Doping-Skandal | Warum Russland kollektiv bestraft wird

"Leistungssport ist eine Unterhaltungsindustrie"

20.06.2016

Die Doping-Sperre der russischen Leichtathleten ist auf unbestimmte Zeit verlängert worden. Damit wird es kein russisches Team bei den Olympischen Sommerspielen 2016 geben. Von staatlich organisiertem Zwangsdoping ist die Rede. Russlands Präsident Putin wehrt sich gegen die "Kollektivstrafe".

Doping, Russland und Olympia. Russland steht am Pranger. Ein Auslöser für die Doping-Sperre für die russischen Leichtathleten sind positive Tests aus dem vergangenen Jahr und Recherchen der Dopingredaktion der ARD. Dadurch ist es faktisch nicht möglich, dass die Sportlerinnen und Sportler bei den anstehenden Olympischen Spielen in Brasilien antreten – das haben der Leichtathletikweltverband IAAF und das IOC beschlossen.

Doping: Russland mit systematischem Doping?

Das Dopen soll dabei nicht vereinzelt, sondern flächendeckend und systematisch stattgefunden haben – zumindest bei den Leichtathleten. Von staatlich organisiertem Zwangsdoping ist die Rede. Positive Proben sollen vertuscht und Kontrolleuren die Einreise verweigert worden sein. Diskutiert werden auch Fälle, in denen sich Athleten angeblich vom Verdacht freikaufen konnten.

Dass das Doping geheim und geschützt erfolgte, indem Kontrollen verhindert wurden, ist das Eigentliche, was die Welt stört. – Prof. Fritz Sörgel, Doping-Experte

Nun vermuten Experten, dass neben der Leichtathletik auch andere Bereiche betroffen sind. So fordert unter anderem der Chef des deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, das Verbot auf die komplette russische Olympia-Mannschaft auszuweiten.

Eine ganze Nation wegen Dopings von Olympia auszuschließen, das hat es bisher noch nicht gegeben. Im letzten Jahr suspendierte der Weltverband der Gewichtheber das komplette bulgarische Gewichtheber-Team wegen eines ähnlichen Vorfalls wie jetzt in der russischen Leichtathletik. Auch Staatsdoping gab es schon. Um ihre Leistung zu steigern, nahmen beispielsweise Sportlerinnen und Sportler der DDR staatlich kontrolliert Medikamente ein.

Was Staatsdoping betrifft, haben wir in Deutschland auch keine besonders rühmliche Geschichte. Was in der DDR gelaufen ist, das war echtes Staatsdoping. Und das hat Russland nachgemacht. – Prof. Fritz Sörgel, Doping-Experte

Reaktionen aus Russland

Russland sieht sich in der Affäre als Opfer. Präsident Putin hat die Olympia-Sperre als unfair bezeichnet, die Stabhochspringerin und Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa sieht in den Sanktionen gar eine Menschenrechtsverletzung.

Auch wenn sich viele Wettkämpfer über das Fernbleiben der gedopten Konkurrenz freuen, ist nicht komplett auszuschließen, dass russische Leichtathleten bei Olympia zu sehen sein werden. Aktive Sportler ohne Verbindung zum offiziellen russischen Leichtathletik-Verband sollen per Ausnahmeregelung unter neutraler Flagge teilnehmen dürfen.

Trotz strikter Doping-Verbote gelingt es Athleten immer wieder, im großen Stil zu betrügen. Einige Experten fordern daher bereits eine Legalisierung aller Dopingmittel, da der Gebrauch ohnehin nicht zu verhindern sei. Für den Doping-Experten Prof. Dr. Fritz Sörgel ist eine Lockerung der Vorschriften jedoch keine Lösung. Er ist Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg und hat mit detektor.fm-Moderator Christian Eichler über die Hintergründe und Auswirkungen des Skandals gesprochen.

Fritz SörgelDer Hochleistungssport ist eine Unterhaltungsindustrie. Wenn man Doping für diesen freigibt, kommt das noch schneller auch beim Amateursport an. Das ist undenkbar.Prof. Dr. Fritz Sörgelist Doping-Experte und Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. 

Redaktion: Marco Hennig