Sinkendes Niveau an deutschen Universitäten?

"Früher hätte es sowas nicht gegeben"

26.04.2016

Lange Texte lesen, komplexe Sätze formulieren und wissen, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat – all das fällt Studienanfängern in Deutschland heute schwer. Was ist der Grund dafür? Sind die Studenten schlichtweg dümmer als früher oder ist das Bildungssystem Schuld? Zwei Professoren auf der Suche nach einer Erklärung.

An der Universität des Saarlandes ist kürzlich ein trauriger Rekord aufgestellt worden: Bei einer Matheklausur fielen 94 Prozent der Studienanfänger durch. Das scheint eher die Regel statt Ausnahme zu sein. Die Studierenden an deutschen Universitäten weisen große Defizite in vielen Bereichen auf: Grammatik, Syntax, das Mitschreiben in Vorlesungen oder auch die Grundrechenarten fallen ihnen häufig schwer.

Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage unter Professoren, die Gerhard Wolf 2011 durchgeführt hat. Wolf ist Professor für Philologie an der Universität Bayreuth. Er und sein Kollege Gerhard Fischerauer aus der Ingenieurswissenschaft haben mit uns über das Niveau der Studienanfänger gesprochen.

Kleiner Wortschatz, falsche Grammatik

Das Urteil der Kollegen aus Wolfs Umfrage ist 2011 vernichtend ausgefallen. „Das Wagnis, ein komplexeres Satzbaugefüge zu bilden, endet regelmäßig in peinlichen Niederlagen“, schreiben zum Beispiel die Professoren über die Fähigkeiten ihrer Studienanfänger sowie: „der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden.“ Verbessert habe sich die Situation auch fünf Jahre nach der Umfrage nicht.

Die Situation ist heute sogar fast noch schlimmer als vor fünf Jahren. – Gerhard Wolf, Professor für Altphilologie

Ergebnisse wie die aus Saarbrücken kennt Wolf nur allzu gut. Auch in einem seiner eigenen Einführungskurse sind erst kürzlich 80 Prozent der Studienanfänger durchgefallen.

Die Schulen in der Verantwortung

Die Schuld daran haben laut Wolf besonders die Schulen. Dort würden die Schüler nicht richtig auf das Niveau der Universitäten vorbereitet. Vielen falle die Umstellung schwer. Die Kompetenzen, die man im akademischen Betrieb braucht, würden nicht genug vermittelt: etwa das logische Argumentieren oder das Formulieren grammatisch korrekter Sätze.

Und selbst wenn diese Themen auf dem Lehrplan stehen, heißt das ja noch nicht, dass die Schüler sie beherrschen. Die Schulen würden häufig beide Augen zudrücken und ließen auch schwächere Schüler an die Universitäten.

Wenn die Abiturienten alles wüssten, was in den Curicula steht, hätten wir keine Probleme. – Gerhard Fischerauer, Professor für Mess- und Regeltechnik

Sind stärkere Selektionsmechanismen nötig?

Ingenieursprofessor Fischerauer schlägt vor, sich an den Praktiken anderer Länder zu orientieren. So entscheiden beispielsweise in den USA nicht die Schulen, sondern die Hochschulen selbst, wer studieren darf. Mit Einstellungstests und scharfen Selektionsmechanismen wählen dort die Universitäten zwischen den Studienbewerbern.

Sind die Studenten heute dümmer als früher? Was sollten die Schulen gegen die Defizite der Jugendlichen tun? detektor.fm-Moderatorin Juliane Neubauer hat mit den Professoren Gerhard Wolf und Gerhard Fischerauer über das sinkende Niveau an deutschen Hochschulen gesprochen.

Professor Gerhard FischerauerDie jungen Leute sind sicherlich nicht dümmer als früher ... Gerhard Fischerauerist Professor für Mess- und Regeltechnik an der Universität Bayreuth. 
Professor Gerhard Wolf... aber die Studienanfänger sind schlechter auf die Universitäten und deren Niveau vorbereitet. Gerhard Wolf ist Professor für Altphilologie an der Universität Bayreuth.