste Inkaufnahme vieler ziviler Opfer hatte es in diesem Krieg noch nicht gegeben.

Reaktionen – von Entsetzen bis Jubel

Interessant sind die unterschiedlichen Reaktionen auf die Versenkung der Lusitania. Für Amerikaner, Briten und Franzosen stand fest: Der rücksichtslose U-Boot-Krieg der Deutschen hatte nichts mehr mit europäischer Zivilisation und Moral zu tun. Für die Deutschen sind die U-Boot-Fahrer Helden gewesen, die die „kulturelle Tiefe Deutschlands“ gegen die „oberflächliche Zivilisation des Westens“ verteidigten. Selbst der Schriftsteller Thomas Mann stimmte in den Jubel ein, um den Untergang der Lusitania. Für ihn war das Schiff „ein freches Symbol der englischen Seeherschaft“. Neben dem Krieg mit Soldaten und Waffen war nun ein Kulturkrieg getreten.

Ein Wendepunkt in zweierlei Hinsicht

Für den Ersten Weltkrieg war der Untergang der Lusitania auf zweierlei Weise ein Wendepunkt. Zum Einen befanden sich an Bord auch US-Amerikaner. Mit ihrem Tod verschärfte sich die Beziehung der USA gegenüber Deutschland und führte schließlich zum Kriegseintritt der USA 1917. Zum Anderen stellte die bewusste Inkaufnahme der vielen zivilen Opfer eine Eskalation der Gewalt dar, die in der Versenkung der Lusitania einen Höhepunkt und in späteren Auseinandersetzungen, in Stalingrad und Hiroshima, ihre Fortsetzung fand. Die Grenzen zwischen Soldaten und Zivilisten war mit dem Beschuss der Lusitania weggewischt worden.

Über den Untergang der Lusitania und dessen Folgen hat detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg mit dem Kulturwissenschaftler Willi Jasper gesprochen. Er ist Autor des Buches „Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe“.

jasper-williDas Durcheinander, das Chaos an Bord und die Tragik waren größer als bei der Titanik. Mit dem Unterschied, dass es dort eine Technikkatastrophe war und hier war es absichtlicher Schuss auf ein ziviles Schiff. Willi Jasperist Autor des Buches "Lusitania - Kulturgeschichte einer Katastrophe" 

Redaktion: Pascal Anselmi & Achim Dresdner