Forschungsquartett | Frühtest für Legasthenie

Wenn Buchstaben verschwimmen

15.08.2017

Nach fünf Jahren Forschung präsentieren Wissenschaftler erste Erfolge mit einem Frühtest für Legasthenie. Doch bedeutet eine zeitige Behandlung auch einen sicheren Erfolg?

Wörter lassen sich nicht fassen

Jedes 20. Kind verzweifelt regelmäßig, wenn es darum geht, Wörter zu erkennen und sie zu schreiben. Diese Kinder haben Legasthenie. Doch diese Rechtschreib-Lesestörung hat nichts mit der Intelligenz zu tun. Manchmal sind Legastheniker sogar überdurchschnittlich intelligent. Vielmehr ist eine angeborene Veränderung im Gehirn der Grund für die Störung. Oft leiden die Kinder jahrelang unter Misserfolgen in der Schule, ohne dass die Ursache gleich erkannt wird. Hilfe kommt daher in einigen Fällen viel zu spät. Alleine in Europa sind weit mehr als 20 Millionen Menschen betroffen.

Sprache ist nicht nur im Erwachsenenalter wichtig, gerade auch Kinder beeinflusst sie in ihrer Entwicklung. Deswegen ist es wichtig, schnell reagieren zu können. Deshalb war das Ziel des Projekts „Legascreen“ der Leipziger Fraunhofer- und Max-Planck-Forscher, eine Möglichkeit zu finden, um bereits im frühen Alter die Anzeichen richtig deuten zu können. Seit 2012 wurden dafür mehr als 300 Kinder im Alter von drei, fünf und zehn Jahren untersucht.

Legasthenie, als Teil des Körpers

Mittels Elektroenzephalografie (EEG) lassen sich die Veränderungen an der Großhirnrinde sichtbar machen. Dazu werden die Hirnströme der Kinder gemessen, während sie sich eine Reihe von gleichen Silben oder Tönen anhören. Die werden dann hin und wieder durch einen abweichenden Laut unterbrochen. Kann ein Kind diese Unregelmäßigkeit nur schwer erkennen, zeigt das EEG Ausschläge an. Das ist ein Indiz für eine drohende Lese-Rechtschreibstörung.

Vor einigen Jahren haben Forscher bereits herausgefunden, dass auch im Erbgut von Legasthenikern bestimmte Varianten spezifischer Gene gehäuft auftauchen. Die lassen sich durch die Analyse des Erbguts inzwischen leicht und kostengünstig nachweisen. Diese Erkenntnis bildet den zweiten Teil für den Frühtest. Fertig entwickelt ist der aber noch nicht.

Eltern sind positiv gestimmt

Zusätzlich zu der Entwicklung des Frühtests haben die Forscher auch die Wünsche ihrer Patienten und deren Familien nicht außen vorgelassen. In einer Umfrage bewerteten fast 90 Prozent der Befragten einen solchen Frühtest als sinnvoll, mehr als 80 Prozent würden ihr eigenes Kind untersuchen lassen.

Der Frühtest würde auch die Therapieforschung voran treiben. – Jens Bauer

Über die Funktionsweise und die Möglichkeiten des Frühtests für Legasthenie hat detektor.fm-Moderator Lucas Kreling mit Dr. Jens Brauer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften gesprochen.

Dr. Jens Brauer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und NeurowissenschaftenDer Frühtest würde auch die Therapieforschung voran treiben. Dr. Jens Brauervom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften