Forschungsquartett | Ende der Tierversuche?

Aus mit der Maus?

07.02.2017

Die Bundesregierung fördert im Rahmen der Initative "Alternativen zum Tierversuch" bereits seit 1980 Projekte zum Schutz von Labor-Tieren. Physiker und Biologen haben nun eine Methode entwickelt, dank der das Gewebe von Schlachttieren länger haltbar gemacht werden kann. Der Anfang vom Ende der Tierversuche?

Laut der Tierschutzorganisation PeTA stirbt alle elf Sekunden in Deutschland ein Labor-Tier. In Europa soll das sogar alle drei Sekunden geschehen. Dabei zeigen Studien der Food and Drug Administration (FDA), dass viele Tiere sich gar nicht dafür eignen, um Medikamente stichhaltig zu testen: In über 90 Prozent der Fälle fallen Medikamente in klinischen Studien durch, nachdem sie in Tierversuchen positiv getestet worden sind. Dennoch scheint es häufig an Alternativen zu fehlen. Physiker und Biologen der Universität Leipzig wollen nun mit ihrer Methode ein Zeichen setzen.

Kleines Plättchen, große Wirkung

Die Idee dahinter scheint erst einmal simpel: Gewebe von Schlachttieren wird länger haltbar gemacht und kann so ersatzweise als Versuchsobjekt dienen. Sprich: tote statt lebende Tiere.

Es geht darum, etwas zu entwickeln oder zu erfinden, um Tierversuche im Sinne vom Tierschutz komplett zu ersetzen, zu verbessern oder zumindest teilweise zu reduzieren. – Dr. Mareike Zink, Projektleiterin

Im Detail ist das Ganze aber noch etwas komplizierter: Das Gewebe muss nämlich an Titanoxid haften. Damit das klappt, muss es hydrophil, also „wasserliebend“ gemacht werden. Dabei helfen die Kollegen rund um Prof. Dr. Stefan Mayr vom Leibniz-Institut für Oberflächenmodifizierung. Sie ätzen winzige Röhrchen, kleiner als der Durchmesser eines Haares, in das Plättchen. So verteilt sich die Nährflüssigkeit besser, die das Gewebe haltbar macht und auch das Gewebe selbst kann besser haften.

Tierversuche: Augen auf!

Bislang arbeiten die Physiker zusammen mit dem Biologen Dr. Mike Francke und seinem Team vor allem mit Augengewebe. Ein heimischer Schlachter liefert die dafür notwendigen Schweineaugen. Dabei ist vor allem die Netzhaut für das Team besonders wichtig. Sie untersuchen die physikalischen Eigenschaften, um künftig Augenerkrankungen vorbeugen zu können. Denn es gibt viele Krankheiten, wie die Makuladegeneration, bei der die Netzhaut sich verändert und Risse bildet.

Methode vielfach einsetzbar

Auch wenn die Anwendungsmöglichkeiten sich bislang auf das Augengewebe reduzieren, ist die Verwendung auch in anderen Teilgebieten denkbar. Mit der Methode ist es theoretisch möglich, jedes Gewebe bis zu zwei Wochen haltbar zu machen. Allerdings müssen die Plättchen bei unterschiedlichen Gewebeproben individuell angepasst werden.

Zum Beispiel kooperieren Dr. Mareike Zink und ihr Team unter anderem auch mit der Universitätsklinik Leipzig, um in Zukunft auch Krebsgewebe physikalisch mit der Methode zu untersuchen. Womöglich könnte das Aufschluss darüber geben, warum Krebs Metastasen bildet.

Ob die neue Methode Tierversuche obsolet machen kann, darüber hat sich detektor.fm-Redakteurin Carina Fron mit der Physikerin und Projektleiterin Dr. Mareike Zink von der Universität Leipzig unterhalten.

Foto_MareikeZinkBei lebendigen Tieren wäre das gar nicht machbar und auch nicht wünschenswert, da es den Schweinen zum Beispiel große Schmerzen zufügen würde.Dr. Mareike Zink untersucht mit ihrem Team die physikalischen Eigenschaften von Gewebe.