Forschungsquartett | Angst bekämpfen

Die Erinnerung umschreiben

07.08.2018

Wer seine Angst bekämpfen will, muss sich ihr stellen. Dabei verändern sich die Spuren der Erinnerungen in unseren Nervenzellen. Wie das genau abläuft, untersuchen Wissenschaftler aus der Schweiz.

Gegen die Angst

Wer als Kind einmal vom Baum gefallen ist, hat vielleicht bis heute Angst vorm Klettern. Die Erinnerung an den Sturz von damals kann somit bis in die Gegenwart hinein das Verhalten einer Person steuern. Wer etwas gegen diese oder andere Ängste tun möchte, kann sich ihnen stellen. Zum Beispiel in einer Therapie, in der man in einer sicheren Umgebung und mithilfe von Therapeuten die Ängste aufarbeitet. Dass solche Therapien erfolgreich sein können, wissen Forscher bereits seit längerem. Was dabei in unseren Nervenzellen passiert, das war lange ungeklärt.

Die Gedächtnisspur verändert sich

Erlebnisse werden als Erinnerungen im menschlichen Gedächtnis gespeichert. Eine Gruppe von Nervenzellen kann dabei für verschiedene Teile dieser Erinnerungen stehen. Hirnforscher nennen solche Phänomene Engramme oder Gedächtnisspuren. Genau die verändern sich bei einer Therapie. Was dabei genau abläuft, untersuchen Wissenschaftler von der ETH Lausanne. Die Forscher rund um Johannes Gräff wollen wissen, was mit der Gedächtnisspur passiert, in der die jeweilige Angst gespeichert ist. In ihrer Studie haben sie herausgefunden, dass diese Gedächtnisspuren im Laufe einer Therapie umgeschrieben werden.

Wir konnten zeigen, dass eine Umschreibung der Angst-Gedächtnisspur stattfindet. Wenn sie also zum Beispiel zum Baum zurückgehen, aktivieren sie diese Gedächtnisspur. Jedes Mal, wenn das passiert, wird die Spur modifizierbar. Dadurch kann man jedes Mal neue Informationen zur ursprünglichen Angst hinzulernen. – Johannes Gräff, Neurowissenschaftler an der ETH Lausanne 

Mäuse bieten eine Antwort

Dafür haben sie die Nervenzellen von Mäusen untersucht. Für ihren Versuch haben die Forscher die Mäuse in Kisten gesetzt, in denen sie leichte Elektroschocks bekamen. Im zweiten Schritt wurden die Mäuse wieder in die gleiche Kiste gesetzt – und reagierten darauf mit Angst. Weil den Mäusen allerdings in den folgenden Schritten keine Schocks zugeführt wurden, konnten die ihre Angst verlernen. Was dabei in ihren Gedächtnisspuren passiert ist, konnten die Forscher dank moderner Gentechnik beobachten.

Johannes GraeffWir haben dadurch das erste mal einen Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung mit der Angst sehr wichtig ist. Man sollte also nicht vor seinen Ängsten davonlaufen, sondern sich ihnen stellen. Johannes Gräffist Neurowissenschaftler an der ETH Lausanne. 

Was passiert in den Nervenzellen, wenn wir uns unseren Ängsten stellen? Das erklärt Johannes Gräff von der ETH Lausanne detektor.fm-Moderator Lars-Hendrik Setz.

Forschungsquartett | Was in unseren Zellen passiert, wenn wir unsere Angst bekämpfen


 Wenn Sie unter Angst leiden oder Fragen zu einer Therapie haben, bekommen Sie erste Hilfe bei der Deutschen Depressionshilfe.


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