Unwetter in Süddeutschland: Warum der Mensch die Schuldfrage braucht

Gottes Strafe? Das war mal.

30.05.2016

Erneut haben starke Regenfälle Teile Deutschlands unter Wasser gesetzt und enomen Schaden angerichtet. In Baden-Württemberg kamen drei Menschen in den Fluten ums Leben. In der anschließenden Berichterstattung wird oft nach den Ursachen für solche Katastrophen gesucht. Früher war Gott schuld, später das Schicksal, heute oft der Klimawandel. Vom Sinn und Unsinn der Schuldfragen bei Naturkatastrophen.

Zwischen 53 und 67 Liter pro Quadratmeter Regen sind in der Nacht mancherorts gefallen pro Stunde. Große Teile Südwestdeutschlands stehen unter Wasser. Schuld an dem Hochwasser ist das Tief „Elvira“, das sich kaum bewegt und daher ein- und derselben Region über Stunden oder sogar Tage ganz ähnliches Wetter bringt.

Um die Ereignisse zu verarbeiten, stellen sich die Betroffenen oftmals die Sinnfrage: Warum ist das ausgerechnet mir passiert?

Der Mensch wird immer wieder versuchen, die Handlungsmacht in seiner Ohnmacht wiederzuerlangen. So eine Handlungsmacht gewinnt man dadurch wieder, dass man sich selbst die Schuld für Dinge zuschreibt, für die man erkennbar nicht schuldig ist. – Michael Simon, Professor für Kulturanthropologie/Volkskunde

Die Rache Gottes?

In der Vergangenheit ist oft ein religiöses Deutungsmuster zur Verarbeitung von Katastrophen bemüht worden. Im Falle von persönlichem oder gesellschaftlichem Fehlverhalten straft Gott die Menschen ab. Das ändert sich allerdings im Jahre 1755, als es in Lissabon zu einem verheerenden Erdbeben kommt.

An Allerheiligen, als sich ein Großteil der Bevölkerung in den Kirchen befindet, bebt die Erde minutenlang. Viele Menschen werden von den einstürzenden Gebäuden getötet. Kurz darauf bricht ein Feuer aus, die Überlebenden suchen Schutz im Hafen. Allerdings vergeblich, denn hier werden sie von einer Tsunami-Welle fortgerissen. Über 60.000 Menschen finden den Tod, knapp 85 Prozent aller Gebäude in der portugiesischen Hauptstadt werden zerstört.

Das Erdbeben erschüttert auch die großen Geister des 18. Jahrhunderts wie Rousseau oder Voltaire und befeuert die Theodizeefrage: Wie kann ein gütiger Gott das katholische Lissabon an einem Feiertag so abstrafen, wo es doch so viel für die Verbreitung des christlichen Glaubens tut?

Die Rache der Natur!

In der Folge werden im 18. und 19. Jahrhundert die klassischen religiösen Deutungsmuster für Katastrophen durch wissenschaftlich-technische ersetzt. Ereignen sich heutzutage Katastrophen, wird meist schnell nach dem vom Menschen verursachten globalen Klimawandel gefragt. In diesem Zusammenhang wird oft die Metapher von der „Rache der Natur“ bemüht. Wie viel Schuld tragen wir aber selbst an den Ereignissen, die unsere Lebenswelten augenblicklich zerstören?

Warum der Begriff der Naturkatastrophe problematisch ist und was es mit diesen Deutungsmustern auf sich hat, erklärt Michael Simon im Gespräch mit detektor.fm-Moderatorin Sara Steinert. Michael Simon ist Professor für Kulturanthropologie und Volkskunde an der Universität Mainz und hat zu Naturkatastrophen geforscht.

Wenn der Mensch nicht da wäre, würden die Katastrophen auch passieren, und man würde gar nicht über eine Katastrophe reden. Es ist der erlebende Mensch, der diese Dinge dann als Naturkatastrophe bezeichnet. Dieser Begriff ist diesen Ereignissen ja nicht wesensmäßig eingeschrieben. Michael Simonist Professor für Kulturanthropologie/Volkskunde an der Universität Mainz. 

Redaktion: Jannik Gräfen