November 1965 in Los Angeles in den USA. Eine junge Dame und ein junger Mann wandern durch die Hallen des LA County Art Museums und bewundern die Kunst. Die beiden lernen sich gerade kennen. Sie haben sowas wie ein Date. Und es ist mehr als nur klar, zwischen den beiden knistert’s.
Die beiden haben zwar bei der Kommunikation auch etwas Schwierigkeiten. Ihr Hörgerät funktioniert gerade nicht, es ist bei der Reparatur, und so ist sie gerade de facto taub. Durch Lippenlesen erfährt sie, was ihr Partner so von sich gibt. Und er selbst ist auch schwerhörig. Ein perfektes Setting also für dieses Pärchen: die stillen Hallen des Museums. Die beiden geben eine süße Figur ab.
Schließlich kommen sie am Ziel an. Es handelt sich um ein Werk des russischen Malers Vasili Kandinsky von 1914: die unbetitelte Improvisation 3. Es ist ein abstraktes Werk und es ist nicht ganz klar, was man da eigentlich sehen kann. Starke Farben durchströmen das Bild, dessen Formen sich hauptsächlich mit bunten, dicken Linien bilden. Sie erzählt ihm, dass es ihr Lieblingswerk ist und dass das der Grund ist, warum sie überhaupt ins Museum wollte. Sie wollte es ihm unbedingt zeigen.
Da will der junge Mann nicht stillschweigen, sondern auch etwas zum Werk sagen. Doch ehrlich gesagt hat er keine Ahnung, was man dazu so sagen kann. Er ist ja nur hier, weil er Zeit mit ihr verbringen wollte. Und er hat ehrlich gesagt keine Ahnung von Kunst. Das Einzige, was ihm einfällt, ist, das Bild zu beschreiben. Das Bild sehe wie ein fliegender grüner Hamburger aus. Und ich weiß, Kunst ist Interpretationssache, aber ich habe mir das Werk auch mal angeschaut und ich weiß wirklich nicht, wo da ein fliegender grüner Hamburger zu sehen sein soll.
Eigentlich ist es fast schon bewundernswert, dass sich die junge Dame nach diesem Patzer doch wieder mit diesem tollpatschigen Kunstbanausen verabredet. Das ist die Geschichte von Vintage Surf. Mein Name ist Rabea Schlotz. Ich bin eure Host und ich freue mich, dass ihr wieder mit dabei seid bei Geschichten aus der Mathematik. Und natürlich auch wieder ein Hallo an euch, Demian Nahuel Ghose und Manon Bischoff von Spektrum der Wissenschaft. Hi! Hallo! Hi Manon, hi Rabea.
Unser Podcast heißt ja Geschichten aus der Mathematik, aber heute würde ich fast schon sagen, da ist es eine Liebesgeschichte aus der Mathematik. Denn wir sprechen hier zwar immer wieder über die PartnerInnen unserer ProtagonistInnen, aber dieses Mal ist es trotzdem anders. Vintage Surf ist eine Internet-Persönlichkeit, aber jetzt nicht so, wie es klingt. Also Surf wurde nicht berühmt, weil er irgendwie YouTuber ist oder so, sondern weil er einer der Menschen ist, die YouTube überhaupt erst möglich gemacht haben. Durch diese klitzekleine Erfindung, nennen wir sie doch einfach mal Internet.
Demian, erzähl uns doch mal ein bisschen was über Vintage Surf. Also Surf als Person hat unglaublich viel Ausstrahlung. Er ist heute mehr als 80 Jahre alt, aber sein Auftreten, da ist jemand im Raum, wenn er ankommt. Er trägt stets einen schicken Anzug mit einer eleganten Krawatte und Weste und alles drumherum, was man sich so vorstellen kann. Das ist ja jetzt unter Wissenschaftlern nicht unbedingt üblich.
Also ich gebe auch tatsächlich zu, wenn wir darüber sprechen, dass jemand im Grunde das Internet erfunden hat, dann habe ich da jetzt auch keinen adretten Mann mit Anzug und Krawatte vor Augen, sondern ehrlich gesagt shame on me. Irgendwie sowas viel Klischeehafteres für so Computer-Nerds, also keine Ahnung, T-Shirt oder so. Ich weiß nicht. Früher war das absolut so. Der hat als junger Wissenschaftler tatsächlich zugepackt, ganz drinnen in den Maschinen war er.
Aber er hat mir auch erzählt, warum er das macht, also warum er heute so auftritt. Und zwar geht es bei ihm darum, Respekt gegenüber den Personen zu zeigen, die er gerade trifft. Und dieser Respekt, der spiegelt sich auch in seiner Art wider. Er ist unglaublich aufmerksam und antwortet immer mit Kommentaren, Anekdoten, Ideen, an denen man merkt, dass er jetzt wirklich zugehört hat und sich bei den Antworten durch und durch Gedanken gemacht hat.
Was meinst du, mit der hat dir das erzählt? Also woher kennst du denn Vinton Cerf? Tatsächlich habe ich den immer wieder in der Konferenz teilgenommen, die Heidelberg-Loretz-Forum heißt. Die haben wir hier im Podcast immer wieder erwähnt. Und tatsächlich passiert unsere heutige Folge auch noch vor einem Interview, das ich dort mit ihm gemacht habe. Auch da großes Dankeschön an die Leute, die das organisiert haben. Da werden wir auch später noch den einen oder anderen Ausschnitt draus hören.
Was mich aber zunächst mal interessieren würde: Wenn ich so ans Internet denke, dann denke ich, keine Ahnung, an Netflix, an Wikipedia, an Chat, Social Media, Recherche, unendliches Wissen, nur einen Klick entfernt. Und dass das so möglich ist, das verdanken wir eben unter anderem Vinton Cerf. Der hat nämlich das sogenannte TCP/IP-Protokoll entwickelt, auf dem dieser ganze Spaß, über den wir hier auch gerade aufzeichnen übrigens, basiert.
Manu, was hat das denn mit Mathe zu tun? Ja, also das Ganze ist ja ein Netzwerkproblem. Also man hat jetzt nicht eine zentrale Einheit, das Internet, und von der gehen dann Kabel zu jedem PC, sondern irgendwie ist ja alles mit allem verbunden und alles irgendwie im Flow. Und um das zu koordinieren braucht man halt schon auch Mathematik.
Und was genau passiert dann tatsächlich, wenn ich im Internet bin? Wenn du in diesem ominösen Internet bist, also wenn wir Nachrichten jetzt verschicken, also egal ob über WhatsApp, über E-Mail oder halt irgendwie einfach auch nur eine Website laden, dann laufen im Hintergrund total viele Schritte ab. Also das merken wir meistens gar nicht. Unsere Daten werden in kleine Pakete zerstückelt und finden dann irgendwie selbstständig ihren Weg vom Sender zum Empfänger. Und genau das verdanken wir halt eben Vint Cerf, also dem Vater des Internets.
Das klingt ja fast so, als würden die Daten quasi irgendwie allein den Weg nach Hause finden. Aber woher wissen die denn überhaupt, wo sie hin müssen? Also haben die, keine Ahnung, ist so eine kleine Hedwig, Harry Potter-Beule da dabei oder wie funktioniert das? Ja, leider nicht. Wäre süß, wäre vielleicht auch Tierquälerei auf Dauer. Aber wenn man so guckt, wie viele Pakete verschickt werden. Nee, aber das machen die TCP/IP-Protokolle, die du vorhin erwähnt hast. Also das ist gewissermaßen die Sprache des Internets.
Und das Grundproblem ist nämlich, das Internet, ja, habe ich ja gesagt, ist keine gigantische Zentrale, die Rechner mit Kabel miteinander verbindet, sondern wir haben ein riesiges Netzwerk. Und das ist super unüberschaubar und irgendwie ist alles miteinander verbunden und laufen tauschen alle Daten miteinander aus. Tatsächlich stelle ich es mir so ein bisschen vor wie so ein Straßennetz. Da sind Millionen von Autos und die fahren hin und her und in diesen Autos sind Informationen.
Ja, genau. Und jetzt stell dir vor, du hast ja eben schon von Hedwig gesprochen, aber stell dir vor, du willst wirklich einen Brief verschicken, aber jetzt nicht einen kurzen Gruß, sondern wirklich so ein Sermon, also irgendwie so ein super langes Buch, sagen wir mal 1000 Seiten Text. Also für unsere jüngeren Hörer: Briefe sind Textnachrichten, die man auf Papier versendet hat, in Umschlägen, und dann hat man die gelesen. Ja, da musste man immer lange warten auf eine Antwort.
Aber ich erinnere mich noch, ich hatte früher viele Brieffreunde. Ich auch, ja. Naja, genau. Und jetzt hat man aber ein Problem. Wenn man jetzt wirklich mehrere, also du hast ja gesagt, man steckt einen kompletten Brief eigentlich in einen Umschlag. Und wenn der jetzt verloren geht, also sagen wir mal, die Post war ein bisschen nachlässig, also das Auto oder die Eule hat leider den Brief fallen lassen, den Umschlag, dann ist alles verloren. Also die 1000 Seiten Text zum Beispiel, die du mühsam geschrieben hast, handschriftlich. Handschriftlich. Das kommt vielleicht nie beim Empfänger an. Das wäre super ärgerlich.
Muss ich dann alles einfach nochmal losschicken? Ja, und das ist natürlich ziemlich aufwendig und das möchte man vermeiden. Und genau deswegen nutzt man so einen kleinen Trick. Also man zerlegt das Ganze. Du kannst ja jede Seite einzeln verschicken, zum Beispiel in einzelne Pakete packen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dann alle Pakete verloren gehen, ist natürlich ein bisschen geringer, als dass ein großes Paket verloren geht. Und dann müsste ich im Notfall nur noch eine Seite nachsenden, anstatt alle 1000.
Genau, das ist die Idee. Also wenn jetzt zum Beispiel Seite 346 und 728 verloren gehen, dann weißt du, okay, ich muss jetzt nur noch diese zwei Seiten irgendwie neu schreiben oder du hast sie hoffentlich im Kopf, was du da geschrieben hast, und separat losschicken, aber halt eben nicht den ganzen Rest. Aber das erklärt ja dann trotzdem noch nicht, woher die Pakete überhaupt wissen, wo sie hinkommen. Also bleiben wir mal beim Brief. Da schreibe ich außen dran und ein Mensch sieht diese Adresse und sortiert das richtig ein. Wie funktioniert das denn beim Internet?
Ja, du brauchst ja auch eine Absenderadresse in dem Fall und eine Empfängeradresse, also zum Beispiel von mir zu dir. Und dann brauchst du auch noch eine Positionsnummer im Gesamttext. Also das ist was wie die Seitenzahl, damit man weiß, wie die angeordnet werden. Dass ich halt nicht Seite 50 zuerst lese und dann Seite 1. Genau, weil du ja sonst gar nichts mehr verstehst.
Wenn du jetzt zum Beispiel, sagen wir mal, ich würde dir jetzt eine ganz kurze Nachricht schicken wollen und die besteht aus den Worten „ich liebe Mathe“. Das ist genau die Nachricht, die ich verschicken würde. Und dann, genau, und dann sagst du, okay, Paket 1, da packst du das „Ich“ rein, also das erste Wort. Paket 2 ist „Liebe“ und Paket 3 ist dann „Mathe“. Und dann brauchst du ja noch die Sende- und Empfängeradresse, also „Rabea an Manon 1, Ich“, „Rabea an Manon 2, Liebe“ und „Rabea an Manon 3, Mathe“. Und die schicken wir dann alle separat los, unsere Pakete.
Genau, und die können auch in beliebiger Reihenfolge ankommen, das ist egal, weil dadurch, dass die ja mit 1, 2, 3 beschriftet sind, dann weiß ich ja, wie ich die dann lesen muss. Das heißt, ich muss dann einfach nur warten, bis ich alle Dokumente habe, und dann kann ich es lesen. Also auch wenn „Mathe“ zuerst ankommt und dann „Liebe“ und dann kommt „Ich“, dann geht es halt trotzdem. Genau, und das nennt man in der Mathematik dann ein Ordnungsproblem.
Also man bekommt eine Menge an Daten, jetzt sind es in der Regel nicht drei, sondern halt sehr viel mehr, und hat die Nummerierung und muss die halt erst mal korrekt sortieren. Und da kann man Algorithmen für nutzen, und man kann clevere Algorithmen für nutzen, damit das halt möglichst schnell geht, dieser Sortierprozess. Und genau, dann hat man ein Problem gelöst.
Und wenn wir aber mal auch bei dem Vergleich mit der Post bleiben, dort werden die Briefe alle händisch sortiert. Aber wenn ich zum Beispiel nicht weiß, dass ich einen Brief bekomme, merke ich ja auch gar nicht, dass der nicht ankommt. Das kann ich mir bei dem Paket ja auch verstehen. Wenn ich nicht weiß, dass ich eine E-Mail bekommen soll oder keine Ahnung, dann merke ich ja auch nicht, dass die nicht ankommt. Also wie löst man denn dieses Problem dann?
Genau, und genau das ist ja auch mit ein Grund, weswegen du nicht nur ein Paket bekommst, sondern halt eben alles in ganz viele Pakete aufgespalten werden. Weil wenn du jetzt die Nummerierung von 1 bis 1000 hast, aber die fehlt, die 256, dann merkst du ja, ah, da hat wohl ein Paket gefehlt. Und dann wird das neu angefordert beim Empfänger. Da kannst du mir sagen, hey, mir fehlt ja offensichtlich was, und dann kann ich das nachschicken.
Und was hat das mit diesem Protokoll zu tun? Das ist der TCP-Teil des Protokolls. Und dann haben wir aber auch noch den IP-Teil des Protokolls. Das besteht ja aus zwei Sachen. Das heißt, ich weiß jetzt schon, wie etwas versendet wird, aber ich weiß noch nicht, wie es versendet wird. Weißt du, was ich meine?
Ja, genau. Also die Daten müssen quasi die richtige Route finden. Also die müssen den Weg finden. Hierfür braucht man dann den IP-Teil des Protokolls. Also das Internet wird dadurch wie ein Netzwerk halt wirklich beschrieben und die Rechner entsprechen quasi den Knoten, also sowas wie den Städten, zum Beispiel in so einem Stadtnetzwerk. Und die sind alle miteinander verbunden und die Datenpakete, die müssen sich halt eben einen Weg durch dieses Netzwerk suchen.
Und jetzt stell dir mal vor, du wolltest zum Beispiel von Heidelberg nach Paris fahren. Kann ich mir gut vorstellen. Ja, okay. Und dann kannst du ja entweder über Frankfurt fahren, zum Beispiel, oder über Karlsruhe oder über Stuttgart. Viele Wege führen nach Paris, so geht das Sprichwort, oder? Ja, genau. Und die Protokolle ermöglichen das halt eben, dass man dynamisch entscheidet, welcher Weg halt gerade am besten ist.
Also es kann ja sein, dass du vielleicht einen kleinen Umweg über Frankfurt fährst, das aber in dem Moment Sinn macht, weil die Autobahn über Stuttgart und über Karlsruhe halt dicht ist. Und genau dasselbe ist halt eben auch mit Daten der Fall. Also wenn die Netzwerke quasi, wenn das Kabel überlastet ist, wenn man so will, dann ist es vielleicht besser, eine andere Route zu wählen. Das heißt, die IP sorgt dafür, dass quasi der beste Weg durchs Netzwerk gefunden wird. Und TCP kümmert sich quasi darum, dass alle Daten richtig und vollständig ankommen. Habe ich das richtig zusammengefasst?
Ja, genau, das ist so gut zusammengefasst. Und da wir ja ein Mathe-Podcast sind, kann man das Ganze auch noch ein bisschen mathematischer ausdrücken, wenn man will. Also IP hilft dabei, das Wegfindungsproblem im Graphen zu lösen, also so die perfekte Route zu finden. Und TCP löst eben dieses Ordnungsproblem bei Datenfolgen. Aber das läuft ja alles im Hintergrund ab, wenn ich eine Nachricht übers Internet verschicke. Also ich schreibe dir „Hi“ und alles, was ich sehe, ist, dass „Hi“ auf meinem Bildschirm steht.
Und stattdessen passiert alles im Hintergrund, dass Nachrichtenteile verschickt werden, wie zum Beispiel das „H“ und dann das „I“ und das kommt alles bei dir an. Genau, ja. Also tausendfach pro Sekunde kommen da Datenpakete an. Also man kann ja sehen, dass Kilobyte, Kilobit, wie auch immer, an Daten. Und ich sitze einfach immer nur wie so ein Depp vorm Laptop und sage: „Boah, wieso lädt das nicht?“ Das ist aber auch immer.
Ja, genau, das ist schon ein bisschen fies. Ja, verrückt. Ich finde, das sind ja dann heute irgendwie schon so, ja, fast schon Luxusprobleme, dass man dort sitzt und sagt: „Wieso lädt mein Netflix jetzt nicht?“ oder so. Denn damals, als Vincent Cerf das Ganze angefangen hat, da waren wir ja noch weit davon entfernt. Denn er hat ja eben gerade erst diese Basis für dieses Protokoll geschaffen, damit wir heute das Internet so nutzen können, wie wir es nutzen können.
Springen wir also mal ein paar Jahre zurück, nämlich in das Jahr 1973. Denn dort entsteht dieses Protokoll. Zusammen mit dem Kollegen Bob Kahn hat Vincent Cerf das gemacht. Und hier kommt ja auch so ein bisschen unsere Liebesgeschichte ins Spiel. Demian, erzähl doch mal. Gerne. Ich würde aber noch ein kleines Ticken zurückspulen. Und zwar gehen wir zurück, ganz am Anfang zu Cerfs Geburt.
Und zwar am 23. Juni 1943. Es ist eine Frühgeburt. Seine Lungen sind noch nicht völlig entwickelt, also wird er in ein Sauerstoffzelt gebracht, wo ihm halt angereicherte Luft zugeführt wird, bis es ihm halt besser geht. Und er selbst beschreibt es einmal mit seinen eigenen Worten so: „Ich bin im Juni 1943 geboren. Es war immer noch der Zweite Weltkrieg. Ich war sechs Wochen zu früh. Und an diesem Punkt sind meine Lungen nicht völlig funktional. Und so haben sie mich in ein Sauerstoffzelt gelegt.
Und die Theorie ist, dass dies eine persistente und steigende Nervenverlust im Gehirn verursacht hätte. Diese Behandlung und eben auch die Frühgeburt haben vermutlich auch dazu geführt, dass er an Hörminderung leidet. Ob das akkurat ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber es ist sicherlich wahr, dass mein Hörer über Zeit degradiert. Aber es ist eine sehr langsame Degradierung. Ich würde sagen 1 dB pro Jahr. Ich bin jetzt 82. Und so ist mein Hörer auf einer Art von 75 Dezibel. Fun Fact: Ich selbst bin auch behindert.
Okay, ist vielleicht nicht ein Fun Fact, aber ihr versteht schon. Also ich trage auch mein Hörgerät im Ohr. Und als ich Surf kennengelernt habe, in dieser Konferenz, habe ich auch direkt gemerkt, dass wir im gleichen Team sind. Denn er hat genau die gleichen Bewegungen gemacht, die ich mache, wenn ich in einem Gespräch bin. Also wir haben beide bessere Ohren, also ein Ohr, das besser funktioniert. Und dann drehen wir uns.
Und ich sage, das ist wie ein Ballett. Man dreht sich immer im Gespräch so hin, bis man mit dem richtigen Ohr am Sprecher steht. Und da habe ich direkt gemerkt, okay, der hat genau das Problem. Tatsächlich, als ich das gelesen habe, dachte ich, das ist mir doch gar nicht aufgefallen. Und dann war mein zweiter Gedanke: Du hast ja auch Kopfhörer auf. Du musst dich ja nicht wirklich physisch zumindringen. Und dann dachte ich, das hätte total Sinn. Kopfhörer, absolut.
Zurück zur Geschichte. Okay, zurück zur Geschichte. Also mit 13 Jahren bekommt Surf ein Hörgerät. Er hört sehr schlecht und das musste halt mal kommen. Aber 13 Jahre, das sind schwierige Zeiten im Leben eines Jugendlichen. Die Hormone spielen verrückt, klar. Aber es ist ja auch die Zeit, wo Kids am gemeinsten sind, oder? Und jetzt muss der junge Surf plötzlich ein blödes Hörgerät tragen.
Und du kannst dir vorstellen, wir sprechen hier um das Jahr 1956. Also die elektronische Zeit. Die ersten Tage waren relativ groß. Ich hatte also ein großes Hinterhörgerät, letztlich zwei davon. Das ist eine schreckliche Zeit, um Hörgeräte zu tragen. Und der Grund ist, dass ich Mädchen beginne zu entdecken. Und ich entdecke sehr schnell, dass wenn du mit Hörgeräten ausmachst, sie schreien.
Und jetzt ist das Problem: Was machst du? Weil wenn du sie ausmachst, kannst du keine Gespräche haben. Und wenn du sie ausmachst, verursacht das den Mood. Das war eine etwas schmerzhafte Zeit in meinem Leben. Aber es hat alles geklappt. Also da muss er sich quasi entscheiden, ob er hören will, was das Mädchen ihm gegenüber erzählt. Aber wenn man dann eben nicht mehr erzählt, dann stört das Hörgerät halt schon.
Weil man kommt da irgendwie dran, dann quietscht es, es raschelt vielleicht, verrutscht es ja auch sogar. Und dann sind, ich würde sagen, die ersten Dates sind schon schwierig genug, selbst wenn man nicht solche Probleme hat. Also im Allgemeinen hat Surf eben die typischen Schwierigkeiten, die man so als Hörbehinderter hat. Man muss oft doppelt und dreifach nachfragen, was gesagt wurde. Und Orte mit ganz viel Geräusch im Hintergrund sind eine absolute Herausforderung.
Meine Frau, die mit normalem Hörgerät geboren wurde, hat ihr Hörgerät komplett verloren, als sie drei Jahre alt war. Und seit dem Zeitpunkt, sie hat 50 Jahre Lippenverschmutzung und dann hat sie Cochlea-Implantate bekommen. Aber sie hat eine sehr schnelle Praxis entwickelt. Sie würde wiederholen, was sie gehört hat. Und so konnte sie sich bestätigen, dass sie richtig gehört hat. Und die andere Person würde sich bestätigen, dass sie verstanden hat, was gesagt wurde.
Das war eine sehr schnelle Taktik, um sicherzustellen, dass sie nichts verpasst hat. Als er an einem Freitag den Anruf seines Hörgerätakustikers bekommt, und er sagt so: „Bitte, könntest du mal morgen früh kommen?“, was für Surf erstmal ganz irritierend ist. Warum soll er am Samstagmorgen dorthin gehen? Was soll er dort machen? Sein Hörgerät funktioniert doch einwandfrei.
Surf geht also dahin und im Laden ist einfach nur eine hübsche junge Dame, die man ihm vorstellen möchte. Ja, ich find die Geschichte so weird. Mein Hörgerätakustiker würde das mit mir machen. Aber gut, der Hörgerätakustiker jedenfalls ist der absolut beste Wingman ever. Denn nur eine Sekunde, nachdem er die beiden vorgestellt hat, ging die Rollin plötzlich runter vom Laden. Und er sagt so: „Tut mir leid, ich muss jetzt zumachen. Schönen Tag euch beiden.“
Surf möchte jetzt eigentlich nicht, dass dieses Kennenlernen so schnell zu Ende geht. Also überredet er Sigrid, das ist der Name der jungen Frau, zusammen zu Mittag zu essen. Sie ist eine Künstlerin, die die Pläne für ein Restaurant zum Beispiel und produziert eine Art Perspektiv-Renderung, wie es aussieht, um dem Kunden zu zeigen, der nicht in der Lage war, Blueprints und Farbplatten zu visualisieren.
Nun, wir haben Mittag gespielt und sie eröffnet mir die Chance, ihr Lieblingsbildchen im Los Angeles Kunstmuseum zu sehen. Und natürlich alles, um das zu halten. Also habe ich gesagt: „Ja, natürlich möchte ich das sehen.“ Also sind wir in der anderen Richtung der Straße zu dem LA County Art Museum gegangen und sie stellt mich vor dieses Wand, größte Kandinsky-Bild.
Und ich blicke auf dieses Ding und sage, dumm gesagt: „Das sieht aus wie ein fließender grüner Hamburger.“ Und zu diesem Punkt hat sie eine sehr wichtige Wahl zu machen: Oder ich bin ein hoffnungsloser Philistine oder vielleicht kann ich mich reparieren. Und zu diesem Punkt erinnert sie sich plötzlich daran, dass ihre Mutter sie erwartet hatte, sie zu holen und sie zum Flughafen zu bringen, weil ihre Mutter dort war, um ihren Bruder zu feiern.
Und sie hat es völlig vergessen. Ihre Mutter hat das Flughafen verpasst. Das war ein schrecklicher erster Schritt in der Beziehung mit deiner zukünftigen Mutterin. Wir haben uns im November 1965 getroffen und im September 1966 sind wir verheiratet. Und wir werden unser 60. Jubiläumstag nächstes Jahr feiern.
Aber da merkt man ja tatsächlich auch, dass Kommunikation bei diesem Paar nochmal eine besondere Rolle spielt. Du hast eben gesagt, er hatte da noch keinen Bart, deswegen konnte sie Lippen lesen. In einem vollen lauten Restaurant ist es schwierig, sich zu unterhalten. Deswegen ist auch das Museum ein guter Ort. Also welche Rolle spielt denn Kommunikation bei den beiden Eltern tatsächlich?
Es ist natürlich schon eine kleine Herausforderung, wenn zwei Hörbehinderte zusammen sind. Aber auch mit Dritten zu kommunizieren, das macht es ja noch schwieriger, würde ich sagen. Man braucht zum Beispiel viel mehr Sichtkontakt, um miteinander reden zu können. Also mal eben so durchs Treppenhaus brüllen: „Schatz, Essen ist fertig!“, isst er nicht. Absolut nicht.
Kann ich vielleicht aus persönlicher Erfahrung reden, dass wenn mir Leute aus der Ferne zugrufen, dann weiß ich nicht, in welche Richtung ich schauen soll: Links, rechts, oben, unten. Ich schaue wie ein Depp in alle Richtungen. Aber gut, Surf hat sich wahrscheinlich aber auch wegen dieser, sagen wir mal, Lebenssituation es auch zur Lebensaufgabe gemacht, Kommunikation zu ermöglichen und zu vereinfachen.
Und zufälligerweise fällt sein Interesse und sein Engagement in die Zeit, in der auch die Computerwissenschaften immer wichtiger werden. Es ist absolut viel los, es wird viel entwickelt, es ist eine super spannende Zeit. Und Surf ist da mittendrin. Es ist eine Zeit des Experimentierens. Er reist viel, vor allem als Student und Doktorand bewegt er sich viel.
Und ja, beruflich ist einfach sehr viel los. Er arbeitet mal an der Uni, dann im privaten Sektor, wie zum Beispiel bei IBM, und dann zurück an die Uni. Wie gesagt, es herrscht Aufbruchsstimmung. Eine Sache, die ich von dieser Zeit immer wieder höre, ist, dass Wissenschaftler ja zufällig Leute treffen zum Beispiel in einer Konferenz oder einfach nur auf den Hallen oder im Gebäude der Uni und sich dann spontan dazu entscheiden, zusammen ein Projekt anzupacken.
Aus solchen spontanen Zusammenarbeiten ist zum Beispiel auch das Diffie Hellman-Verfahren entstanden. Darüber haben wir in der Martin Hellman-Folge erzählt. Ja, und das passiert auch hier mit Surf. Er lernt so einen anderen Computerwissenschaftler kennen, und zwar Bob Kahn, mit dem er sich sehr schnell anfreundet. Und das ist halt nicht nur Surfs Kumpel, sondern auch Spoiler: der andere Internet-Papa.
Genau, und dieser Bob Kahn, der besucht Surf 1973. Da ist Surf gerade an der Stanford University tätig. Er erzählt, dass er ein Problem hatte, bei dem er Hilfe brauchen könnte. Das Hilfe brauchen sollte. Ich fragte ihn, was das Problem sei. Er sagte: „Wir haben die Computerkommunikation angeschaut und wir sehen jetzt, dass die Kontrolle über die Kommandos benötigt werden kann, indem die Computer involviert sind.
Aber wenn man die Computer für die Kontrolle über die Kommandos benutzt, werden sie in Mobilfahrzeugen, in Schiffen am See und in Flugzeugen sein. Die ARPANET hat gezeigt, dass man die Computer in Luftbedingungen verbinden kann, und die Computer kommen nicht hoch und gehen nicht um.
Aber in der Architektur, an der Bob arbeitete, war alles in Bewegung. Und wir mussten also Radio benutzen statt Reifen. Also Computer sollen künftig für militärische Führungs- und Kontrollsysteme in mobilen Fahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen eingesetzt werden. Das Problem war, dass das bestehende ARPANET nur fest installierte Computer über Kabel verband. Da klappt das mit Mobilsein, ehrlich gesagt, nicht so richtig.
ARPANET und seine Bedeutung
Manon, wir haben ja vorhin schon so ein bisschen darüber gesprochen, wie das ganze Internet funktioniert. Kannst du vielleicht mal ganz kurz erklären, was das ARPANET ist? Ich habe das ehrlich gesagt noch nie gehört. Ja, also das ARPANET ist eigentlich der Vorläufer des Internets heute. Und Forschende vom MIT haben das schon Ende der 60er Jahre im Auftrag der Air Force angefangen zu bilden.
Und das war ein Netzwerk aus Computern, die über Telefonleitungen miteinander verbunden waren und Informationen austauschen sollten. Also ist das denn überhaupt so eine Art Internet? Ja, es ist schon wie eine kleine Art Internet. Es ist aber ganz anders als man es heute oder wie wir es heute benutzen.
Also es gab ja da noch kein World Wide Web oder so etwas. Es gab jetzt keine Internetseite, auf die man gegangen ist. Die erste Datenübertragung, die gab es dann am 29. Oktober 1969. Da wurden wirklich zwischen Computern von der University of California, also in Los Angeles, und dem Stanford Research Institute, also nahe von San Francisco, eine Nachricht ausgetauscht.
Die erste Nachricht
Was hat man da so gesagt? Ich meine mich mal zu erinnern, dass man bei dem ersten Telefonat, wie war denn das? Da hat man auch irgendwas Lustiges gesagt. Was war es denn hier? Ja, ich dachte auch, es ist irgendwas Lustiges bestimmt. Weil ich glaube, die erste SMS war auch irgendwas Witziges. Aber ich erinnere mich jetzt auch nicht mehr.
Tatsächlich war es hier gar nicht spannend. Also die wollten einfach nur Login übertragen. Ich dachte, von allen Sachen, die man hätte schicken können. Aber dann ging es auch nur so weit, dass nach dem ersten „O“ – also es gibt auch nur ein „O“ – aber dass nach dem „O“ die Verbindung zusammengebrochen ist, sodass erst mal nur „LO“ ankam.
Und nach ungefähr einer Stunde konnten sie das ganze Wort schicken. Aber krass, so viel Geduld muss man ja auch erst mal aufbringen, dass man da eine Stunde wartet, bis mal ein Wort verschickt wurde. Das ist jetzt vielleicht nicht so der Durchbruch, auf den wir heute hoffen würden. Nee, tatsächlich.
Die Entwicklung des Internets
Also jetzt stell dir mal vor, man würde eine komplette Webseite laden wollen. Aber ja, man fängt halt klein an. Und mittlerweile können wir uns hier über Videotelefonie gerade unterhalten. So viel Geduld hätte ich gern mal, um das abzuwarten. Geduld, die hatte auch ein gewisser Winston Cerf. Und zwar hat er ein Jahr lang an diesem Projekt gearbeitet.
Der wesentliche Unterschied zwischen dem ARPANET und dem Internet ist dann eben, dass man beim Internet halt diese Mobilität haben möchte, sodass man auch auf dem Schiff connected ist und Daten übertragen kann. Und er arbeitet halt sehr lange an diesem Projekt. Und ein Jahr später, im Mai 1974, da veröffentlicht Cerf ein Paper zu seiner Arbeit, in dem er beschreibt, wie das Internet funktionieren könnte.
Damals gab es ja eben nichts. Und es ist also durch und durch revolutionär, was er da vorschlägt. Wie revolutionär, das lässt sich damals noch gar nicht so richtig absehen. Aber heute wissen wir ja, dass unsere Welt ohne diese Erfindung sicher eine komplett andere wäre.
Die Hardware-Entwicklung
Ich finde das insgesamt so interessant, sich etwas komplett Neues vorzustellen und dann in der Theorie zu überlegen, wie das Ganze funktionieren könnte. Aber ich glaube, man muss sich das insgesamt mal vorstellen. Das ist ja nicht nur diese Idee vom Internet an sich, sondern da ist ja auch ganz, ganz viel Hardware, die sich verändert hat.
Also wenn wir einmal überlegen, so ein Computer war ja einfach riesengroß. Und heute ist das nur noch so ein kleiner Laptop oder sogar noch kleiner. Da sieht man mal, wie viel tatsächlich in dieser Zeit passiert ist. Wenn ich überlege, heute ist mein halbes Leben im Internet. Meine Termine, meine Musik, Fotos meiner Kinder, Bücher, da ist alles drin.
Ich wüsste überhaupt nicht, was ich ohne Internet machen sollte. Was für mich immer wieder interessant ist, wie die Leute, die da gearbeitet haben, was sie so beschreiben, ist, dass all die Sachen, die man drumherum denken muss. Ich habe ja vorhin schon Martin Hellman erwähnt.
Sicherheitsfragen im Internet
Die haben darüber diskutiert, wie können wir Nachrichten sicher im Internet verschicken. Und das ist natürlich eine unglaublich wichtige Frage. Und solche Fragen gibt es halt etliche. Und da kommen halt sehr viele andere Akteure ins Spiel. Und alles zusammen macht halt das Internet. Surf betont halt immer wieder auch: „Ja, ich bin ein Vater des Internets.“
Aber so viele Leute haben daran gearbeitet. Du sagst, dass sich da super viele Leute Gedanken darüber gemacht haben. Und jetzt, während wir hier so im Internet rumdaddeln, ist dieser Gedankengang ja aber noch lange nicht beendet. Mich würde mal interessieren, worüber denkt denn Surf heute nach, nachdem er die Welt einmal revolutioniert hat?
Das dunkle Zeitalter der Digitalisierung
Vince Surf macht sich tatsächlich Gedanken um das dunkle Zeitalter der Digitalisierung. Ich dachte, wir wären im goldenen Zeitalter der Digitalisierung. Was ist denn das dunkle Zeitalter der Digitalisierung? Ja, das klingt super düster.
Also er meint damit, dass du hast ja eben schon bei dir beschrieben, dass halt alle unsere Informationen, eigentlich alles an Geschichte, an Bildern und so weiter im Internet steckt. Und das alles irgendwie vielleicht auch verloren gehen könnte. Wie soll das passieren? Ich meine, ich packe alles auf die Cloud, bei mir ist alles gespeichert. Hoppisch.
Ja, alles existiert irgendwie auf einer Cloud oder so. Aber die Technologie schreitet ja die ganze Zeit voran und auch immer schneller. Und jetzt stell dir mal vor, du kriegst so eine super alte Datei aus den 80ern oder 90ern, irgendwie auf einer Diskette wieder. Auf eine super alte Datei aus den 90ern.
Ja, was machst du denn jetzt mit dieser Diskette? Du bist doch im Ernst. Weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich meinen Vater fragen. Der hat hundertpro noch irgendwo ein Diskettenlaufwerk rumfliegen. Ja. Du hast recht. Ich könnte nicht mehr darauf zugreifen. Ich habe noch nicht mal mehr ein USB an meinem Laptop. Richtig, ich auch nicht.
Die Herausforderungen der Technologie
Und jetzt sagen wir mal, okay, du findest ein Diskettenlaufwerk und dann willst du diese Datei öffnen. Dann brauchst du ja jetzt auch noch die Software von damals. Weil teilweise sind diese Softwares gar nicht mehr kompatibel. Ich hatte letztens so ein altes PDF. Ich konnte es nicht öffnen. Ich habe gedacht, ich werde wahnsinnig. Ich muss im Internet nach irgendwas suchen.
Perspektivisch wird das ja wahrscheinlich passieren. Also die Dinge, wie wir sie heute abspeichern, wer weiß, ob wir die überhaupt noch öffnen können. Und dann ist es weg. Ja, und davor hat halt Winston Angst. Oder was heißt Angst? Aber dem möchte er halt zuvorkommen, dass genau das passiert.
Die Lösungsvorschläge von Winston Surf
Und deswegen schlägt er halt vor, dass man jede Art von Software und jede Art von Hardware irgendwie speichert. Also wie in so einer Art Museum. Nur halt das Ganze muss natürlich auch in digitaler Information vorliegen. Also zum Beispiel Baupläne für alte Hardware. Und genau die Software kann man ja einfach so speichern.
Das sind ja nochmal unfassbare Kapazitäten. Wir nutzen das Internet ja schon so lange und haben mittlerweile einen so großen Wust an Daten. Das holt man doch nie wieder auf. Ich habe übrigens Surf mal gefragt, um welche Art von Informationen die verloren gehen könnte, weil ich glaube, er sich halt am meisten Sorgen macht.
Und er hat mir damals als Beispiel ein Buch genannt. Und zwar, es heißt „Team of Rivals“ von der Historikerin Doris Kearns Goodwin. Da geht es um die Zeit von Abraham Lincolns Präsidentschaft. Und die Autorin schreibt an verschiedenen Stellen Dialoge zwischen den Protagonisten der Geschichte, die dafür gelobt wurden, dass sie sehr authentisch klingen.
Verlust von Informationen
Und das hat sie eben dadurch geschafft, dass sie sehr viel Zeit in Archiven verbracht hat, all die Briefe zwischen den Protagonisten gelesen hat und dadurch ein sehr gutes Verständnis hatte, wie sie geredet haben, wie sie Ideen ausgetauscht haben, wie direkt sie einander angriffen oder lobten. Und Surf meint, dass so etwas halt im Moment in unserer Generation verloren geht.
Wer schreibt keine Briefe? Im Internet kann alles schnell verloren gehen. Und was man halt so lokal speichert, kann auch sehr schnell mit neuen Computern inkompatibel sein. Aber was ist denn dann seine Herangehensweise in dieser Sache? Ich meine, Winston Surf ist ja schon recht im hohen Alter.
Surf’s Engagement
Er kann diese Probleme nicht tacklen. Und deswegen ist seine Hauptaufgabe, so sieht er das, so nimmt er das wahr, halt auf die Probleme aufmerksam zu machen, die er halt in seiner Erfahrung und in seiner langen Zeit im Internet halt so kennzeichnet und als besonders dringlich erachtet.
Er geht in Konferenzen, redet mit Policymakern, mit Politikern, aber auch mit den Leuten in der Industrie. Er ist sehr aktiv, der ist das ganze Jahr über. Und er arbeitet heutzutage auch für Google. Und zwar, welchen Titel bekommst du da? Also als Gründer des Internets kannst du ja nicht einfach irgendein Mitarbeiter sein.
Und er hat mir mal erzählt, dass seine heutige Stelle bei Google „Internet Evangelist“ ist. Also er verbreitet die Kunde des Internets. Und das klingt erst mal total bescheuert oder ganz lustig, je nachdem. Aber damit meint er genau das: Also die Probleme des Internets überall sagen, wir mal in die Agenda legen und auch diskutieren, was nur wo noch gebraucht wird in Sachen Internet.
Zukunftsvisionen
Ich finde das passt ja auch so ein bisschen zu seiner Vorstellung, die er so von der Zukunft hat. Denn da spricht er ja auch von einer Internet Society. Und er hofft halt, dass einfach jeder, unabhängig wo er ist, ob er viel Geld hat oder kein Geld hat, eben die Möglichkeit hat, aufs Internet zuzugreifen und eben Zugang auch zu dem ganzen Wissen bekommt, das eben im Internet alles so verfügbar ist.
Ich finde das irgendwie auch ein schönes Ende. Dass wir quasi zu Beginn die Entstehung des Internets haben und heute denkt quasi der Erfinder des Internets oder der Miterfinder des Internets darüber nach, wie tatsächlich auch alle diese Erfindung nutzen können.
Abschluss
Das finde ich jetzt irgendwie ganz schön. Danke euch beiden, dass ihr uns diese tolle Geschichte und auch diese tolle Liebesgeschichte aus der Mathematik mitgebracht habt. Als ich unseren heutigen Protagonisten in der letzten Folge angekündigt habe, da haben einige HörerInnen auf Joseph Fourier getippt. Wir haben sogar eine ganz liebe E-Mail dazu bekommen.
Hätte das auch passen können? Wie ist eure Expertise? Hätte man es ist der andere? Absolut. Wir haben ja gesagt, ohne diese Person hätten wir mit keinem Podcast aufnehmen können. Und da ist Fourier tatsächlich top als Antwort. Ja, good guess auf jeden Fall. Den müssen wir auch noch behandeln. Das sagen wir bei jedem Mathematiker.
Zunächst aber gibt es einen Hinweis auf unsere nächste Folge. Denn da sprechen wir über die Geschichte einer Autodidaktin, die sich mit außergewöhnlichem Matheverständnis und unbeirrbarer Neugier den Respekt ihrer studierten Mathekollegen erarbeitet hat. Das war es für heute. Vielen Dank, Manon. Vielen Dank, Demian. Dankeschön.
Geschichten aus der Mathematik ist eine Kooperation vom Podcast Radio detektor.fm und Spektrum der Wissenschaft. Die Idee für den Podcast und die Story kommen von Demian Nahuel Goß. Die Mathematik erklärt hat Manon Bischoff. Die Redaktion und die Moderation habe ich übernommen, Rabea Schlotz.
In der Redaktion mitgeholfen haben Demian Nahuel Goß, Manon Bischoff und ich, Rabea Schlotz. Die Musik kommt von Tim Schmutzler und die Folge produziert hat Wiebke Stark. Alle Folgen findet ihr auf detektor.fm und spektrum.de. Ciao, bis zum nächsten Mal. Untertitel im Auftrag des ZDF 2020.