Das Geschäft mit dem Blutserum ungeborener Kälber

Der Stich ins Herz

11.08.2015

Millionen ungeborener Kälber werden systematisch ausgeblutet. Denn ihr Blut ist ein wichtiger Rohstoff in der Forschung. Er wird als Nährlösung für Zellkulturen und in der Medikamentenentwicklung eingesetzt wird. Die Herstellung ist brutal, der Handel äußerst zweifelhaft. Doch gibt es eine Alternative?

Blutige Forschung

Wenn eine schwangere Kuh geschlachtet wird, wird auch ihr ungeborenes Kalb getötet. Der Fötus ist aber keinesfalls ein Abfallprodukt, denn mit ihm lässt sich noch viel Geld verdienen. Der Öffentlichkeit ist weitgehend unbekannt, das aus dem Blut von Kälberföten ein wichtiger Pharma-Grundstoff für Medizin und Forschung erzeugt wird.

Die Herstellung ist brutal. Das Blut wird direkt aus den noch schlagenden Herzen der ungeborenen und nicht betäubten Föten gewonnen. Tierschützer verweisen auf die Qual der Tiere.

Angeblich kann nur durch die Punktion mittels einer Kanüle ins schlagende Herz das Blut effektiv fördern, ohne das es gerinnt, berichtet der Zellbiologe Toni Lindl.

Alternativen bislang nicht in Sicht

Weltweit nutzen Pharmafirmen und Wissenschaftler das fötale Blut als essentiellen Grundstoff zur Gewinnung eines Serum, das als Nährlösung und zur Herstellung von Medikamenten dient. Es hält Zellen, Gewebe und Organe am Leben und findet daher täglich in Laboren Verwendung.

Das fötale Serum stellt für die Zellen einen großen Stimulus dar, weil der Fötus ständig neue Zellen produzieren muss, sagt Toni Lindl.

Künstliche Stoffe erreichen bisher nicht annäherend den Effekt, den das fötale Kälberserum hervoruft. Viele Zellkulturen sterben ohne die Wachstums- und Lebensfaktoren aus dem Föten-Blut in binnen kürzester Zeit ab. Das Blutserum hat daher einen enormen Wert: Je nach Qualität kann es es mehr als 1500 Euro pro Liter kosten.

Milliarden durch Kälberblut

Begehrt ist jeder Tropfen Fötenblut. Der Bedarf steigt weltweit. Doch auch wenn Wissenschaftler auf diesen Stoff angewiesen sind, die blutige Arbeit wird von Anderen erledigt. Es ist ein Geschäft, das viel Raum für Betrügereien bietet. Die Branche ist äußerst intransparent.  Wo und unter welchen Bedingungen die Kälberföten getötet werden, bleibt weitgehend unbekannt. Auch der Handel mit dem Serum  ist höchst nebulös und unterliegt bislang keinerlei staatlicher Kontrollen.

Zurzeit wird die Branche von einen heftigen Betrugsskandal erschüttert und wirft erstmals das Schlaglicht auf das Milliardengeschäft. Über mehrere Jahre sollen Unternehmen in Deutschland und Frankreich bei der Herrstellung der wertvollen Flüssigkeit Panscherei, Manipulation und Fälschung im großen Stil betrieben haben.

Forschung in Gefahr

Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, müssen die Wissenschaftler fürchten, dass ihre Forschung wertlos ist. Betroffen ist dann vor allem die milliardenschweren Krebs- und Gesundheitsforschung. Das gepanschte Serum ist durchaus auch für Menschen gefährlich, da viele Medikamente und Impfstoffe mit Hilfe des Kälberserums gezüchtet werden.

Manipulationen an Kälberserum können zu Verunreinigungen führen, sodass auch Krankheiten und Tierseuchenerreger übertragen werden können, warnt das saarländische Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz.

Unreine Bestandteile können nur schwer wieder herausgefiltert werden. Es stellt sich daher die Frage, ob es wirklich keine Alternative gibt oder die Forschung nicht doch längst einen anderen Nährstoff hätte entwickeln können? Über den von der Pharmaindustrie begehrten Grundstoff hat detektor.fm-Moderatorin Theresa Nehm mit dem Forscher Toni Lindl gesprochen. Er ist Biologe und Leiter des Instituts für angewandte Zellkultur in München.

foto toniBis heute ist man nicht in der Lage gewesen, die einzelnen Bestandteile des fötalen Kälberserums aufzuschlüsseln und dies wird auch in absehbarer Zeit nicht möglich sein. Professor Tino Lindlist Biologe und leitet das Münchner Institut für angewandte Zellkultur. 
Das Geschäft mit dem Blutserum ungeborener Kälber

Redaktion Carsten Jänicke