Forschungsquartett | Prager Frühling

Die ganz anderen 68er

20.08.2018

Der Prager Frühling gilt oft als Teil der westeuropäischen 68er-Bewegung. Ein Missverständnis, meint der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel.

Das Missverständnis Prager Frühling

2018 ist das Jubiläumsjahr der 68er. Vor 50 Jahren gingen Menschen in Berlin, Frankfurt und Paris auf die Straße – und in Prag. Während Rudi Dutschke die linke Studentenbewegung in West-Berlin anführte, gingen im sogenannten Prager Frühling ebenfalls Menschen auf die Straße. Oft sind die beiden zeitgleich ablaufenden Bewegungen deshalb gemeinsam betrachtet worden. Dass dabei allerdings sowohl die Ziele als auch die Art und Weise der Demonstration oft missverstanden werden, glaubt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel:

Bei 1968 schaut man auf Deutschland und Westeuropa. Allenfalls spielt der Prager Frühling da eine Nebenrolle. […] Man muss ihn aus seinen eigenen Voraussetzungen verstehen. Einerseits stimmt es, dass er ein Teil vom globalen 1968 war. Aber der Prager Frühling als Reformprojekt kam eben aus der kommunistischen Partei heraus. – Martin Schulze Wessel, Historiker

Reform von oben

Tatsächlich seien die Ähnlichkeiten gering. Zwar habe man in der Tschechoslowakei auch 1968 längere Haare getragen oder ähnliche Musik wie in Westeuropa oder den USA gehört. Allerdings war der Prager Frühling der Versuch der regierenden kommunistischen Partei, den Staat zu reformieren. Dabei ging es um Wirtschaftsreformen, die die sozialistisch-zentralistische Marktwirtschaft teilweise liberalisieren sollten.

Dazu kamen Reformen der Meinungsfreiheit und des Justizwesens, die eine Rehabilitierung der Opfer der Stalin-Zeit beinhaltete. Aus diesen Zielen wurde in den Monaten des Prager Frühlings ein Volksbegehren. Aus dem Reformvorhaben der regierenden Partei wurde so ein Revolutionsbestreben der Bevölkerung.

Zeitschichten treffen aufeinander

Um die Ereignisse neu zu betrachten, hat Martin Schulze Wessel für sein Buch „Prager Frühling – Aufbruch in eine neue Welt“ ausschließlich mit tschechischen, slowakischen und russischen Quellen gearbeitet. Denn sie zeigen nicht nur einen nicht-westeuropäischen Blick. Sie nehmen außerdem die Zeitschichten der Tschechoslowakei der 60er-Jahre in den Blick.

Es war ein Projekt für die Zukunft, um die besser für die Gesellschaft zu gestalten. Aber das konnte einer kommunistischen Partei nur gelingen, wenn die ihre eigene Vergangenheit aufarbeitet. Der Prager Frühling ist damit auch ein Projekt einer moralischen Erneuerung der Nation. – Martin Schulze Wessel

Warum wird der Prager Frühling noch heute oft missverstanden? Und was ist sein Vermächtnis? Darüber spricht detektor.fm-Moderator Lars-Hendrik Setz mit dem Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel.