Orientierungssinn ohne Navigationssystem: Orientierung ist trainierbar

Sind Navis daran schuld, dass wir uns schlechter orientieren können?

06.04.2016

Mitten im Wald ausgesetzt werden und dann nur mit Hilfe von Sonne oder Sternen wieder nach Hause finden: das können eigentlich nur Survival-Spezialisten. Doch ein grundlegender Orientierungssinn kann selbstverständlich nicht schaden. Geht der verloren, wenn wir uns immer nur auf Navi und Handy verlassen?

Wissen, wo die Höhle liegt

Wie fast alle Instinkte war der Orientierungssinn bei unseren steinzeitlichen Vorfahren wichtig und deshalb gut ausgeprägt. Wenn man über Kilometer ein Mammut gejagt hat, sollte man natürlich auch wieder nach Hause finden können. Jahrtausende war ein guter Orientierungssinn für den Menschen in vielen Lebenslagen notwendig.

Erst seit knapp zehn Jahren, seit Navigationssysteme und GPS-fähige Smartphones massentauglich geworden sind, müssen wir uns kaum noch auf unsere natürlichen Fähigkeiten verlassen. In einer fremden Stadt gibt man einfach den Zielort ein und das Gerät sagt, wohin man gehen muss, wie lange es dauert und wie weit es weg ist. Doch eine Frage liegt auf der Hand: Wenn wir der Technik nahezu blind vertrauen, verlieren wir dann unseren Orientierungssinn?

Orientierungssinn ist trainierbar

Der Orientierungssinn ist nicht nur eine Gabe der Natur. Obwohl einige Forscher glauben, dass man ihn vererben kann, kann man den Instinkt auch verlernen oder trainieren.

Ich könnte mir so kleine Spiele einfallen lassen. Ich würde zum Beispiel in einer Innenstadt, in der ich mich nicht gut auskenne, versuchen, mir markante Punkte zu merken und mich immer orientieren zu diesen markanten Punkten, auch wenn ich sie nicht sehe. – Stefan Münzer, Bildungspsychologe

Abgesehen von der erblich und durch Training bedingten Fähigkeit, sich zu orientieren, werden auch immer wieder geschlechterbedingte Unterschiede ins Spiel gebracht. Bei der Frage, ob das nur ein Klischeé ist, sind sich die Forscher noch uneinig. Auf der einen Seite kann es an der Gesellschaft liegen, dass Frauen sich schlechter einschätzen, andererseits könnte es evolutionär bedingt sein.

Wenn eine Frau sagt: „Ich habe keinen Orientierungssinn“, dann nimmt man es ihr nicht so übel. Also geben Frauen öfters an, darin schlecht zu sein. Das ist aber nur eine Selbsteinschätzung. In vielen Studien zeigt sich aber, dass Männer tatsächlich einen besseren Orientierungssinn haben. Man weiß nur nicht, woran das genau liegt. – Stefan Münzer

Über den verschwindenden Orientierungssinn und die Frage, was man dagegen tun kann, hat detektor.fm-Moderatorin Maj Schweigler mit Stefan Münzer gesprochen. Er ist Bildungspsychologe an der Universität Mannheim

Stefan_Muenzer KopieMan sollte sich ein bisschen mehr über die Fehler und Grenzen von Navis informieren. Und wenn man dann einen Weg plant, sich die Strecke immer in einem Routenplaner vorher anzeigen lassen. Dann kann man das im Kopf ein wenig mitverfolgen.Stefan Münzerist Bildungspsychologe an der Universität Mannheim. 

Redaktion: Christopher van der Meyden