Forschungsquartett | Die Geschichte der Menschheit

Mensch, was bist du nur für einer?

10.12.2015

Er ist schon ein seltsames Wesen. Er geht aufrecht, er spricht und er fragt ständig, was er ist. Und dann fragt er auch noch, wie er zu dem geworden ist, was er ist. Der Mensch. Ein Besuch im Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Menschheitsgeschichte: Wann geht’s los?

Seit wann ist der Mensch ein Mensch? Diese Frage ist heiß diskutiert – und vielleicht wird es nie endgültige Antworten geben. Immer neue Forschungsergebnisse revidieren die bis dato gesicherten Zeitangaben. Fossilien belegen den ‚homo sapiens‘ seit rund 200.000 Jahren. Die Wiege der Menschheit ist sehr wahrscheinlich Afrika. Von da aus besiedelten unsere Vorfahren über Jahrtausende hinweg die gesamte Erde und hinterließen Spuren in Form von Knochen, Werkzeugen oder  Malereien.

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena definiert keine feste Grenze. Die Wissenschaftler beschäftigen sich aber überwiegend mit dem Holozän – dem jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte. Das Holozän begann etwa vor rund 12.000 Jahren und hält noch immer an.

Es ist ungefähr die Zeit, seit der die Menschen sesshaft wurden und die Zeit, in der sich ein Teil der modernen Sprachen entwickelte. Es ist die Zeit der neolithischen Revolution – darunter versteht man die Entwicklung des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer & Viehzüchter.

Die Wiege der europäischen Zivilisationen findet sich im Nahen Osten. In den fruchtbaren Regionen um Euphrat und Tigris beginnen die Menschen, sesshaft zu werden und in größeren Populationen zu leben. Und von dort aus transportieren sie ihre neuen Kenntnisse und ihre domestizierten Tiere in andere Regionen.

Woher wissen wir von der Vergangenheit?

Bis vor wenigen Jahrzehnten haben Archäologen, Anthropologen und Paläontologen Knochenfunde verglichen. Denn Knochen sind oftmals gut erhalten und lassen sich sogar bis auf mehrere Millionen Jahre zurückdatieren.

Seit kurzer Zeit bietet sich Forschern eine neue Methode: die Genomanalyse. Denn in den Knochen ist das Erbmaterial noch erhalten und lässt sich entschlüsseln. Mit dieser Methode arbeiten auch die Wissenschaftler um Johannes Krause am MPI für Menschheitsgeschichte:

Man hat im Prinzip eine neue Quelle erschlossen für Informationen, für Geschichte. Moderne Genetik, auch die moderne DNA, kann uns etwas darüber sagen, wo der Mensch herkam. Wir können eine Menschheitsgeschichte anhand dieser DNA erzählen. – Johannes Krause, Direktor am MPI für Menschheitsgeschichte, Leiter der Abteilung Archäogenetik

So haben die Forscher herausgefunden, dass in allen modernen Europäern eine Mischung aus ur-europäischen Jägern und Sammlern, Bauern aus dem Nahen Osten und Nomaden aus Zentralasien steckt.

Die Archäogenetiker beschäftigen sich auch mit historischen Essgewohnheiten und mit historischen Krankheiten. Denn in den Überresten der Vergangenheit sind all diese Informationen vorhanden. So können sie ein ungefähres Bild der damaligen Lebensumstände zeichnen.

Menschheitsgeschichte ist Sprachgeschichte

Die Archäogenetik ist das eine Standbein des Instituts. Das andere ist die Sprach- und Kulturevolution. Sprache verrät viel über den Menschen, über seine Herkunft und seine Kultur. Sprache ist wohl die Eigenheit des Menschen, die ihn wirklich zum Menschen macht, wie auch Russell Gray, Leiter der Abteilung Sprach- und Kulturevolution, betont:

Es ist schwer vorstellbar, soziale Interaktion zu koordinieren, große Gesellschaften zu haben ohne Sprache. In allen menschlichen Gemeinschaften ist Sprache fundamental. – Russell Gray, ebenfalls Direktor am MPI für Menschheitsgeschichte, Leiter der Abteilung Sprach- und Kulturevolution

In dieser Abteilung beschäftigen sich die Wissenschaftler mit der Entwicklung und Verbreitung der Sprachen. Aktuell gibt es rund 7.000 Verschiedene. Mit computerbasierten Modellen testen die Wissenschaftler, wie es zu Verbreitung verschiedener Sprachen gekommen sein könnte. Dabei untersuchen sie vor allem die Gegend im Südpazifik. Diese Region eignet sich aufgrund der vielen Inseln, auf denen verschiedene, aber ähnliche Sprachen gesprochen werden. Inseln können nur bestimmte Populationsgrößen beherbergen. So müssen sich Gemeinschaften aufspalten und auf andere Inseln ausweichen. Ihre Sprache nehmen sie dann mit.

Auch um die Entwicklung von Kulturen dreht sich die Forschung am Institut. So beschäftigt sich Russell Gray intensiv mit der Rolle von Göttern. Wichtig ist den Forschern, eine globale Perspektive einzunehmen. Aus ihrer Arbeit ziehen die beiden Wissenschaftler Krause und Gray auch starke Argumente für sehr aktuelle Debatten.

Mail-AnhangAus genetischer Sicht macht Rassismus sehr sehr wenig Sinn. Man kann im Prinzip keine Grenzen ziehen zwischen menschlichen Populationen. Was wir aus der Menschheitsgeschichte lernen ist, dass wir alle Migranten sind, dass es große Vermischungen zwischen den Bevölkerungen gab. Wenn die Leute mehr über die Geschichte wüssten, würde das vielleicht zu mehr Toleranz führen.Johannes Krause und Russell Graysind die Direktoren des MPI für Menschheitsgeschichte © Anna Schroll 

detektor.fm-Reporter Max Heeke hat das Max-Planck-Institut in Jena besucht. Begleiten Sie ihn auf eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.