Forschungsquartett | Neurowissenschaftler untersuchen Testosteron

Da wird Mann aggressiv – und Frau?

17.01.2017

Testosteron sorgt bei Menschen angeblich für aggressives Verhalten. Weil Männer mehr von dem Sexualhormon haben, verhalten sie sich auch aggressiver. Aber: Neueste Studien lassen Zweifel an diesem Zusammenhang aufkommen. Bei Frauen wirkt das Hormon nämlich ganz anders.

Testosteron als Aggressionshormon?

Landläufig soll Testosteron für Imponiergehabe und Aggressivität verantwortlich sein: Typisch „männliches“ Verhalten ist demnach aggressiver, weil bei Männern mehr Testosteron produziert wird als bei Frauen. Was Tierstudien bestätigten, steht bei Menschen aber schon länger in Frage. Verschiedene Studien zeigen, dass das Hormon zwar typisch „männliche“ Eigenschaften begünstigt, aber nicht unbedingt zu mehr Aggression führt. Der Mythos des Aggressionshormons hält sich aber trotzdem hartnäckig.

Macia Buades RotgerAuf den ersten Blick sind die Ergebnisse überraschend, weil sie der verbreiteten Annahme, dass Testosteron Aggression begünstigt, widersprechen. Macià Buades-Rotgerist Erstautor der Testosteron-Studie der Uni Lübeck. 

Streit im MRT

Wie das Hormon bei Frauen wirkt, wurde weitaus seltener untersucht. Wissenschaftler an der Uni Lübeck haben jetzt gezeigt, dass Testosteron bei Frauen nicht zu mehr Aggression führt. Im Gegenteil: Frauen mit höherem Testosteronspiegel reagierten sogar weniger aggressiv auf Provokationen.

Untersucht wurden in der Studie sowohl die Verhaltensebene als auch die Gehirnaktivität. Dafür wurde aggressives Verhalten in einem MRT (Magnetresonanztomograph) gemessen. Keine leichte Aufgabe: Die Wissenschaftler versuchten es mit einem Reaktionszeit-Wettkampf. Je ein Proband trat dabei gegen eine Mitspielerin aus der Forschergruppe an. Wer zuerst auf einen Zielreiz reagierte, gewann. Der Gewinner durfte nun den Verlierer mit einem unangenehmen und lauten Geräusch bestrafen. Wie laut das Geräusch war, konnten sie selbst bestimmen.

Ulrike KrämerInteressanterweise ist der Testosteronspiegel der Versuchspersonen negativ korreliert mit der Amygdala-Aktivität und auch mit dem aggressiven Verhalten. Das heißt, dass Personen mit einem hohen Testosteronspiegel weniger aggressiv reagieren und auch weniger Amygdala-Aktivität zeigen.Ulrike Krämer ist Professorin für Kognitive Neurowissenschaften an der Uni Lübeck. 

Nicht mehr, sondern weniger Aggression

Als Erstes zeigte sich: Eine Gehirnregion hat einen deutlichen Einfluss auf aggressives Verhalten. Je aktiver die sogenannte Amygdala war, desto stärker reagierten die Probandinnen im Test. Überraschend ist der Zusammenhang mit dem Testosteron. Je höher der Spiegel, desto geringer die Amygdala-Aktivität und desto geringer auch das aggressive Verhalten.

Das bestätigt andere Studien, die zu dem Ergebnis kamen: Testosteron fördert pro-soziales Verhalten. Eine Vielzahl jüngerer Studien zeichnet bisher noch ein unklares Bild von den Auswirkungen des Hormons. Mit jeder Studie nähern sich die Forscher aber der Wahrheit an. Die Wissenschaftler an der Uni Lübeck wollen in einem nächsten Schritt untersuchen, wie sich Hirnaktivität und Verhalten im emotionalen Erleben widerspiegeln.

Über die Studie hat detektor.fm-Redakteur Konstantin Kumpfmüller mit der Neurowissenschaftlerin Ulrike Krämer gesprochen.