Forschungsquartett | Synästhesie

Wenn man Klänge sehen kann

15.05.2018

Gelbe Dienstage, rote Akkorde oder ein A, das nach Basilikum schmeckt: Menschen mit Synästhesie verknüpfen verschiedene Sinneswahrnehmungen miteinander. Und das tritt häufiger auf als gedacht.

Kein Fluch

Viele Synästhetiker entdecken schon in ihrer Kindheit, dass sie etwas Besonderes können. Doch in dieser Zeit nehmen die Kinder es häufig nicht als Gabe wahr. Vielmehr haben sie Angst, dass sie als anders abgestempelt werden. Deshalb sprechen sie auch nicht darüber, dass bestimmte Zahlen für sie Farben haben oder ein Ton einen Geschmack im Mund auslöst. Sie verstecken, dass ihre Sinne mehr können als die der anderen Kinder. Im Schnitt hat einer von 25 Menschen die Fähigkeit zur Synästhesie. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Immerhin nehmen viele die erweiterte Wahrnehmung als selbstverständlich hin.

Tilot introduction picture 2Meistens werden Synästhetiker nicht davon gestört. Sie merken oft noch nicht einmal, dass das eine besondere Gabe ist. Es ist Teil ihres Alltags. Amanda Tilot Max-Planck-Institut für Psycholinguistik 

Viele dürften zumindest in der eigenen Familie Verbündete haben. Synästhesie wird nämlich häufig vererbt. Das wissen Forscher schon seit 130 Jahren. Den Ursprung für Synästhesie in den Genen zu suchen, hat also durchaus Sinn. Doch bis jetzt ist es Wissenschaftlern nicht gelungen, die passenden Gene im Erbmaterial auszumachen.

Ein Durchbruch

Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen konnten nun einen genaueren Blick werfen als ihre Kollegen zuvor. Drei Synästhetiker-Familien stellten sich und ihre Genome Amanda Pilot und ihren Kollegen zu Verfügung. In den Familien haben über mindestens drei Generationen fünf oder mehr Mitglieder jeweils eine Klang-Farb-Synästhesie. Das heißt, sie verknüpfen Töne mit Farben. Diese Form gehört zu den häufigsten.

Bei den Versuchs-Familien konnten die Max-Planck-Forscher allerdings keine identischen Besonderheiten des Genoms feststellen. Es gibt also nicht den einen Code, den alle in der DNA tragen. Doch die Analyse zeigt, dass von den rund 22.500 Genen des Menschen 37 Gene sehr wahrscheinlich an der veränderten Wahrnehmung beteiligt sind.

Sechs davon haben die Forscher besonders im Auge. Sie sorgen vermutlich dafür, dass sich im Gehirn Nervenbahnen nicht nur mit ihrer unmittelbaren Umgebung verknüpfen, sondern auch in andere Hirnregionen reichen. So wird zum Beispiel beim Sehen auch gleichzeitig die Geschmacksregion angesprochen.

Synästhesie lernen?

Im Grunde ist Synästhesie eine Erweiterung der Sinne. Ähnlich wie ein Wein-Sommelier lassen sich zumindest in der Theorie die Sinne schärfen, sodass eine Form der Synästhesie möglich ist. Allerdings ist das wahnsinnig schwer, sowohl für den Lehrer als auch für den Schüler.

Was Synästhesie ist und welche Rätsel noch auf die Wissenschaftler warten, hat detektor.fm-Moderator Lars-Hendrick Setz mit Redakteurin Carina Fron besprochen.