Forschungsquartett | ABIDA – Assessing Big Data

Der Ausblick vom Datenberg

12.03.2015

Die Auswertung großer Datenmengen, Big Data Analytics genannt, kann viele Antworten liefern. Wirft aber auch Fragen auf. Welche, das bestimmen bislang Konzerne und IT-Spezialisten. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt ABIDA will Politik und Gesellschaft unterstützen, die Zukunft zu gestalten.

Es gibt viele gute Gründe, die täglich wachsende Datenflut zu füttern und zu nutzen. So gibt es zum Beispiel Projekte, die versuchen durch  Big Data Analysen den Klimawandel besser zu verstehen. Anders Levermann von der Universität Potsdam ruft Bürger dazu auf, Daten zu sammeln und dem Projekt zur Verfügung zu stellen. Das CERN Kernforschungszentrum nutzt Big Data Analysen, um seine Teilchenbeschleuniger zu überwachen. Natürlich gibt es industrielle Datensammler, die das eher zum eigenen Vorteil tun, wie etwa Facebook oder Google. Auch die Finanzbranche wertet große Datenmengen aus, um präzisere Vorhersagen zum Verhalten der Märkte treffen zu können. Nicht immer ist klar, ob das alles so ganz legal ist. Oft gibt es in entsprechenden Fällen noch gar keine Rechtssprechung.

Big Data Analysen werfen automatisch gesellschaftliche Fragen auf

Ob die Interessen hinter der Big Data Analysen aber nobel sind oder nicht: Es entstehen viele neue Fragen über den Umgang mit diesen Daten. Etwa: Wem gehören sie eigentlich? Wer sichert mich, wenn Daten über mich möglicherweise fehlerhaft verknüpft werden und falsche Schlüsse daraus an die Öffentlichkeit gelangen? Viele dieser Fragen betreffen den einzelnen Bürger. Aber auch Politik und Wirtschaft stehen vor neuen Herausforderungen: Wie funktioniert die Versicherungsbranche der Zukunft? Versicherungen, so Thomas Hoeren von der WWU Münster, leben davon, dass es Ungewissheiten gibt. Was geschieht, wenn ihre Klienten berechenbarer werden, präzisere Voraussagen über Störfälle möglich sind? Und lassen sich solche Dinge überhaupt mit Big Data Analysen vorhersagen?

ABIDA soll den gesellschaftlichen Veränderungsprozess begleiten

Um Antworten auf alle diese Fragen zu finden, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) jetzt ein Verbundprojekt, dass sich Big Data von einer gesellschaftlichen Seite annähert. Koordiniert wird ABIDA – Assessing Dig Data – vom Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Den Antrag für die Förderung durch das BMBF haben die Münsteraner um Thomas Hoeren zusammen mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie verfasst. Das BMBF fördert das Projekt mit sechs Millionen Euro. Das ist in etwa so viel, wie es auch die beiden großen Forschungscluster in Deutschland erhalten, die Big Data Analysen aus informationstechnischer Sicht weiterentwickeln wollen.

Armin GrunwaldEs gibt nicht die eine Zukunft, die man heute vielleicht prognostizieren könnte, sondern wir sollten immer in Möglichkeiten, in Optionen, in einem Spektrum von plausiblen oder vielleicht auch nicht sehr plausiblen Zukünften denken.Professor Armin GrunwaldLeiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe.  

An dem Projekt sind neben Münster und Karlsruhe noch vier weitere Institute beteiligt. Soziologen, Philosophen, Juristen, Ökonomen und Politologen werden über vier Jahre zusammenarbeiten und nach Wegen suchen, wie wir den Veränderungen begegnen können, die Big Data mit sich bringt. Zunächst werden sie Zusammentragen, was bislang alles zu dem Thema publiziert wurde, in den Einzeldisziplinen wie in den Medien. Bürgerkonferenzen und neue Medien sollen Bürger einbeziehen, um Hoffnungen, Ängste und Perspektiven zu verstehen, um Entwicklungen abzuschätzen, Risiken und Chancen auszuloten und schließlich Positionen zu beziehen. Neben den klassischen Publikationen in Fachzeitschriften erhoffen sich die Wissenschaftler, direkt mit den Bürgern und der Gesellschaft in Dialog treten zu können. Thomas Hoeren, der selber als Richter gearbeitet hat, ist sich zudem sicher, dass Richter für ihre Entscheidungen gerne auf fundierte Forschungsergebnisse zurückgreifen werden.

Professor Thomas HoerenEs ist gerade bei einem solch gesamtgesellschaftlichen Phänomen, das ja durch alle Sparten, durch alle Wirtschaftszweige hindurch bis in das Privatleben der Bürger dringt so, dass wir den Bürger zu Wort kommen lassen müssen.Professor Thomas HoerenProfessor für Zivilrecht am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) in Münster. Foto: privat