Zeitgeschichte | Völkermord an Armeniern – Die Schuldfrage stellt sich

Beihilfe zum Völkermord?

17.04.2015

Der Tod von 1,5 Millionen Armeniern um 1915 ist nicht nur für den Autor Jürgen Gottschlich ein klarer Völkermord. Doch er geht noch einen Schritt weiter: Das deutsche Kaiserreich war damals Verbündeter des Osmanischen Reiches - und trage folglich eine Mitschuld am Genozid.

Ein Verbrechen – Millionen Opfer unter den Armeniern

1915 war das Osmanische Reich durch Niederlagen im Krieg geschrumpft. Die Jungtürken, die zu dieser Zeit das Osmanische Reich regierten, fürchteten um das Überleben des Restgebietes. Minderheiten, allen voran die christlichen Armenier, betrachteten sie als Störfaktor und inneren Feind.

Die Folge waren massenhafte Deportationen in Richtung syrischer Wüste. Die Absicht und die Systematik dahinter ist bis heute umstritten. Die Türkei behauptet, man habe die Armenier abschieben wollen. Systematisch umgebracht worden wären sie aber nicht. Niemand habe sie damals an einer Umsiedlung in andere Gebiete gehindert.

Faktisch jedoch war ein Überleben kaum möglich. Familien wurden getrennt und zahlreiche Männer schon vor den Todesmärschen Richtung Süden umgebracht.

Völkermord oder Deportation?

Wie viele armenische Christen in den Jahren 1915 und 1916 ums Leben kamen, ist umstritten. Nach armenischen Angaben waren es bis zu 1,5 Millionen. Auch die historische Einordnung sorgt bis heute für Kontroversen. Kürzlich hat Papst Franziskus die Verbrechen als Völkermord bezeichnet und in eine Reihe mit dem Holocaust gestellt. Der türkische Präsident Erdogan bezeichnete das als Unsinn.

Auch die Europäische Union hat in einer Resolution die Türkei dazu ermutigt, die Geschehnisse als Völkermord einzustufen. Doch auch die Bundesregierung zögert, den Tod der Armenier eindeutig als Völkermord zu bezeichnen.

Deutsche Verwicklungen

Ein neues Buch des Autors und Journalisten Jürgen Gottschlich bringt hier nun ein neues Schlaglicht in die Debatte. Gottschlich zeigt, wie eng die Verbindungen zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich waren – und dass hochrangige Diplomaten über die Geschehnisse im Bilde waren. In einer Notiz des deutschen Botschafters aus Konstantinopel im Juli 1915 heißt es, die Deportationen und die Durchführung

zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.

Über die mögliche Mitschuld des ehemaligen deutschen Kaiserreiches hat detektor.fm-Moderatorin Theresa Nehm mit Jürgen Gottschlich gesprochen. Er ist Autor des Buches „Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier“.

Jürgen GottschlichDas deutsche Kaiserreich hat sich mitschuldig gemacht, sowohl durch Unterlassung jeglicher Hilfsmaßnahmen für die Armenier als auch dadurch, dass deutsche Offiziere an der Planung der Deportationen der Armenier beteiligt waren. Jürgen Gottschlichist Autor des Buches "Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier" 

Hintergrund: Was mit den Armeniern geschah

Was damals vor 100 Jahren im Osmanischen Reich genau passiert ist, das erklärt detektor.fm-Redakteur Alexander Hertel.

Redaktion: Lisa Hänel