Forschungsquartett | Konfessionslosigkeit als Religion

Religion ohne Bekenntnis

30.05.2017

Immer mehr Menschen wenden sich von den Kirchen ab. Die Konfessionslosigkeit steigt, mit Glauben wollen nur noch die Wenigsten etwas zu tun haben. Aber gibt es Religion auch ohne Institution? Und was sind Alternativen?

Beerdigungen werden heute in diversen Varianten angeboten. Urnen werden in Bestattungswäldern unter Bäumen beigesetzt, Menschen verteilen die Asche ihrer Lieben auf Bergen oder lassen sie zu Diamanten pressen und tragen sie als Brosche oder Ring am eigenen Körper. Christliche Rituale werden immer seltener angewendet.

Christliche Rituale verlieren Bedeutung

Vor zwanzig Jahren sind alternative Bestattungen noch sehr exotisch gewesen. Bestattungen sind ein Augenblick, bei dem der Wunsch nach einem Sinn über das Leben hinaus deutlich wird. Und das war jahrhundertelang das Kerngeschäft der organisierten Religionen. Heute wenden sich jedoch immer mehr Menschen von den Kirchen ab und versuchen ihre eigene Bedeutung im Leben zu finden oder zu konstruieren. Treten sie dann auch offiziell aus der Kirche aus, gelten sie als konfessionslos.

Konfessionslosigkeit im Osten Deutschlands

In Großbritannien machen die Konfessionslosen inzwischen über die Hälfte der Bevölkerung aus. In Deutschland ist die Situation nicht ganz so weit. Mit 34 Prozent der Bevölkerung sind die Konfessionslosen inzwischen zahlreicher als Katholiken und Protestanten (beide jeweils knapp 30 Prozent). Lediglich im Osten Deutschlands sowie in der Metropolregion Frankfurt und in Hamburg stellen sie bereits die absolute Mehrheit. Der Trend ist aber hierzulande genauso abzusehen wie im Vereinigten Königreich.

Für Soziologie nur schwer fassbar

Die Soziologie tut sich bislang schwer mit dieser Gruppe. Auf der einen Seite ist klar, dass die Konfessionslosen mit zunehmender Zahl eine wichtige Bevölkerungsgruppe darstellen. Auf der anderen Seite lassen sich aber kaum Gemeinsamkeiten innerhalb der Konfessionslosen ausmachen. Jung und liberal sind sie, aber das sind viele Mitglieder der Kirchen auch.

Die britische Religionssoziologin Linda Woodhead hat Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionslosen gefunden. Es sind religiöse Werte, sagt sie, die auch diejenigen einen, die sich zu keiner offiziellen Religion bekennen. Im Sommersemester 2017 hat sie die Hans-Blumenberg Gastprofessur für Religion und Politik der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster inne. Über ihre Forschungsergebnisse berichtet detektor.fm-Redakteur Mike Sattler im Forschungsquartett.

Linda Woodhead ist Religionssoziologin an der Lancaster University. Dieses Jahr forscht sie an der Westfälischen Wilhelms-Universität MünsterDie Werte der Konfessionslosen drehen sich um Freiheit und Erfüllung, aber auch um Kreativität. Es gibt ein starkes Interesse an Kunst und Künstler übernehmen in gewisser Hinsicht die Rollen von religiösen Führern.Prof. Dr. Linda Woodheadforscht zur Zeit in Münster. Foto: Martin Zaune / "Exzellenzcluster Religion und Politik" der Universität Münster 

Redaktion: Mike Sattler