Gute Nachrichten | „morethanshelters“ – Wohnraum für Notlagen

Wie Flüchtlinge und Obdachlose nachhaltig ein Zuhause bekommen können

30.04.2014

Eine Milliarde Menschen leben in Slums, etliche Millionen in Flüchtlingslagern. "Die menschenwürdige Versorgung mit angemessenem Wohnraum ist eines der größten Probleme unserer Zeit.", sagt das Unternehmen «morethanshelters» und entwickelte eine Lösung, die das Leben von Millionen Flüchtlingen verbessern könnte - weil es sich an sie anpassen kann.

Das “Domo” ist ein modulares System und lässt sich anpassen und erweitern. / © Nikolas Krause, morethanshelters

Die Zahlen sind erschreckend: weltweit zählen die Vereinten Nationen 45 Millionen Flüchtlinge, 100 Millionen Obdachlose und 1 Milliarde Slumbewohner. Und wer derzeit die Nachrichten schaut, der sieht sie wieder: die Bilder der riesigen Zeltstädte in den Wüsten.

Egal ob in Afrika oder derzeit in Syrien: enorme Flüchtlingslager wachsen heran. Im Durchschnitt bleiben die Flüchtlinge inzwischen 12 Jahre – eine halbe Ewigkeit. Die Situation dort ist extrem belastend. Keine Rückzugsräume, Enge, und vor allem: nur provisorische Behausungen.

Das Unternehmen „morethanshelters“ will das ändern – und hat eine Notunterkunft entwickelt, die Flüchtlingen und Obdachlosen auf der ganzen Welt helfen soll. Nach langen Jahren der Entwicklung steht nun die Serienproduktion und der erste reale Groß-Einsatz an. Grund genug, „morethanshelters“ einmal vorzustellen.

 


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+++ Der Beitrag zum Mitlesen +++

Der Vergleich mag etwas makaber sein, aber er ist eindrücklich. Stellen Sie sich vor, Sie gehen zelten. Keine Matratze, kein Badezimmer, kein Kühlschrank, keine Küche. Ein schönes Abenteuer über Wochenende, das mag sein. Aber stellen Sie sich vor, das ist ihr Zuhause. Ein Zelt. Bei Regen. Bei Streit mit den Mitbewohnern. Wenn es Ihnen mal schlecht geht. Immer nur ein Zelt. Für Millionen Flüchtlinge auf der Welt ist das die Realität – über Jahre hinweg. Traumatisierte Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg oder Katastrophen verlassen mussten. Daniel Kerber, der sich seit Jahren mit der sogenannten „informellen Architektur in Krisenregionen“ beschäftigt, erklärt, warum das ein Problem ist:

arbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Kunst.Daniel Kerberarbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Kunst. 

Normalerweise gibt es in der Flüchtlingshilfe gewisse Standards. Das heißt, man nimmt die Anzahl der Menschen, und definiert darüber: pro fünf Menschen gibt es ein Zelt, pro Mensch gibt es 20 Liter Wasser, es gibt 2.400 Kalorien. Das sind also die Grundstandards, mit denen man Menschen versorgen muss und eben auch mittlerweile kann. Aber das Problem ist, dass Menschen eben kein Standard sind. Sondern dass jeder aus einer eigenen Geschichte kommt, eine eigene Kultur hat, dass das ja auch sehr traumatisierte Menschen sind. Und wenn man die jetzt auch noch eher versucht zu „lagern“, und das nur aus der Logistik-Brille sich anschaut, dann geht man natürlich an den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen komplett vorbei.

Für einige Monate mag das so noch funktionieren. Das Problem ist aber: die Menschen bleiben länger dort, als vorgesehen. Und länger, als von der Logistik her angedacht – nämlich im Schnitt 12 Jahre. Hier muss etwas getan werden, das war der Ursprungsgedanke des Designers. Er beschäftigte sich mit Leichtbau, mit Architektur, mit Design. Und er gründete ein Unternehmen – mit dem Ziel, eine bessere Idee für Flüchtlingsunterkünfte zu entwickeln: das Domo.

Wir haben uns gedacht: wie ist das denn, wenn man direkt mit der Erst-Versorgung schon ein System anbietet, dass dann weiterhin mit den Menschen mitwachsen kann. Die Grundversorgung ist vielleicht für die ersten Wochen sehr ähnlich: das ist eine Art Tragwerk, darüber ist in der ersten Phase vielleicht eine einfache Zelthaut, und man ist für die ersten Wochen gut geschützt. Jetzt kann man aber bei unserem System einfach einzelne Komponenten ersetzen. Wenn man jetzt vor Ort merkt: die Bedingungen sind so, dass das hier klimatisch mit dieser einen Zelthaut überhaupt nicht funktioniert, dann muss man nur dieses eine Element austauschen. Das Tragwerk kann also über 20 Jahre bestehen bleiben und wird einfach nur ergänzt.

Der Vorteil liegt auf der Hand: das Domo muss nicht weggeschmissen werden. Es passt sich an, wächst sozusagen sukzessive mit. Liegt die durchschnittliche Lebensdauer eines Flüchtlingszeltes bei rund einem halben Jahr, soll das Domo mehrere Jahre halten. Das spart Geld – und es passt sich besser an, an die, die da kommen:

Wenn wir merken, es gibt dort Großfamilien, dann können wir große Unterkünfte herstellen. Wenn man merkt, das braucht vielleicht Privatsphäre oder Männer und Frauen müssen getrennt übernachten, oder es gibt sehr viele Kinder im Lager, die vielleicht noch mal gesondert untergebracht werden müssen, dann können wir mit diesem Baukasten direkt vor Ort reagieren. Das klassische Beispiel ist, dass dort vielleicht eine 20-köpfige Großfamilie kommt, und dann müssen die sich aufteilen auf mehrere Zelte. Das funktioniert eben nicht. Was man jetzt im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien auch sehr gut sieht, ist, dass die Menschen sich das auch nicht mehr gefallen lassen, wenn ich das mal so ausdrücken darf – und einfach die Sache selbst in die Hand nehmen: die Zelte wieder abbauen über Nacht, und versuchen, die dann irgendwie zusammenzubinden, noch irgendwie ein Stück Pappe dazwischenzufummeln, so dass sie selbst sich die Räume schaffen, die sie brauchen. Und dadurch entstehen jetzt dort z.B. sehr improvisierte Lösungen, die dann auch teilweise sehr gefährlich sind.

Hier wird das Ziel der Firma „more than shelters“ deutlich. Man will dort nicht nur eine bessere Unterbringung für Flüchtlinge und Notleidende entwickeln. Man will die gesamte Notversorgung revolutionieren. Ein großes Ziel – hinter dem eine weite Strecke liegt. Ein Vorprojekt in Soveto ist bereits durchgeführt. Gerade wird eine erste Serien produziert, die syrischen Flüchtlingen in Jordanien helfen soll. Finanziert hat die Produktion dieser ersten Serie ein Crowdfunding. Mit dem Domo zielt „more than shelters“ nicht nur auf Flüchtlingscamps, die in Wüsten entstehen und rasant wachsen. Daniel Kerber ist überzeugt: Bedarf an diesem System gibt es weltweit.

Wir können mehrere Phasen mit einem System überbrücken. Und natürlich ist die größte Thematik, die wir in der Welt mittlerweile haben, Verslummung von großen Gebieten in Städten. Wir kennen das auch aus den Medien. Auch dieses Thema ist global am Explodieren. Wir haben mittlerweile eine Milliarde Menschen, die sehr unwürdig in Slums wohnen. Und die Prognose geht dahin, dass das 2050 drei Milliarden Menschen sein werden. Also das ist Wahnsinn, was da gerade passiert.

Nach langen Jahren des Forschens, Testens, Entwickelns und Lernens steht nun der erste reale Großeinsatz bevor. In Jordanien – und dort wird das Domo dringend gebraucht. Wegen des Bürgerkriegs im Nachbarland Syrien sind 120.000 Menschen in ein Flüchtlingslager in der Wüste geflohen. Dort soll nun das Domo in großer Menge zum Einsatz kommen. Die Produktion dieser ersten Serie wurde mit einem Crowdfunding finanziert – und das ziemlich erfolgreich.

Das ist natürlich auch ein Moment, der sehr spannend ist und so ein Zieleinlauf von mehreren Jahren Arbeit. Das ist natürlich auch mit Freude verbunden, auch mit neuen Herausforderungen. Wir müssen jetzt einfach auch gucken: wie wachsen wir weiter? Wo bekommen wir weitere Unterstützung her? Also, wir erreichen viel, und jedes Mal entsteht eben auch eine neue Herausforderung. Und das gehen wir halt so Schritt für Schritt einfach weiter.