Forschungsquartett | Können Menschen lernen, sich per Echo zu orientieren?

Ohne Augen sehen

14.02.2017

Fledermäuse und Delphine orientieren sich per Echo-Ortung. Aber auch der Mensch kann lernen, mit Echos die Welt zu erkunden.

Blinde wenden Echo-Ortung oft intuitiv an

Daniel Kish ist fast noch ein Baby gewesen, als er auch auf dem zweiten Auge erblindete. Und während er noch lernte, ohne Sehfähigkeit sich im Raum zu bewegen, entwickelte er gleichzeitig eine Technik, die Welt um ihn herum wahrzunehmen. Er erzeugt Laute mit dem Mund, aus deren Echos er sich ein Bild seiner Umwelt zusammensetzt. Heute fährt er Fahrrad, spielt Basketball und orientiert sich dabei nur mit den Ohren.

Ich glaube, das würde jeder intuitiv lernen, der eine Sehbehinderung hat. Ich glaube, das ist etwas, das ganz von selber kommt, wenn man nichts dagegen tut. Mir wurde schon von Trainings berichtet, wo tatsächlich Kinder zu ihren Eltern gesagt haben: ‚Mama, ich kann die Wand hören.‘ Und die Mama wollte es nicht glauben. Aber das ist sowohl physikalisch wie biologisch absolut plausibel. – Lutz Wiegrebe

Zwar ist das menschliche Gehirn und sein Sinnesapparat vor allem auf eine optische Erfassung des Raums ausgelegt. Dennoch ist es in der Lage, auch über den Hörsinn die Welt zu erfahren. Denn von Objekten im Raum reflektierte Töne enthalten Informationen über deren Form. Ein geschultes Gehör kann diese Informationen nutzen und so die Formen und Oberflächen der Umgebung erkennen.

Echo-Ortung – jeder kann es lernen

Für Daniel Kish bedeutet die Echo-Ortung vor allem Freiheit. Deswegen hat er die Organisation World Access for the Blind gegründet, die sich international um eine Verbreitung der Echo-Ortung einsetzt. Weltweit tritt er auf Konferenzen und Tagungen auf, lässt sich dann auch schon einmal als Batman titulieren. Er ist eine Art Botschafter des Echos. In Deutschland arbeitet seine Stiftung eng mit dem Verein anderes sehen e.V. zusammen, der sich besonders um blinde Kinder kümmert.

Ein Team um Lutz Wiegrebe von der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht jetzt die neurologischen Grundlagen der Echo-Ortung. Dabei arbeiten die Wissenschaftler auch mit Daniel Kish zusammen, aber auch mit sehenden Menschen. Denn auch die können Echo-Ortung in wenigen Wochen so weit lernen, dass sie zumindest die Größe eines Raumes korrekt angeben können. Blinde Menschen lernen aber schneller. Vielleicht, weil sie eine höhere Motivation haben, mehr Lebensqualität gewinnen. Aber sicher auch, weil ihr Gehirn zusätzliche Ressourcen für die Echo-Ortung bereithält.

Blinde nutzen das Sehzentrum zum Hören

Bei der Echo-Ortung ist neben dem Hörzentrum im Gehirn auch der motorische Kortex aktiv. Dort werden die Bewegungen im Mund gesteuert, um die Laute zu erzeugen. Aber auch der visuelle Kortex, das Sehzentrum, ist aktiviert. Besonders bei blinden Menschen zeigt sich hier eine hohe Aktivität. Denn blinde Menschen nutzen das Sehzentrum, um Aufgaben der anderen Sinne auszuführen. Die sogenannte Plastizität des Gehirns erlaubt dies: Die Möglichkeit, Aufgaben im Gehirn neu zu verorten. Blinde Menschen haben daher einfach mehr Rechenpower für das Hören zur Verfügung als Sehende, bei denen das Sehzentrum ständig für die Optik arbeitet.

Wie Lutz Wiegrebe und die Forscher der LMU München die Echo-Ortung untersuchen, hat Mike Sattler sich erklären lassen.

Prof. Dr. Lutz Wiegrebe forscht am Institut für Neurobiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Foto: PrivatMit unserer virtuellen Umgebung könnten Blinde Echo-Ortung auch zu Hause trainieren. In einer sicheren Umgebung. Denn viele trauen sich einfach nicht, sich auf solche Informationen zu verlassen.Prof. Dr. Lutz Wiegrebeerforscht die neurologischen Grundlagen der Echo-Ortung an der LMU München. Foto: Privat 

Redaktion: Mike Sattler