Wer krank ist, erwartet Hilfe. Dass Beschwerden ernst genommen werden, dass eine Diagnose auf medizinischen Fakten basiert, nicht darauf, wie jemand aussieht, heißt oder wahrgenommen wird. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Doch für viele Menschen ist genau das nicht selbstverständlich. Rassismus spielt dabei eine entscheidende Rolle. Und er wirkt doppelt. Er entscheidet nicht nur darüber, wie gut Menschen medizinisch versorgt werden, er hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen. Genau darum geht es hier heute in dieser Folge.
Ach Mensch! Ich bin Jessi Hughes. Hi! Ach Mensch, Schwerpunkt Körper und Psyche. Ein detektor.fm-Podcast in Kooperation mit der Max Lang Gesellschaft. In Deutschland leben über eine Million Menschen afrikanischer Herkunft. Bis vor kurzem gab es über diese Gruppe von Menschen kaum weitere statistische Angaben. Für die Rassismusforschung ist das ein Problem, denn gerade schwarze Menschen werden in Deutschland…
Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat Mona Akins erforscht, wie Rassismus-Erfahrungen die psychische und körperliche Gesundheit beeinflussen, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Sie war außerdem leitende Wissenschaftlerin des Afro-Zensus 2020, der ersten umfassenden Studie zu den Lebensrealitäten schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland. Ich freue mich sehr, dass Frau Akins heute hier ist. Herzlich willkommen!
Ja, vielen Dank. Sie haben gerade in ihrer Doktorarbeit untersucht, wie sich Rassismus-Erfahrungen in der Kindheit auf die spätere Gesundheit auswirken. Also nicht nur auf die psychische, sondern auch auf die physische Gesundheit. Welche gesundheitlichen Folgen kann Rassismus denn haben? Rassismus wird oft als ein gesellschaftliches oder auch ein politisches Thema verstanden. Oft auch als ein Randthema und nicht als ein Gesundheitsthema. Und es ist wichtig zu betonen, dass das eben auch gesundheitliche Folgen hat, wenn Menschen Rassifizierungsprozesse ausgesetzt sind.
Für Menschen, die Rassismus erleben, handelt es sich oft nicht um Ausnahmesituationen, sondern um wiederkehrende Erfahrungen, zum Beispiel in der Schule, im öffentlichen Raum, im Gesundheitswesen oder allgemein im Alltag. Und diese Erfahrungen wirken sich auf die psychische Gesundheit aus. Sie können Ängste, depressive Symptome, Stress oder auch ein geringeres Selbstwertgefühl beeinflussen. Und was wir inzwischen aus internationaler Forschung und auch aus meiner eigenen Forschung wissen, ist, dass soziale Erfahrungen sich im Körper einschreiben können und damit auch eben Rassismus-Erfahrungen sich im Körper einschreiben können.
Und das erfolgt über chronischen Stress. Und dieser chronische Stress, dauerhaft aktiviert, bedeutet, dass eben biologische Stresssysteme dann dauerhaft belastet sind. Und das kann zu Entzündungsprozessen führen. Das kann Schlaf verschlechtern, das kann Herz-Kreislauf-Systeme belasten. Und in meiner Doktorarbeit habe ich mich auch damit beschäftigt, dass das langfristig sogar Prozesse des biologischen Alters beeinflussen kann.
Wir haben tatsächlich auch in einer der letzten Folgen von Ach Mensch mit einem Stressforscher gesprochen, mit Matthias Schmitt. Und er hat erklärt, dass gerade traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit und eine hohe Stressbelastung einen nachhaltig prägen können. Das kann dafür sorgen, dass Menschen dann auch später weniger stressresilient sind. Gibt es denn Wege, dieses Muster dann irgendwie nochmal zu durchbrechen?
Ja, es ist wichtig zu betonen, dass das eben nicht deterministisch ist. Also wir können über andere Ressourcen, über Resilienzstrategien und über Coping-Strategien damit umgehen. Und nichtsdestotrotz müssen wir an der Ursache arbeiten und die Ursache bekämpfen, dass eben Menschen nicht rassifizierenden Prozessen ausgesetzt sind. Ich versuche immer zu betonen, dass selbst das Darauf Reagieren und das Bewältigen eben auch Kosten für die Psyche und für den Körper hat.
Sie forschen ja auch eben nicht nur zu Rassismus in der Kindheit und welche Auswirkungen das haben kann. Sie waren leitende Wissenschaftlerin eines sehr viel umfassenderen Forschungsprojekts zu antischwarzem Rassismus in Deutschland. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber es war die erste umfassende Studie, die sich mit Lebensrealitäten, Diskriminierungserfahrungen und Perspektiven von schwarzen Menschen in Deutschland beschäftigt hat. Das heißt, hierbei geht es um eine Gruppe von über einer Million Menschen in Deutschland.
Und ich muss sagen, ich war dann doch etwas überrascht, dass es die erste große Studie zum Thema Rassismus in Deutschland ist. Wie kommt das eigentlich? Hat das irgendwie historische Gründe? Das Erstaunliche ist, dass, wie Sie auch gesagt haben, der Afrozensus erst jetzt zustande gekommen ist oder vor fünf Jahren. Die Studie feiert sozusagen ein fünfjähriges Jubiläum dieses Jahr.
Und dass eine Studie diesen Umfangs auf sich warten ließ, hängt mit dem Umgang der deutschen Gesellschaft eben auch mit Rassismus und der Geschichte, die wir in diesem Land haben, und auch der Idee, dass schwarze Menschen sozusagen nicht schon seit Jahrhunderten Teil dieser Gesellschaft sind. Und es gab viele zivilgesellschaftliche Ansätze, Dokumentationen von Organisationen, von AktivistInnen, von schwarzen WissenschaftlerInnen, hauptsächlich über qualitative Forschung auch.
Was fehlte, war eben eine starke quantitative Grundlage, mit der wir die Erfahrungen von schwarzen afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland erfassen können, damit es eben auch in Politik, Verwaltung und Wissenschaft ein anderes Gewicht erhält und nicht als Einzelerfahrungen sozusagen abgetan wird. Deutschland verfolgt historisch einen eher race evasive beziehungsweise race vermeidenden Ansatz. Das heißt, bei uns sind Diskussionen und Auseinandersetzungen zu dem Begriff Rasse aufgrund der Geschichte tabuisiert.
Und aus diesen verständlichen historischen Gründen besteht eben diese Zurückhaltung gegenüber Kategorien, die Menschen entlang rassifizierter Merkmale erfassen. Und diese Zurückhaltung hat aber dazu geführt, dass wir große Forschungslücken haben, was die Rassismusforschung betrifft und eben bestimmte Lebensrealitäten von marginalisierten und mehrfach marginalisierten Communities nicht abgebildet werden. Und diese Zurückhaltung führt auch dazu, dass struktureller Rassismus statistisch dann unsichtbar bleibt.
Weil wo es keine Daten gibt, kann man auch Rassismus nicht faktisch nachweisen. Es ist schwierig, dann zu argumentieren für bestimmte Communities, was es braucht und welche Veränderungen wir gesellschaftlich brauchen, wenn eben keine Datengrundlage da ist. Datengrundlagen gibt es ja in anderen Ländern, zum Beispiel in England und in den USA. Da weiß man zum Beispiel, dass die Müttersterblichkeit schwarzer Frauen wesentlich größer ist als die weißer Frauen.
Und sowas konnte man in Deutschland oder kann man bisher quasi nicht erfassen oder wird nicht erfasst oder wird nicht erfasst, weil wir eben auch kein Äquivalent zu der Kategorie Race haben im deutschen Kontext und auch im europäischen Kontext. Wir vermeiden eben diese Kategorie und haben auch keine anderen Kategorien, die dem entsprechen können. Im deutschen Forschungskontext wird viel mit der Migrationshintergrundkategorie sozusagen gearbeitet, die aber auch in vielerlei Hinsicht problematisch ist, weil sie so eine große diverse Gruppe von Menschen einfach unter einen Kamm schert.
Ja, und aber auch, weil sie eben diese Narrative verstärkt, dass schwarze Menschen, die seit Jahrhunderten in diesem Land leben, eben erst über Migration vor einer oder zwei Generationen hierher gekommen sind. Und im Afrozentus konnten wir aufzeigen, dass Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, eben auch zu einem Viertel, glaube ich, nicht über die Migrationshintergrundkategorie erfasst werden können.
Der Afrozentus war ja auch sogar keine ganz typische Studie, weil sie von zwei Vereinen initiiert wurde: Citizens of Europe und Each One Teach One. Steckt also nicht zuallererst eine Forschungseinrichtung, jetzt zum Beispiel wie das Max-Planck-Institut, dahinter. Wie kam es denn dazu und welchen Unterschied macht das? Das kommt daher, dass in der klassischen Forschung marginalisierte Communities oft als „hard to reach“ Populations gelabelt werden, dass sie eben nicht erreichbar sind mit bestimmten Studien und so weiter.
Und dass die Wissenschaft quasi auch nicht so viel über diese Communities weiß, weil sie auch in ihren eigenen Strukturen und Kontexten sich bewegen, die nicht so zugänglich sind für ForscherInnen. Und uns war es wichtig zu betonen, dass das Problem nicht ist, dass sie schwierig zu erreichen sind, sondern dass der Zugang zur Forschung nicht gegeben ist. Und dieser Zugang hat vor allem mit Vertrauen zu tun, dass bestimmte Communities eben auch eine Beteiligung, einen partizipativen Prozess brauchen, dass Forschung nicht über sie gemacht wird, sondern mit ihnen gemacht wird, dass ihre Lebensrealitäten abgebildet werden und was das bedeutet, also wofür die Forschung gemacht wird, für wen die Forschung gemacht wird.
Und deswegen haben wir in diesen zwei Organisationen darüber nachgedacht und auch gesehen, dass es eben diese Notwendigkeit gibt, dass wir Daten brauchen. Aber das Entscheidende ist, wie wir zu diesen Daten kommen. Und es ist am besten, wenn wir mit diesen Communities in Prozesse gehen, darüber sprechen, welche Fragen sollen überhaupt gestellt werden. Was sind eure Ängste, wenn es um die Daten geht, die wir dann erheben? Und natürlich schwingen da Ängste mit, weil eben die Forschung oder Wissenschaft dazu beigetragen hat, dass Konzepte, Ideologien sich etablieren konnten, wie Rasse zum Beispiel.
Und Menschen möchten nicht, gerade schwarze Menschen möchten nicht reduziert werden auf eine bestimmte Kategorie und haben dann auch Sorge, dass ihre Daten anders oder falsch genutzt werden. Das heißt, am Ende liegen die Daten eben auch bei den Communities und die können entscheiden, wie mit diesen Daten umgegangen wird oder wie sie herausgegeben werden. Genau da geht es um auch Datensouveränität und Communities Ownership. Da gibt es in der internationalen Forschung, in der partizipativen Forschung einige Ansätze dazu.
Und ich denke, das wird in Zukunft auch immer mehr eine wichtige Rolle spielen, wer Zugang zu welchen Daten hat und wer auch die Macht über bestimmte Daten hat. Und da sind gerade mehrfach marginalisierte Communities eben vorsichtig, berechtigterweise. Die Ergebnisse des Afrozensus haben gezeigt, dass fast alle Teilnehmenden, 98,1 Prozent, schon mal Rassismus erlebt haben. Welche Formen von Rassismus sind denn die häufigsten und in welchen Lebensbereichen kommt Rassismus besonders vor?
Rassismus kommt in allen Lebensbereichen vor, belegt die Studie, vor allem im öffentlichen Raum, weil wir müssen ja sozusagen rausgehen. Menschen müssen ja irgendwie gehen in die Öffentlichkeit und erfahren dort unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Rassifizierung. Viele subtil und deshalb schwer sichtbar, aber eben in allen Lebensbereichen gegeben. Und viele haben auch eben Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem beschrieben, am meisten eben über Merkmale wie rassistische Zuschreibung, ethnische Herkunft etc.
Und eben auch im Gesundheitssystem kommt es, wenn ich die Zahlen richtig habe, sind es circa 64 Prozent, die angegeben haben, dass sie Diskriminierung im Gesundheitswesen erfahren. Ich habe mich gefragt, ob diese Ergebnisse Ihre Vorannahmen bestätigt haben, aber auch ob es irgendwelche Ergebnisse gab, die Sie vielleicht sogar positiv überrascht haben.
Ja, weil es ja eben auch schon Wissen gibt über diese Communities, aber dieses Wissen wird eben nicht als eine wissenschaftliche oder wissenschaftlich fundierte Quelle sozusagen betrachtet. Und über diese Quantifizierung von bestimmten Erfahrungen, die hier und da schon einzeln dokumentiert worden sind, konnten wir eben aufzeigen, dass es ein Problem des strukturellen Rassismus in Deutschland gibt. Und überraschend denke ich, ist das nicht.
Also gerade für die betroffenen Communities und Teilnehmenden ist es keine Überraschung, aber es ist eine Validierung ihrer Erfahrungen auf einer wissenschaftlichen Grundlage. Und was ich bestärkend und empowernd finde in diesem, in dieser Studie und im Prozess dieser Studie, ist die Solidarität und die Bereitschaft der Communities, diese Gesellschaft mitzugestalten, obwohl sie eben zu über 90 Prozent in vielen Lebensbereichen eben diskriminiert und rassistisch marginalisiert werden.
Und eben die kollektive Resilienz zu sehen, die Empowerment-Strategien zu sehen und auch selbst die Datenerhebung, den Afro-Zensus als einen kollektiven Empowerment-Prozess zur Sichtbarmachung und Validierung dieser Erfahrungen zu sehen, finde ich sehr wertvoll. Neben diesem positiven Aspekt würde ich auch nachher gerne nochmal über ganz konkrete positive Weiterentwicklungen des Afro-Zensus sprechen, falls es denn welche gab. Lassen Sie uns erst nochmal kurz über das Gesundheitssystem sprechen, was ich genauer angeschaut wurde beim Afro-Zensus, neben eben anderen Lebensbereichen wie das Arbeitsleben oder der Bildungsbereich.
Welche sind denn die häufigsten Formen von Rassismus und Diskriminierung, die einem jetzt im Gesundheitssystem so begegnen können? Viele Teilnehmende haben im Bereich der Gesundheitsversorgung beschrieben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden, dass ihre Schmerzen unterschätzt werden, dass Symptome vorschnell psychologisiert werden oder abgesprochen werden. Und das führt zu einer Fehldiagnose, das führt zu Unterversorgung und das führt zu einer Verunsicherung und einem Risiko, sich im Gesundheitssystem zu bewegen.
Und andere haben allgemein beschrieben, dass in der Gesundheitsversorgung eben diese rassistischen Annahmen über Herkunft, Sprache oder Lebensweise mitklingen in die Art und Weise, wie sie im Gesundheitswesen behandelt werden. Und zudem gibt es eben auch strukturelle Faktoren, wie zum Beispiel unzureichende Diversität in Studien oder mangelnde Vorbildungen, die eben rassismuskritisch sein müssten oder Leitlinien, die eben auch diskriminierungs- und rassismuskritisch überarbeitet und erweitert werden müssen und die bestimmte Bevölkerungsgruppen kaum berücksichtigen.
Und das führt dann eben zu einer Verstärkung. Wichtig ist dabei, dass es nicht um individuelles Verhalten einzelner Fachkräfte geht, sondern dass es da um Strukturen, Routinen und Wissenslücken im Gesundheitssystem geht, die eben dafür sorgen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen das Recht auf Gesundheit eben nicht wahrnehmen können.
Ja, ich habe gesehen, dass Sie kürzlich mit anderen Autorinnen auch ein Gutachten für den Verein Decolonize Berlin veröffentlicht haben. Darin geht es um koloniale Kontinuitäten in der Berliner Medizin und Gesundheitsversorgung. Und darin heißt es, die heutigen Gesundheitsungleichheiten sind kein ahistorisches Zufallsprodukt, sondern Ausdruck kolonialer Kontinuitäten, die eben auch in der Medizin fortgeschrieben werden.
Die Kolonialzeit, die ist zum Glück schon länger her. Welche Relikte finden wir aus dieser Zeit jetzt ganz konkret im Gesundheitssystem? Wir haben erst vorgestern dieses Gutachten vorgestellt mit Decolonize Berlin. Und zu der Frage, wo koloniales Erbe oder koloniale Kontinuitäten sich im Gesundheitswesen wiederfinden, ist zum Beispiel medizinische Lehrbücher oder auch insgesamt Normwerte, wer als Norm gilt im Gesundheitssystem und auch in der Medizin. Eben dann auch Forschungsstandards, die auch dann über Jahrzehnte auf weiße Bevölkerungsgruppen ausgerichtet worden sind.
Und dann eben auch die Reaktionen, also nicht nur weiß, sondern auch männlich, weiß, bestimmten Alters. Und auf der anderen Seite wurden aber auch gleichzeitig Unterschiede biologisch erklärt, zum Beispiel soziale Unterschiede, die eben durch soziale Ungleichheit entstehen, dann eher so in: „Ah, das ist typisch für die und die Gruppe.“ Und dann verschwimmen die Grenzen zwischen, was passiert sozial, was in unseren Strukturen und welche Auswirkungen hat das dann eben biologisch und nicht, dass bestimmte Unterschiede biologisch gegeben sind.
Was gut ist, dass wir heute zum Glück wissen, dass Race zum Beispiel keine biologische Kategorie ist. Und trotzdem wirken diese alten, tradierten Denkweisen mit und führen eben dazu, dass es bestimmte Annahmen gibt über bestimmte Bevölkerungsgruppen, die dann defizitorientiert oder auch reduzierend diese Individuen und eben Gruppen benachteiligen.
Was ist denn jetzt die ganz reale Konsequenz für Menschen, die sich im Gesundheitssystem diskriminiert und nicht gut behandelt fühlen? Was macht man, wenn man krank ist? Was haben sich da irgendwelche Strategien entwickelt in Communities, wie man dann zum Beispiel eine Ärztin oder einen Arzt findet, bei dem man sich gut aufgehoben fühlt?
Ja, da gibt es einige Versuche, mit diesen Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen eben umzugehen und auch so antizipierend mit ihnen umzugehen. Also so erwarten, dass Diskriminierung im Gesundheitswesen stattfindet und dem versuchen vorzubeugen. Zum Beispiel bekannte oder auch Community-Personen dann eben fragen, ob sie gute Erfahrungen mit bestimmten Ärztinnen gemacht haben und ob sie welche empfehlen können.
Und manchmal gibt es WhatsApp-Gruppen dazu, manchmal gibt es irgendwie Listen, die von bestimmten Personen erstellt werden, wo der Versuch irgendwie ist, dass man dem vorbeugen kann und hoffentlich Personen finden kann, die eben nicht mit rassistischen Annahmen arbeiten. Kommen wir auch noch mal auf unser Einstiegsthema zu sprechen. Ein Kind, das in Deutschland unter Rassismuserfahrungen und seinen Konsequenzen leidet, kann das medizinisch eigentlich gut betreut werden, also auch auf psychologischer Ebene.
Wie steht es eigentlich um rassismussensible Psychotherapie in Deutschland? Rassismussensible Psychotherapie in Deutschland, ich würde sagen, steht noch recht am Anfang. Ich glaube auch, dass da es mehr Bewusstsein gibt, dass das berücksichtigt werden muss in der Psychotherapie oder grundsätzlichen Therapien. Gleichzeitig aber nicht klar ist, wie.
Und das hängt auch wiederum zusammen mit der Ausbildung von Therapeutinnen, Ärztinnen, fehlender Input dazu, was eben Rassismus gesundheitlich bewirkt und zu welchen Auswirkungen es kommen kann. Und gleichzeitig haben viele berichtet, dass ihre Rassismuserfahrungen eben abgesprochen werden, dass dann zum Beispiel gesagt wird, vielleicht war die Person zu empfindlich in dieser Situation, vielleicht ging es gar nicht darum und es ging um etwas ganz anderes.
Und dann ist es vielleicht aber auch eine klassische Situation, die immer wieder passiert und dann eben individualisiert und an dem Klienten oder an den Patientinnen abgearbeitet wird. Und das darf eben nicht passieren. Und dafür müssen wir eben Wissen darüber haben, dass das passiert und wie sich das auch auswirkt. Und das wirkt sich zum Beispiel im Rahmen der Psychotherapie so aus, dass Menschen ihre Therapien abbrechen oder erst gar nicht in Psychotherapie gehen.
Und für Kinder und Jugendliche ist es noch komplizierter, da sie ja eben auch diese Prozesse noch gar nicht verbalisieren können oder auch einen großen Einfluss auf ihre Identitätsentwicklung nehmen wird. Und dafür muss es eben auch in der Psychotherapie-Ausbildung und Weiterbildung Konzepte zu geben, die das aufgreifen. Und auch Diversität im Beruf bedeutet das, also dass wir auch Psychotherapeutinnen, Ärztinnen brauchen, die eben auch aus diesen Communities kommen.
Aber vor allem die Fähigkeit der rassismuskritischen Wissens und Praxis. Wie könnte man diese Missstände ganz konkret angehen? Und gibt es eigentlich seit dem Afro-Zensus irgendwelche positiven Entwicklungen im Gesundheitswesen, die ihr mit verfolgen konntet? Irgendwelche Folgeprojekte, die diese Ergebnisse aus eurer Studie ernst nehmen und aktiv was verändern wollen?
Ja, ich glaube, positive Effekte sind auf jeden Fall, dass zum einen das Bewusstsein für eben Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Gesundheitswesen in den letzten Jahren zugenommen hat, dass Menschen sich immer mehr bewusst werden, dass das nicht so einfach ist und dass nicht alle Menschen irgendwie Zugang haben oder einen gleichberechtigten Zugang haben zur Versorgung.
Und es gibt verschiedene Versuche, auch von jungen Studierenden, zum Beispiel Medizinstudierenden, die dann versuchen, dass an dem Curriculum das geändert wird und dass medizinische Lehrbücher bestimmte Bevölkerungsgruppen, gerade rassistisch marginalisierte Bevölkerungsgruppen, mit abbilden und auch anders abbilden, wenn sie sie aktuell problematisierend abbilden.
Ich glaube auch, dass wir mehr Bewusstsein dafür haben, dass Rassismus eine soziale Determinante der Gesundheit ist, obwohl wir noch nicht die Methoden und die Kategorien haben, um Rassismus zu messen. Also ich glaube, es ist schon angekommen, gerade auch aus den Belegen internationaler Forschung, dass es gesundheitliche Auswirkungen hat und dass wir diese in der Forschung und auch in der Gesundheitsversorgung berücksichtigen müssen.
Wie wir es machen, da sind wir noch am Anfang. Und es gibt auch einige Ansätze in den Communities selbst, zumindest zu dokumentieren, wie Menschen erfahren, wie Menschen in Versorgung und Strukturen, wie sie sich darin bewegen und was es für Lücken gibt. Es gibt auch die ein oder andere Fachstelle mittlerweile für rassismuskritische Gesundheitsversorgung.
Ich glaube, wir sind da noch recht langsam, aber auf dem Weg. Und was wir, glaube ich, mehr brauchen, sind weniger so Pilotprojekte und Sachen, immer wieder von neu starten und dann 1, 2, 3 Jahre finanzieren, sondern eben nachhaltige Strukturen, die gemeinsam mit Communities entwickelt werden und dann auch dauerhaft finanziert und institutionalisiert werden.
Weil das ist, glaube ich, die größte Herausforderung. Es gibt einige gute Ansätze, aber die sind dann auch oft befristet und eingeschränkt in ihrer Wirkung. Ja, blicken wir vielleicht mal in die Zukunft. Sie haben es vorhin schon erwähnt. Also in diesem Jahr, genau im November, feiert der Afro-Zensus 5-jähriges Jubiläum.
Und wenn ich zurückdenke an die Zeit, als die Ergebnisse des Afro-Zensus veröffentlicht wurden, also Ende 2021, das war eine Zeit, in der Rassismus in Deutschland gerade doch ein etwas besprocheneres Thema war. Einer der Auslöser dafür war zum Beispiel die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd im Jahr 2020 und die in den USA entstandene Black Lives Matter Bewegung. Und dieser Diskurs ist definitiv auch nach Deutschland rübergeschwappt, hat hier einen Diskurs über Rassismus angeregt.
Wie schätzen Sie die Lage dann heute ein? Würden Sie sagen, dass der Diskurs über Rassismus wieder etwas mehr in den Hintergrund gerückt ist? Ich muss sagen, leider ja. Es ist gerade nicht so einfach, Ressourcen und Möglichkeiten zu finden, um Antirassismusarbeit in Deutschland zu machen. Und das ist auch ein Trend, der ja international gerade leider oder global stattfindet.
Und das ist nicht so einfach zu verdauen und auch nicht zu akzeptieren. Das bedeutet dann wiederum auch, dass viele Initiativen und gesellschaftliche Transformationsprozesse, auch wenn es erst mal nur Forderungen sind, viel von den marginalisierten Communities getragen werden müssen. Und wir diese Arbeit ja auch schon einige Jahrzehnte machen.
Ich glaube, dass es auch wichtig ist, dass die Perspektiven ernst genommen werden, die tagtäglich diese Ungleichheit erleben und eine Veränderung brauchen. Also wir müssen eigentlich, im englischen Kontext sagt man „harm reduction“, also wir müssen die Verletzung des Rechts auf Gesundheit, wir müssen dagegen kämpfen und aktiv was tun. Und gleichzeitig müssen wir ja anfangen, Ressourcen fair zu verteilen, gerecht zu verteilen.
Und ich bin mir oft nicht sicher, ob das zu beschreiben und über die Verhältnisse zu sprechen allein ausreicht, um das zu erreichen. Wie sieht für Sie die Zukunft des Gesundheitssystems aus, wenn Sie es sich im positivsten Sinne vorstellen könnten?
Ich finde, es wichtig, dass wir unser Gesundheitssystem so verändern und transformieren, dass es ein Gesundheitssystem ist, welches die Vielfalt der Bevölkerung nicht als Herausforderung betrachtet, sondern als Normalität und das in allen Strukturen und Prozessen implementiert. Wenn Sie nicht in Ihre Forschung vertieft sind, dann habe ich gesehen, schreiben Sie. Sie haben auch schon ein Buch veröffentlicht, ein Sammelband, der Lyrik und Prosa vereint, „Die Haut meiner Seele“, veröffentlicht im Unrast Verlag.
Neben der Wissenschaft kreativ zu arbeiten, ist das für Sie ein guter Ausgleich? Auf jeden Fall.
. Schreiben an sich ist eine Ressource für mich, also ob ich jetzt wissenschaftlich schreibe oder künstlerisch. Und ich bin in verschiedenen Sprachen groß geworden und habe dadurch auch Zugang zu verschiedenen Ressourcen des Schreibens, würde ich sagen. Und das hilft mir oft, die Dinge auszubalancieren und eben auch andere Formen des kreativen Schaffens zu finden.
Mich beeindruckt das besonders, weil wissenschaftliches Schreiben ja ein ganz besonderes Schreiben ist, was viele auch nicht so sehr mögen. Das heißt, ich bewundere das sehr, wenn man das kann. Aber es ist auch sehr normiert, also die Art, wie wir wissenschaftlich schreiben. Und ich glaube, künstliche Intelligenz fordert das jetzt sehr heraus, weil es gibt auch in anderen Gesellschaften Arten, Forschung zu machen und des wissenschaftlichen Schreibens, was auch eher kreativer ist und auch mit Lyrik.
Und ich glaube, das ist auch disziplinabhängig, aber es gibt dann auch Wege, da die Brücke zu schlagen zwischen Literatur oder wie wir Literatur sehen und wie wir wissenschaftliches Schreiben sehen, denke ich. Das würde ich mir auf jeden Fall wünschen für meine beiden Arten des Schreibens, dass die irgendwann vielleicht sogar doch ein kleines Stückchen noch näher zueinander finden.
Ja, ich habe ein Paper jetzt Ende Juni geschrieben mit einer Kollegin aus Belgien. Sie ist Anthropologin oder PhD in einem Bereich Anthropologie. Und wie wir dieses Paper geschrieben haben, das ist eine Reflexion über den Afro-Zensus. Und das ist so… Trotzdem hat es halt einen Rhythmus und so ist es wissenschaftlich. Und es ist auf Grundlage von bestimmten Theorien und so weiter. Und trotzdem ist das nicht so starr.
Aber gleichzeitig ist es ja auch so, dass wenn ich jetzt Biosozialforschung mache, kann ich ja nicht mitten im Satz anfangen zu dichten. Es ist schon sehr schwierig, die Methoden, die sehr steril sozusagen sind, dann auch sehr vorsichtig zu beschreiben. Okay, das sind die Ergebnisse und um Missinterpretationen so vorzubeugen. Also ich habe dann auch gemerkt, es ist gut, so zu schreiben und es ist auch gut, so zu schreiben. Manchmal kann man eben das kombinieren.
Dr. Mona Ekins verbindet in ihrer Forschung die Fachbereiche Psychologie, Biologie und Soziologie, um über Rassismus zu forschen, mit einem Fokus auf gesundheitliche Konsequenzen für Betroffene und schaut dabei insbesondere auch auf unser Gesundheitssystem. Sie war leitende Wissenschaftlerin beim Afro-Zensus 2020, der in diesem Jahr fünftes Jubiläum feiert.
Und zwar gibt es für eine Folgestudie noch keine Finanzierung. Im November soll aber ein aktueller Bericht veröffentlicht werden. Darin geht es um aktuelle Diskriminierungserfahrungen von über 4000 Befragten.
In der nächsten Folge von Ach Mensch wird es dann nochmal ganz direkt um unser Gesundheitssystem gehen. Wir fragen uns dann: Wie steht es um die Geburtshilfe in Deutschland? Warum schließen immer mehr Entbindungsstationen und was bedeutet das für das Wohl von Müttern, Kindern und Familien? Hört doch gerne wieder rein.
Und wenn ihr keine Folge verpassen wollt, dann lasst uns jetzt ein Abo da. Ich bin Jessi Hughes. Schön, dass ihr zugehört habt. Bis zum nächsten Mal. Ciao!