Forschungsquartett | Radikalität und Pop

Wie radikal ist Popkultur?

15.11.2016

Ein Forschungsprojekt der Philosophin Mirjam Schaub von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg will die verborgene Verbindung von Extremen und zeitgenössischer Kultur aufzeigen. Ihre Theorie ist: Radikalität und Pop sind keine Gegensätze.

Radikalität: In Philosophie positiv besetzt

Für ihr Forschungsprojekt zum Verhältnis von Radikalität und Popkultur untersucht Mirjam Schaub vier Teilbereiche: Radikalität in Philosophie, Kunst, Religion und Politik. Dabei ist „radikal“ nicht immer negativ besetzt. Gerade in der Philosophie gehören die radikalsten Denker zu den arriviertesten Philosophen. Ein Beispiel ist René Descartes, der den radikalen Zweifel an den Anfang seines Denkens stellt. Auch in der Kunst gilt Radikalität als unproblematisches Stilmittel. In Religion und Politik hingegen sind die Grenzen zum Extremismus fließend.

Gebrauch Der radikale Zug der Popkultur

Die Radikalität der Popkultur erforscht Mirjam Schaub an unterschiedlichen Beispielen. Ihre These ist dabei: Der radikale Zug der Popkultur liegt im Gebrauch. Die Popkultur überwindet die Grenzen zwischen Gebrauch, Nießbrauch und Missbrauch. Alles ist in ihr erlaubt, nur eben nicht der Nicht-Gebrauch.

Den Ausgang ihrer radikalen Poptheorie findet sie dabei beim Philosophen Jeremy Bentham. Er ließ seinen Körper nach seinem Tod präparieren und im University College in London ausstellen. Der Gebrauch des eigenen Körpers wird dabei über den Tod hinaus ausgedehnt. Ein moderneres Beispiel für die Überwindung der Grenzen der Gebrauchsformen sind Hausbesetzungen. Den Inhabern von leerstehenden Immobilien wird dabei das Eigentumsrecht abgesprochen, weil sie es nicht für den Gebrauch freigeben. Auch im Umgang mit geistigem Eigentum in der digitalen Welt und Open-Source-Projekten sieht Mirjam Schaub Beispiele für den radikalen Zug der Popkultur.

Radikal ist nicht gleich extrem

Auch wenn der Radikale darauf drängt, die Lücke zwischen der Theorie und ihrer Verwirklichung zu überwinden: Radikalität und Extremismus sind nicht das Gleiche. Der Radikale ist zwar bereit, für seine Idee zu sterben und damit den eigenen Körper für „die Sache“ einzusetzen. Er unterscheidet aber zwischen der Verfügung über seinen eigenen Körper und den anderer Menschen. Der Extremist hingegen sei bereit zu töten.

Über Radikalität in der Popkultur hat sich detektor.fm-Redakteur Konstantin Kumpfmüller mit Mirjam Schaub unterhalten.

mirjam-schaub_privatZerstörerische und kreative Impulse stiften gemeinsam eine hochwirksame Praxis der Abweichung, bis hin zur Asozialität, deren Entstehungsbedingungen kaum erforscht sind.Prof. Dr. Mirjam Schaub von der HAW Hamburg.