Forschungsquartett | Universitäre Sammlungen

Das Eigenleben der Dinge

10.09.2015

Manch eine Universität weiß gar nicht, was sie da alles im Archiv hat. Jahrzehntelang sind universitäre Sammlungen aus dem Blick geraten. Jetzt gewinnen die Objekte ihre Faszination zurück und verbinden verschiedene Disziplinen.

Viele Universitäten entdecken gerade ihre Sammlungen wieder. Wiederentdecken ist dabei wörtlich gemeint, denn einige Sammlungen sind außerhalb ihrer Institute bis vor kurzem noch unbekannt gewesen. In Leipzig beispielsweise tauchten medizinhistorische Sammlungen der Rechtsmedizin und der Frauenheilkunde auf.

Bestandsaufnahme universitärer Sammlungen

Diese Entwicklung ist durch eine Bestandsaufnahme des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität in Berlin angeregt worden. Die dort angesiedelte Koordinierungsstelle für universitäre Sammlungen unter der Leitung von Dr. Cornelia Weber hat Kennzahlen zu allen deutschen universitären Sammlungen erhoben und sie jetzt in einem Internetportal öffentlich zugänglich gemacht. Im Zuge der Erhebung meldeten sich dann plötzlich Institute, von denen man gar nicht wusste, dass sie über Sammlungen verfügten, erzählt Weber.

  • Stahlschränke am Karl-Sudhoff-Institut. Hier lagern die Objekte der Medizinhistorischen Sammlung, wenn sie nicht gerade verwendet werden. Foto: Mike Sattler
  • Tastatur eines Cembalos aus dem Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Das Instrument wird bei Veranstaltungen gespielt. Foto: Mike Sattler
  • Decke einer historischen Geige mit Intarsien, die durch die Grünspanbecherlinge verfärbt wurden. Die Geige wird jetzt in einer Kooperation mit Pharamzeuten untersucht. Foto: Mike Sattler
  • Tastatur des Cristofori-Hammerflügels des Musikinstrumentenmuseums der Universität Leipzig. Es ist der älteste erhaltene Hammerflügel der Welt, ein Nachbau ist im Beitrag zu hören. Foto: Mike Sattler
  • Detail des Amputationsbestecks aus der medizinhistorischen Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts. Foto: Mike Sattler
  • Moulage (Wachsnachbildung) einer Kieferknochenoperation aus der medizinhistorischen Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts. Foto: Mike Sattler
  • Moulagen (Wachsnachbildungen) eines menschlichen Fetus im Mutterleib. Die Moulagen stellen eine der jüngsten Schenkungen an die medizinhistorische Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts dar. Oben rechts erkennbar das Signet des Deutschen Hygienemuseums. Foto: Mike Sattler

Objekte der Neugierde

Sammlungen sind meistens an Institute gekoppelt und werden von diesen auch verwaltet. Das ist historisch bedingt und erlaubt in der Praxis einen unbürokratischen Einsatz der Objekte in Forschung und Lehre. Gleichzeitig sind die Sammlungen damit aber rechtlich ungeschützt. Denn wechselt die Institutsleitung, sind die mündlichen Absprachen über den Umgang mit den Objekten hinfällig. Manche Sammlung dürfte so bereits verloren gegangen sein.

Dr. Karin König vom Karl-Sudhoff-Institut für Medizingeshichte.Ich habe festgestellt, dadurch das ich auch Instrumente in meinem Unterricht verwende, das Medizingeschichte für die Studenten greifbarer wird. Was sie anfassen können, können sie begreifen.Dr. Karin Königbetreut die medizinhistorische Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts. Foto: Mike Sattler 

Die Sammlungen entdecken

Dabei ist die Arbeit mit den Sammlungen eigentlich im Trend. Die Universität Tübingen etwa hat 2006 das Museum der Universität Tübingen gegründet, das als Dachinstitution aller Sammlungen fungiert und diese dauerhaft der Öffentlichkeit zugängig machen will. Hier wie auch an einigen anderen Universitäten werden Praxisseminare angeboten, in denen Studierende selber Ausstellungen mit den Objekten der Sammlungen realisieren können.

Prof. Dr. Josef Focht, Direktor des Musikinstrumentenmuseums der Universität Leiipzig und Sammlungsbeauftragter der Universität. Foto: Mike SattlerDie Arbeit am Objekt, am dinglichen Original, ist nach wie vor völlig unersetzlich.Prof. Dr. Josef FochtDirektor des Musikinstrumentenmuseums der Universität Leipzig. Foto: Mike Sattler 

Zusammenhänge verstehen, Wissen vermitteln

Gerade abstrakte Inhalte aktueller Forschung lassen sich so visualisieren und sogar Laienverständlich aufbereiten. Es gewinnen aber nicht nur die Besucher, sondern vor allem die beteiligten Studierenden. Zum einen müssen diese dabei ein Produkt einer viel größeren Öffentlichkeit präsentieren als es bei einer Hausarbeit der Fall sei, sagt Cornelia Weber. Das bringe sie dazu, in die wissenschaftliche Arbeit wirklich involviert zu werden. Für Prof. Dr. Josef Focht vom Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig ist die Ausstellung zudem ein völlig anderes Wissenskonzept, denn durch die vielen Verweise und Zusammenhänge zwischen ausgestellten Objekten ließe sich viel mehr ausdrücken als in einem bloßen Text. Es ist praktisch eine andere Form der Wissenschaft als der bloße Text, der möglicherweise noch mit Abbildungen und Diagrammen versehen ist.

Dr. Cornelia Weber vom Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität Berlin.Sammlungen sind auch wunderbar, weil man damit vieles verständlicher machen kann. Denn die Forschung ist ja heute sehr abstrakt. Sammlungen helfen, das Ganze zu visualisieren. Dr. Cornelia Webervom Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität Berlin. Foto: Katharina Gebhart 

Redaktion: Mike Sattler.