Boreout: Wenn Langeweile krank macht

Lieber überfordert als unterfordert

08.02.2016

Löcher in die Decke starren und die Zeit totschlagen – so mancher wünscht sich das manchmal. Tatsächlich kann Unterforderung am Arbeitsplatz zu gesundheitlichen Problemen führen. Das Boreout-Syndrom ist das Gegenstück zum altbekannten Burnout-Syndrom, deswegen aber nicht weniger gefährlich.

Es ist das ewige Hamsterrad: Unaufhörlich läuft der Arbeitnehmer weiter in einer Spirale aus monotonen Abläufen und unterfordernden Aufgaben. Trotzdem ist er am Ende des Tages von seiner Langeweile erschöpft und gestresst. Was sich wie ein Luxusproblem anhört, kann ernsthaft krank machen.

Boreout – Die Absurdität von Freizeit am Arbeitsplatz

Faulenzen am Arbeitsplatz und dafür trotzdem Geld bekommen, klingt erst einmal verlockend. Doch auf Dauer wird die Freizeit schnell zur leeren Zeit und die Arbeit zum bloßen Absitzen von Stunden. Da Langeweile am Arbeitsplatz nicht gerne geduldet wird, täuscht man die eigene Produktivität einfach vor. Dadurch lastet ein großer Druck auf dem Arbeitnehmer, denn er will einerseits nicht beim Nichtstun erwischt werden und andererseits zweifelt er an seiner eigenen Leistungsfähigkeit.

Es ist tatsächlich so, dass wir eine optimale Form von Stress brauchen. Wir haben eine Stressform, die uns guttut, wenn wir gefordert sind. – Wolfgang Merkle, Facharzt für psychomatische Medizin

Das Boreout-Syndrom ist besonders in Berufen anzutreffen, in denen Arbeitsplätze durch die fortschreitende Digitalisierung wegrationalisiert werden. Arbeitnehmer in der Verwaltungs- und Dienstleistungsbranche und auch in Unternehmen, die fusionieren, müssen ihren Arbeitsplatz verteidigen – auch wenn dieser in der Form gar nicht mehr existiert.

Der Bruder des Burnouts

Das Boreout-Syndrom ist weit mehr als nur ein Modebegriff, um beispielsweise Unterhaltungsserien zu beschreiben. Seit neun Jahren ist das Phänomen der „krankhaften Langeweile“ bereits bekannt. Vorgestellt wurde es von den Schweizer Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter Werder, die mit dem Vorurteil des Luxusproblems „Nichtstun am Arbeitsplatz“ aufräumen wollten. Doch ähnlich wie das Burnout, hat es das Boreout schwer, gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

Wir beobachten, dass die Patienten die Problematik mit der Unterforderung viel weniger zum Ausdruck bringen, weil es in der Gesellschaft viel angesehener ist, gebraucht zu werden. – Wolfgang Merkle, Chefarzt am Hospital zum Heiligen Geist

Dabei ähneln sich die Symptome von Überforderung und Unterforderung am Arbeitsplatz: Schlaflosigkeit, Tinnitus, Muskelzucken oder Rückenschmerzen. Eine wirkliche Unterscheidung gibt es nur bei dem Ursprung des Problems. Boreout ist also keine Krankheit, sondern ein Indikator, der zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Doch welche Auswege gibt es aus dem „süßen Nichtstun“? detektor.fm-Moderatorin Constanze Müller hat sich von Wolfgang Merkle die Grenzen von Burnout und Boreout erklären lassen. Er ist Facharzt für psychosomatische Medizin am Hospital zum Heiligen Geist und weiß, wie man aus der Langeweile-Falle am Arbeitsplatz ausbrechen kann.

BoreOut_W.MerkleIch glaube, in Betrieben wird noch viel zu wenig darüber kommuniziert.Dr. Wolfgang Merkleist Facharzt für psychosomatische Medizin am Hospital zum heiligen Geist. 

Redaktion: Johanna Siegemund