Forschungsquartett | Wie denken wir über unseren Tod?

Sterben müssen nur die Anderen

Haben Sie schon ein Testament geschrieben? Falls nicht, sind Sie nicht allein: Mit ihrem eigenen Tod wollen sich die Wenigsten befassen. Eine neue Studie hat jetzt herausgefunden, dass sich das Gehirn tatsächlich auch auf neuronaler Ebene „weigert“, über den eigenen Tod nachzudenken.

Der eigene Tod ist unvorstellbar

Wie denken wir über unseren eigenen Tod? Eine Studie der Bar-Ilan Universität in Israel hat herausgefunden, dass sich unser Gehirn dieser Vorstellung verweigert. Die Forscher haben Probanden Fotos von sich selbst oder Fremden gezeigt. Diese Bilder sind mit willkürlichen Worten kombiniert worden. Sobald diese Worte eine Assoziation zum Tod hervorgerufen haben, und darüber hinaus auch mit dem eigenen Bild gezeigt wurden, schaltete der Bereich im Gehirn ab, der für Vorhersagen zuständig ist.

Wir haben nicht erwartet, dass das Vorhersagesystem im Gehirn komplett abgeschaltet hat. Wir haben einen viel kleineren Effekt erwartet. – Yair Dor-Ziderman, Leiter der Studie

Todesfurcht mit Konsequenzen

Die starke Ablehnung des eigenen Todes auf neuronalerer Ebene und gleichzeitige Akzeptanz des Todes anderer Menschen hat weitreichende Konsequenzen: Dadurch wird das eigene Leben und damit die eigene soziale Gruppe überhöht. Eine immer weiter auseinanderklaffende Spaltung der Gesellschaft könnte die Folge sein.

Durch die Verleugnung unseres eigenen Todes idealisieren wir unsere In-Group und dämonisieren unsere Out-Group. Wir sehen das überall auf der Welt. Hier in Israel, im vereinigten Königreich und den USA. – Yair Dor-Ziderman

Wie sich das Gehirn weigert, über den eigenen Tod nachzudenken und welche gesellschaftlichen Konsequenzen das hat, darüber hat detektor.fm-Redakteurin Esther Stephan mit Yair Dor-Ziderman gesprochen. Er arbeitet an der Bar-Ilan Universität und hat die Studie geleitet. Von dem Gespräch berichtet sie detektor.fm-Moderatorin Lara-Lena Gödde im Forschungsquartett.

TodIch halte es wirklich für zweifelhaft, dass irgendeine Art religiösen Glaubens hier einen Unterschied machen kann.Yair Dor-Zidermanist einer der Leiter der Studie. 

Redaktion: Esther Stephan