Was der Armutsbericht 2016 wirklich verrät

"Flüchtlinge sind ein sehr beliebter Sündenbock"

23.02.2016

Arm im Wohlfahrtsstaat: Während die deutsche Wirtschaft den öffentlichen Kassen höhere Einnahmen beschert, haben die sozialen Randgruppen weiterhin wenig zu lachen. Das Armutsrisiko bleibt weiterhin auf einem hohen Niveau – und die politsiche Polarisierung nimmt ihren Lauf.

Der Armutsbericht – Ein ewiges Klagelied?

Wenig überraschend sind die neuesten Ergebnisse des Armutsberichtes des Paritätischen Gesamtverbandes. Während die deutsche Wirtschaft für ein saftiges Plus in den öffentlichen Kassen sorgt, ist das Armutsrisiko weiterhin auf einem hohen Stand. Damit reiht sich der Bericht in die aktuellen Untersuchungen einer Oxfam-Studie ein. Denn vom Wirtschaftswachstum bekommen soziale Randgruppen nur wenig zu spüren.

Lieber arm dran als absolut arm?

Armutsgefährdet ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Dabei ist in Deutschland von einer Armut die Rede, die zwar nicht die Existenz bedroht, jedoch aber die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Von dieser sozialen Ausgrenzung sind laut aktuellen Zahlen 12,5 Millionen Menschen betroffen. Neben Alleinerziehenden, Erwerbslosen und jungen Menschen ist besonders das Armutsrisiko unter Rentnern alarmierend angestiegen.

Viele Menschen sind nur eine Krankheit oder eine Kündigung von der Armut entfernt. Und das wirkt sich auf die Ängste der Gesellschaft aus. – Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler

Trotz eines leichten Rückgangs des Armutsrisikos bleiben die regionalen Unterschiede weiterhin groß. In Bayern und in Nordrhein-Westfalen stieg die Armutsquote im Vergleich zum Jahr 2014 erneut an. Besonders das Ruhrgebiet ist mit einem Armutsrisiko von 20 Prozent auf einen Höchststand angestiegen. Ist Deutschland also ein zerrissenes Land?

Wenn sich die sozialen Gegensätze zuspitzen, dann wird auch eine Gesellschaft unfriedlicher. Auch unfriedlicher im Bezug darauf, dass sie politisch nicht mehr so konsensfähig ist. – Christoph Butterwegge

Hausgemachte Armutsprobleme

Die Gesellschaft lebt auch weiterhin in einer Kluft zwischen Arm und Reich. Doch der anhaltende Flüchtlingszuzug erweitert die hitzige Debatte um einen neuen Begriff. Im Zuge der Fluchtmigration rückt auch die „absolute Armut“ immer näher an die deutsche Gesellschaft heran. In der aktuellen Statistik sind die Zahlen der Flüchtlinge jedoch noch nicht erfasst.

Die Flüchtlinge werden noch eine tiefere Kluft zwischen Arm und Reich bewirken. Denn, wenn sie Arbeit finden werden, dann wahrscheinlich nur im Niedriglohnsektor. Dadurch wird neben der absoluten Armut auch die relative Armut weiter ansteigen. – Christoph Butterwegge

Es sei Zeit zu handeln, heißt es von Seiten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der Verband fordert die Bundesregierung auf, sich sozial- und steuerpolitisch neu auszurichten. Eine Armutsbekämpfung könne nur durch Umverteilung garantiert werden.

Wie der neue Armutsbericht einzuschätzen ist und welche Rolle Geflüchtete in der Armuts-Debatte spielen, bespricht detektor.fm-Moderatorin Astrid Wulf mit dem Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Er ist Spezialist auf dem Gebiet der Armutsforschung und hat die politischen Ursachen in seinem neuen Buch aufgeschlüsselt.

Christoph ButterweggeDie Zahlen geben eine Tendenz an. Die Tendenz ist auf soziale Polarisierung hin sichtbar. Und diese soziale Polarisierung, die Spaltung in Arm und Reich, bewirkt auch die politische Spaltung und Polarisierung, die wir jetzt etwa in der Flüchtlingsdiskussion feststellen. Christoph Butterwegge ist Politikwissenschaftler und Armutsforscher an der Universität in Köln. 

Redaktion: Johanna Siegemund