Forschungsquartett | Konsum als Untersuchungsgegenstand

Selbstmachen heißt auch zu konsumieren

02.05.2017

Konsum hat einen schlechten Ruf. Doch geht es dabei um mehr, als nur um den Kauf von Gegenständen, die eine Funktion haben. Dem Kern des Konsums wollen Forscher in Hildesheim mit einer neuen Forschungsstelle auf den Grund gehen.

Kaufen, kaufen, kaufen

Es ist ein Klischee, aber wie so oft ist auch ein Fünkchen Wahrheit dabei. Einige kennen das Problem: Das neue Top passt zu keiner Hose. Was also tun? Es wird wieder Geld ausgegeben, diesmal für die passende Hose. Vor diesem Effekt mit dem Namen „Diderot-Effekt“ ist kaum jemand sicher.

Die Beobachtung geht zurück auf Denis Diderot. Er hat 1768 einen Essay über seinen neuen Morgenrock verfasst, der ihm doch einiges Kopfzerbrechen bereitete. Denn mit dem feinen neuen Stück wurde ihm plötzlich klar, dass seine restliche Kleidung sehr schäbig aussah. Das hieß: neue Kleidung musste her und am besten gleich eine ganz neue Wohnung dazu.

Konsum – ein alter Schuh?

Der Konsum ist mindestens so alt wie der Kapitalismus. Bereits im 18. Jahrhundert ist Konsumieren ein Thema gewesen. Damals entdeckte die Bevölkerung Europas Wochenmärkte. Auf ihnen konnte man Speisen oder Waren ergattern, die man selbst nicht anbauen oder beschaffen konnte. Damals bestimmte noch viel stärker als heute die Nachfrage den Preis des Angebotes.

Doch eines hat sich in all den Jahren nicht geändert: Etwas zu besitzen, löst im Käufer ein wohliges Gefühl aus. Heute sind Statussymbole nur viel deutlicher zu sehen. Sei es der Computer von einer bestimmten Marke oder das Kleid von dem angesagten Designer: Gegenstände zu besitzen, soll etwas über mich aussagen.

DirkHohnstraeterWenn man Konsum aus der kulturellen Sicht betrachtet, geht es nicht nur um den Tausch- und Gebrauchswert, wie wir sagen, sondern um mehr.Dirk HohnsträterDer Kulturwissenschaftler hat sich dem Thema "Konsum" verschrieben.  

Haben oder nicht haben?

Aber auch wenn wir bewusst nicht konsumieren, senden wir eine Botschaft. So hat die Unzufriedenheit über Produktionsverhältnisse zum Beispiel dafür gesorgt, dass Fairtrade- oder auch Bio-Produkte heute deutlich populärer sind als noch vor ein paar Jahren. Statt nur zu konsumieren, was der Markt einem vorgibt, greifen immer mehr Leute auf das Do-It-Youself-Prinzip zurück.

Es macht nicht nur Spaß, eigene Produkte zu entwerfen, es stillt auch den Drang der Menschen nach Mitbestimmung. Selbst wenn sie dabei ihre Rolle als Konsument nicht verlassen. Denn auch wenn ich einen Schrank selbst baue, brauche ich dafür Material und konsumiere also trotzdem.

Warum Konsum wissenschaftlich betrachtet werden sollte, hat der Leiter der neuen Forschungsstelle der Universität Hildesheim, Dirk Hohnsträter, detektor.fm-Redakteurin Carina Fron erklärt.